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Fernsehen im SWR

Nur kleine Fische? Von wegen! Fisch-Frevel

aus der Sendung vom Donnerstag, 3.5.2007 | 22.15 Uhr | SWR Fernsehen

Fast alle Speisefischarten sind überfischt, denn unser Appetit auf Fisch ist unvorstellbar: Rund 100 Millionen Tonnen werden jedes Jahr gefangen. Wenn die Netze der Fischer trotz aller Mahnungen heute immer noch voll sind, dann nur, weil man zum einen immer weiter in die Tiefsee vorstößt und zum anderen, weil die Fangmethoden immer aggressiver werden. Etwa mit Netzen, deren Maschengröße an Land zwar den Vorschriften entsprechen, unter Wasser aber dicht wie eine Plastiktüte werden. Der Meeresbiologe Rainer Froese kämpft gegen die Plünderung der Ozeane.

Ausgenommener Kabeljau liegt in einer Metallwanne

Hoffnungslos überfischt: der Kabeljau oder auch Dorsch genannt

"Man sieht halt nicht, was da vor sich geht. Das ist weit weg und wir sehen nur, wenn die Fische lecker auf unserem Teller landen. Aber was da draußen vor sich geht, das bleibt verborgen", weiß der Wissenschaftler. Beispiel Kabeljau, wie er in der Nordsee heißt. In der Ostsee wird er Dorsch genannt, oder besser: wurde. Als Speisefisch ist er fast verloren. Und das, obwohl Jahr für Jahr über die Kabeljau-Katastrophe von zahlreichen Forschern mit wissenschaftlichen Arbeiten berichtet wird.

Rainer Froese ist einer dieser Wissenschaftler. Im Kieler Institut für Meereswissenschaften IfM GEOMAR wollen die Meeresforscher mit Schauaquarien für die Gärten des Poseidon werben. Etwa für den Dorsch: "Der Dorsch wird mit etwa mit drei Jahren geschlechtsreif hier, lebt dann im Durchschnitt fünf Jahre, hat also fünf mal die Chance sich fortzupflanzen. Leider fangen wir ihn aber schon mit zweieinhalb bis drei Jahren. Das heißt, die Mehrzahl der Dorsche hatte überhaupt keine Chance sich fortzupflanzen. Und die Wenigen die das können, tun es nur ein- oder zweimal. Und da liegt also die Hauptursache, meines Erachtens, dass die Bestände dabei sind, zusammenzubrechen," so Rainer Froese.

Kleine Fische - tote Meere

Wie viele andere bedrohte Fischarten wird der Dorsch also zu klein gefangen. Die Messung der gesetzlich verordneten Maschenweite an den Netzen soll dazu dienen, dass die Jungfische sich aus dem Netz befreien können. Die Realität aber sieht anders aus: Spezialaufnahmen der Wissenschaftler zeigen, dass ein an sich weitmaschiges Netz unter Belastung so engmaschig wird, dass auch die kleineren Jungfische kaum eine Chance haben zu entkommen. Jungfische, die die Flucht nicht schaffen, werden aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen dem Meer übergeben - "toter Beifang", wie es im Fischerjargon heißt.

Rainer Froese hat dem Fang und Verkauf von zu kleinen Fischen den Kampf angesagt. Ob Dorsch, Scholle oder Hering: mit seinem Fischmax, einem Maßband für die Fische der Nord- und Ostsee, kann er messen, ob der Fang zu klein ist. Der genaue Blick auf einem Fischmarkt zeigt: so mancher Fisch entspricht in der Größe nicht den Bestimmungen. An einem Stand werden Mini-Heringe angeboten. Auch sie konnten sich nicht vermehren. Die meisten Fische auf dem Markt sind allerdings groß genug, damit sie für den Erhalt ihrer Art sorgen konnten. Wo liegt also das Problem? "Hier auf dem Markt sehen wir überwiegend Fische, die die richtige Größe haben" ,sagt Rainer Froese. "Das liegt daran, dass die Händler in verschiedenen Größenklassen einkaufen und die fangen meistens bei der zweiten Größenklasse an. Also die ganz Kleinen nehmen sie gar nicht erst. Und die meisten Kunden wollen auch etwas größere Fische haben, das passt also eigentlich zusammen. Leider werden trotzdem die kleinen Fische gefangen, die sehen wir hier aber nicht."

Scheinfilets - aus klein mach groß

Das Problem beginnt fernab unserer Blicke. Auf hoher See werden zu kleine Fische aus dem Fang der großen Trawler kurzerhand direkt zu einer Masse verarbeitet. Kein Händler oder Käufer kann dann noch erkennen, ob die Quelle solcher "Scheinfilets" kleine oder große Fische waren. Doch gibt es denn überhaupt noch heimische Fische, die man ohne Skrupel essen darf? Ja, meint Rainer Froese: "In der Nordsee wäre das hauptsächlich der Seelachs, der hat so ein bisschen graues Filet, aber die deutsche Hausfrau hat damit kein Problem. Der ist also günstig und auch der Bestand ist in Ordnung. Ansonsten Heringe und Sprotten sind auch einigermaßen in Ordnung, weil ihr Haupträuber, der Dorsch oder Kabeljau, in der Nordsee runtergefischt ist, kann man die also mit gutem Gewissen essen und kaufen."

Artenschutz an der Kühltheke

Der Biologe hat noch einen Tipp: Es lohnt sich, am Tiefkühlregal auf das blaue Siegel des "Marine Stewartship" zu achten, weiß der Meeresbiologe: "Es lohnt sich vor allem für die Fische, denn das sind nachhaltige Fischereien. Wir haben uns auch die Bestände angeguckt, also die Originaldaten, und können bestätigen, dass Produkte mit diesem Siegel tatsächlich auch nachhaltig gefischt worden sind."

Überfischungsmotor Fischfarm

Ein großer Teil der weltweiten Fangmengen landet übrigens nicht auf unserem Teller, sondern in so genannten Fischfarmen oder Aquakulturen. Die dort gezüchteten Fische werden mit Mehl aus Wildfischen aus dem offenen Meer gefüttert. Somit trägt diese scheinbar nachhaltige Bewirtschaftung zum Raubbau der Meere bei, erklärt Froese: "Ungefähr ein Drittel des Weltfangs wird zu Fischmehl verarbeitet, reduziert heißt das so schön, zu Pellets gepresst und dann verfüttert an Aquakultur. Und man muss ungefähr die fünffache Menge an Fisch rein werfen, in diese Anlagen, wie man dann wieder rausbekommt. Von daher ist das keine Lösung der Überfischung, sondern ganz im Gegenteil: das trägt zur Überfischung bei."

Wenn es weitergeht wie bisher - so schätzt Rainer Froese - werden wir so manchen Fisch bald nur noch im Aquarium bestaunen können. Noch können wir das verhindern.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 09.07.2007, 15.39 Uhr