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SENDETERMIN Do, 12.4.2007 | 22:01 Uhr | SWR Fernsehen

"Geld vom Teufel" Gekaufte Tabakforschung

Rauchen ist lebensgefährlich. Das ist erwiesen und steht auf jeder Zigarettenpackung - aber die Tabakindustrie versucht trotzdem, mit viel Geld das Gegenteil zu beweisen: dass das Rauchen vielleicht doch nicht so riskant ist. Das zeigen geheime Dokumente, die der Gesundheitswissenschaftler Dr. Thilo Grüning durchforstet hat. Rund sieben Millionen Dokumente musste die Tabakindustrie Ende der 90er Jahre in den USA auf Druck von Gerichten veröffentlichen - im Internet. Die hat Thilo Grüning nach deutschen Verbindungen durchsucht - mit erschreckendem Ergebnis.

"Also die Dokumente, die wir gefunden haben zeigen, dass ein massiver Einfluss bestand. Dass der Einfluss auf Wissenschaft in Deutschland sehr tiefgreifend war," sagt Dr. Thilo Grüning von der London School of Hygiene and Tropical Medicine. "Und man kann davon ausgehen - man muss davon ausgehen - dass verfälschte Wissenschaft und auch von der Tabakindustrie bezahlte Wissenschaftler und Ärzte das Meinungsbild anderer Wissenschaftler, das Meinungsbild der Öffentlichkeit und der politischen Entscheidungsträger beeinflusst haben und damit über Jahrzehnte Tabakkontrollpolitik in Deutschland blockiert haben."

Gut für das Geschäft der Tabakindustrie. Im Zentrum Berlins, ganz in der Nähe von Regierung und Parlamentariern, ist das Hauptquartier der mächtigen Tabak-Lobby: der Verband der Cigarettenindustrie, kurz VdC oder "the Verband", wie er in den Geheimdokumenten genannt wird. Dass die Zigarettenindustrie die Forschung in Deutschland massiv beeinflusst hat - für den Verband sind das haltlose Vorwürfe.

"Ich glaube, dass eine Industrie die Verantwortung trägt, gerade bei einem riskanten Produkt, und das haben wir, dass sie sich dieser Verantwortung auch dadurch stellen muss, dass sie objektive Forschung braucht, das heißt Forschung von außen, keine eigene, sondern von Wissenschaftlern, die von außen sind," sagt Wolfgang Hainer, Geschäftsführer des Verbandes der Cigarettenindustrie. "Das haben wir gemacht. Ich glaube auch, dass wir da gar nichts zurückzunehmen haben, sondern: Wir haben Forscher beauftragt, die außen sind, wir haben denen weder inhaltlich noch strukturell noch methodisch Vorgaben gemacht, schon gar nicht darum, wenn es um die Veröffentlichung ging. Insofern sind das, was hier der Verband zu verantworten hat, sind das Maßnahmen, die ganz normal sind, im Sinne: wir brauchen den Rat, wir brauchen die Forschung von außen, das haben wir gemacht."

Die Forschung von Professor Überla

Da ist die Erinnerung des Verband-Chefs wohl etwas lückenhaft. Der Verband hat im Gegenteil ganz massiv Einfluss genommen. Das belegen zahlreiche Dokumente. Ein Beispiel: die Forschung von Professor Überla über das Passivrauchen. Der Wissenschaftler bekam laut Dokumenten fast zwei Millionen Mark für seine Forschungen zum Passivrauchen. Aber nicht einfach so, sondern, Zitat aus einem geheimen Sitzungsprotokoll: "Zuvor musste Professor Überla die Position des Verbandes zum Passivrauchen akzeptieren, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse nicht parteiisch gegen die Industrie wären."

Ein besonderer Coup, denn Prof. Überla war nicht irgendwer, sondern damals Präsident des Bundesgesundheitsamtes. Nur einer von zahlreichen Fällen, in denen die deutsche Tabakindustrie massiven Einfluss genommen hat.

"Die Dokumente zeigen eindeutig, dass der VdC nicht anders gehandelt hat als andere Tabakfirmen", sagt der Gesundheitswissenschaftler Dr. Thilo Grüning: "Dass auch der VdC die Forschung in Deutschland beeinflusst hat, dazu gehört auch das Unterdrücken von Publikationen, von Studien die gelaufen sind, dazu gehört auch das Verheimlichen der Förderung durch den VdC bei der Publikation. Und es gibt sogar Hinweise darauf, dass der VdC Publikationen manipuliert hat."

