aus der Sendung vom Donnerstag, 12.4.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen
Sein ganzes Leben hat sich Burkhard Jesgar mit Autoimmunkrankheiten herumgeschlagen. Das begann bereits im Babyalter mit Neurodermitis, es folgten Allergien und Asthma. Immer wieder fing er sich Infektionskrankheiten ein und bekam Antibiotika. Viele Jahre lang hat er auch Cortison in hohen Dosen eingenommen. Eine Odyssee von Arztbesuchen, Kuren und Krankenhausaufenthalten hat Burkhard Jesgar hinter sich gebracht, ohne dass ihm wirklich geholfen werden konnte. Bis jetzt ein Arzt die Ursache der Leiden in den Darmbakterien vermutete.

Burkhard Jesgar hatte massive Hautausschläge
Burkhard Jesgar erinnert sich noch gut an seinen letzten schweren allergischen Anfall der durch Blütenpollen ausgelöst wurde und ihn durch massive Hautausschläge verunstaltete: "Dann kam ich in die Notaufnahme in der Hautklinik. Die haben es mit Antibiotika und Cortison so hingekriegt, dass ich wieder ganz toll aussah. Aber es dauerte nur eine Woche, dann war es wieder genau wie vorher. Dann habe ich das Cortison ausgeschlichen, was aber zur Folge hatte, dass mein Körper total durchdrehte. Da hatte ich schon abgeschlossen mit dem Leben."
Die Haut ist ein Spiegel des Darmes
Erst der Henning Sartor vermutete, dass die Krankheitssymptome von Burkhard Jesgar mit dem Darm zusammenhängen könnten. Das ist gar nicht ungewöhnlich, so der Mediziner: "Bei Patienten wie Herrn Jesgar finden wir es häufig, dass sich die Darmwand verändert. Die Haut ist ein Spiegel des Darmes. So, dass die Entzündung auf der Haut sichtbar ist, es sich aber in Wirklichkeit um eine Entzündung der Darmwand handelt, wobei das Immunsystem aktiviert ist und sich gegen körpereigene Strukturen richtet."
Um seine Vermutung zu überprüfen, riet er zu einer Stuhluntersuchung. Von der Schulmedizin häufig vernachlässigt, handelt es sich beim Stuhl tatsächlich um eine exzellente Informationsquelle über den Zustand des Darms und seiner Besiedelung mit Bakterien. Und die sind unerlässlich für ein funktionierendes Immunsystem.
Ganz am Anfang übrigens, vor der Geburt, lebt im Darm nicht eine einzige Bakterie. Wo sollten sie auch herkommen in der sterilen Fruchtblase. Und der Darm hat beim Embryo ja noch nichts zu tun. Er ist vollkommen keimfrei. Das ändert sich mit der Geburt. Von diesem Moment an wird der neue Erdenbürger von Bakterien besiedelt - innen wie außen. Millionen von Keimen bekommt er gleich von seiner Mutter. Mit der Garantie, dass es sich vorwiegend um die guten Bakterien handelt. Durch Mund und Magen gelangen sie in den Darm und vermehren sich rasant. Schon eine Woche nach der Geburt haben Billionen Bakterien die feuchtwarme Höhle in Besitz genommen.
Bakterien aus der Muttermilch
Stillen steuert die Kolonisation maßgeblich: Denn aus den Brustwarzen der Mutter und aus der Milch kommen Bifido und Lactobazillen. Fleisch in der Nahrung schließt die Entwicklung der Darmflora ab: Die Darmflora des Kindes gleicht ab diesem Zeitpunkt der von Erwachsenen - die übrigens stark variiert, wie die Ernährungswissenschaftlerin Sabine Poschwatta-Rupp erklärt: "Anhand von vielen tausend Probanden hat man die Stuhlflora von Gesunden untersucht, bestimmte Keimgruppen gezählt und gesehen, dass es gewisse Schwankungen gibt. Es gibt Schwankungsbereiche, die um die Potenz von durchaus mehreren Tausend liegen kann. Man weiß aber, dass, wenn es sehr starke Schwankungen gibt, dann kann es entweder eine extrem einseitige Ernährung oder Antibiotikaeinnahme sein, aber auch Stress kann durchaus eine Rolle spielen.
Wie es um die Darmflora des Patienten Jesgar steht, wurde am mikrobiologischen Institut Biovis untersucht. Immerhin besteht Kot bis zur Hälfte aus den Bakterien. Mit speziellen Nährböden lassen sich die Bakterien-Arten und ihre Häufigkeit im Darm nachweisen. Das Untersuchungsergebnis für Burkhard Jesgar ist für Dr. Burkhard Schütz von Biovis nicht überraschend: "Der Stuhlbefund von Herrn Jesgar zeigt eine ganz klassische Konstellation, wie wir sie bei Patienten mit Hauterkrankungen finden. Wir haben eine geringe Keimzahl von Enterokokken und eine geringe Keimzahl von Lactobazillen. Das heißt, hier ist in jedem Fall die Gabe von Probiotika indiziert."
Lactobazillen schützen die Darmwand
Lactobazillen schützen die Darmwand. Sollte ihre geringe Zahl für die schlimmen Hautprobleme von Burkhard Jesgar mit verantwortlich sein? Jesgar nimmt vier Wochen lang - unter anderem - diese Bakterien in Pulverform ein. Ein Teil davon schafft die Passage durch den sauren Magen, siedelt sich im Darm von Burkhard Jesgar an und hilft dort, das Immunsystem wieder in Balance zu bringen.
Vier Wochen später: Die Therapie mit Darmbakterien und eine Entgiftung haben Unglaubliches bewirkt: Das Beschwerdebild hat sich fast vollständig zurückgebildet. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlt sich Burkhard Jesgar wieder wohl in seiner Haut: "Es ist ein Wunder. Es ist ein Wunder, dass es jetzt anders ist. Dass ich wieder Energie habe und arbeitsfähig bin. Das macht Freude, für Menschen da zu sein, mit ihnen zu reden und etwas für sie zu tun. Und dass ich das jetzt wieder kann, das ist ein Geschenk."
Letzte Änderung am: 10.07.2007, 11.19 Uhr