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Fernsehen im SWR

Die Geschichte der Anästhesie Zeitreise: Narkose

aus der Sendung vom Donnerstag, 9.2.2006 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen

Der medizinische Fortschritt erfordert - neben gut ausgebildeten Allgemeinärzten - auch immer mehr Spezialisten. Das war früher völlig anders. Da gab es nur Ärzte für innere Krankheiten und sogenannte Wundärzte, die Chirurgen. Das Wort Chirurg kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Handwerker. Eine ziemlich zutreffende Beschreibung, wenn man weiß, wie damals operiert wurde: Unter katastrophalen Bedingungen und natürlich völlig ohne Betäubung ...

Wir schreiben das Jahr 1712. Johann Andreas Eisenbarth ist der berühmteste reisende Chirurg seiner Zeit. Wenn er operiert, und das geschieht zumeist auf Jahrmärkten im ganzen Reich, kommen die Leute - sie lassen sich die Schmerzensschreie der Patienten nicht entgehen. Ein Spottlied entstand, weil sich Eisenbarth von einer ganzen Truppe von Gauklern ankündigen ließ:

"Ich bin der Dr. Eisenbarth,
Kurier die Leut´ nach meiner Art,
Kann machen, dass die Blinden geh´n,
Und dass die Lahmen wieder seh´n."

"Ich fing an zu schreien und konnte nicht mehr aufhören"

Dabei betäubt der Chirurg und Wanderarzt seine Patienten allenfalls mit Whiskey oder viel Wein. Operationen ohne Betäubung sind Alltag. Noch einhundert Jahre später schildert die englische Schriftstellerin Fanny Burney in einem Brief an ihre Schwester, welche Schmerzen sie bei eine Brustamputation erlitt: "Hell funkelte der polierte Stahl durch das Tuch. Dann fuhr das grauenvolle Messer mir tief in die Brust, schnitt durch Venen, Arterien, Fleisch, Nerven, schabte an meinem Brustbein. Ich fing an zu schreien und konnte nicht mehr aufhören."

In den USA entdeckt 1844 der Arzt Horace Wells, dass Äther und Lachgas nicht nur betäuben, sondern auch die Schmerzen nehmen. Damit bricht das Zeitalter der modernen Anästhesie an. Sein Kollege und Schüler William Morton demonstriert zwei Jahre später im Hörsaal des General Hospitals in Boston die erste erfolgreiche Äther-Narkose. Durch die Narkose haben die Ärzte jetzt viel mehr Zeit zum operieren. Jetzt sind auch komplizierte Eingriffe möglich, bei denen die Patienten keine Schmerzen mehr spüren.

Zu oft gerät die Narkose außer Kontrolle

Doch die eingesetzten Betäubungsgase bleiben bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts gefährlich. Immer wieder sterben Patienten an den Folgen der Narkose. Äther, das die Patienten über eine Maske bekommen, verschleimt die Bronchien. Die Patienten ersticken. Chloroform wiederum belastet den Kreislauf stark. Und: Zu oft gerät die Narkose außer Kontrolle, weil die Dosis zu ungenau ist.

Nach dem 2. Weltkrieg sind neue Narkosegeräte nötig, um die vielen Tuberkulose-Operationen ausführen zu können. Dabei müssen die Patienten nicht nur eingeschläfert, sondern auch künstlich beatmet werden. Diese komplizierte Technik erfordert spezielle Fachärzte: Anästhesisten. Seit 1952 gibt es in Deutschland (West und Ost) die Facharztausbildung. Die Flurane, mit die wichtigsten Inhalations-Narkotika, ersetzen ab den 1960er Jahren Äther und Chloroform. Die exakte Dosierung ermöglicht es, das Bewusstsein des Patienten zielgerichtet aus- und wieder einzuschalten. Ohne große Nebenwirkungen.

Damit ist die Narkose zum sicheren Instrument der Medizin geworden.

Michael Hänel

Letzte Änderung am: 09.02.2006, 00.00 Uhr