Probleme der Vergangenheit? Der VdC fördert zwar derzeit nach eigenen Angaben keinerlei Forschung mehr. Aber die Forschungsgelder der Tabakfirmen fließen direkt oder indirekt weiter in die Taschen zahlreicher Ärzte und Forscher. Noch immer haben da selbst renommierteste Häuser wie das Deutsche Herzzentrum in Berlin wenig Berührungsängste.

Der Kardiologe Prof. Eckart Fleck arbeitet mit Geld aus einem Forschungsprogramm von Philip Morris und erforscht damit die Bildung von Ablagerungen in Blutgefäßen. Seine Ergebnisse könnten der Tabakindustrie keinesfalls nützen, sagt er, und betont, dass es keinerlei Einflussnahme gäbe: "Ich kann nicht nachvollziehen, dass alles, was irgendeinen Namen hat - ob nun Reemtsma oder Philip Morris oder sonst was - bereits als Tabakindustrie einzuordnen ist," sagt Prof. Fleck. "Es gibt sehr ehrenwerte Stiftungen, die zum Teil solche Firmennamen in ihrem Stiftungsnamen mit enthalten, die aber ganz unabhängig davon freie Wissenschaft fördern."

Einfluss über Stiftungen sind zahlreich belegt

Dieser weit verbreiteten Auffassung hält Dr. Thilo Grüning entgegen: "Die Dokumente beschreiben zahlreiche Beispiele dafür, dass die Tabakindustrie über Dritte, wie zum Beispiel solche Stiftungen, Forschung gefördert hat, um der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass diese Forschung unabhängig wäre. Und die Tabakdokumente zeigen ganz eindeutig, dass auch weiterhin die Tabakindustrie Einfluss auf diese Forschung genommen hat."
Und die Zigarettenindustrie hat wohl noch lange nicht aufgegeben. Derzeit versucht sie in einer neuen, großen Studien zu untersuchen, ob "Ultraleicht"-Zigaretten ein kleineres Krebsrisiko haben als normal starke Zigaretten. Für diese Studie sucht die Industrie händeringend 26.000 Patienten und bietet den Ärzten die mitmachen dafür gutes Geld.
Prof. Gerhard Sybrecht hat dieses Angebot ausgeschlagen. Er sieht täglich die Bilder der Lungenkrebspatienten. Für ihn ist diese Studie zu vermeintlich gesünderen Ultraleichtzigaretten ein durchschaubarer Trick: "Nun, es ist wieder der Versuch abzulenken davon, dass Rauchen extrem gefährlich ist," so der Lungenexperte. "Und der Unterschied zwischen ultraleichten und normalen Zigaretten ist sicherlich trivial, was die Gefährlichkeit angeht. Denn wir wissen ja, dass Nikotin per se nicht gesundheitsgefährdend ist, sondern nur abhängig macht. Aber die Hauptgefahr vom Rauchen ist diese seltsame Zufuhr von Nikotin, nämlich mit allen möglichen krebserzeugenden Substanzen den Körper gleichzeitig zu belasten. Und deswegen ist diese Studie von vorneherein nicht seriös."

Die Zigarette bleibt ein giftiger Cocktail

Ein bisschen weniger Nikotin oder Teer - das ist also egal: die Zigarette bleibt ein giftiger Cocktail zahlreicher krebserzeugender Substanzen. Die "gesündere" Zigarette gibt es nicht, da sind sich fast alle Experten einig - und sie ziehen Konsequenzen.
Die Ärzte wollen das Spiel der Tabakindustrie nicht länger mitspielen. Gerade erst haben die Pneumologen, die Lungenfachärzte, beschlossen, dass jegliche Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie ethisch nicht mehr tragbar ist. "Die Pneumologen sind die Gruppe unter den Ärzten, die vor allem mit den Folgen des Rauchens zu tun haben: Lungenkrebs, chronische Bronchitis, daran erkranken (...) Hunderttausende von Menschen", sagt Dr. Nicolaus Schönfeld von der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin. "Und die Pneumologen wollen nichts zu tun haben mit der Förderung durch eine Industrie, deren Produkt legal Hunderttausende in der Republik pro Jahr tötet."
Falls sich diese Erkenntnis durchsetzt, könnte der Einfluss der Tabakindustrie auf die Forschung verschwinden, wenn nämlich, wie eine britische Zeitung einmal formulierte: kein Forscher mehr "Geld vom Teufel" nimmt.

aus der Sendung vom

Do, 12.4.2007 | 22:01 Uhr

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