Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Prävention am Arbeitsplatz Arbeit in gefährlicher Höhe

aus der Sendung vom Donnerstag, 8.3.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen

Mit Arbeitsschuhen, Helm und Sicherheitsgurt klettern die Freileitungsmonteure flink auf ihren Arbeitsplatz. Doch die Montage zentnerschwerer Lasten fordert schwersten Körpereinsatz. Odysso zeigt, wie Sportmediziner Freileitungsmonteure lehren, ihren täglichen Hochleistungs-Drahtseilakt besser bestehen zu können.

Tobias (21), Stefan (35) und Rainer (50) kommen ganz schön aus der Puste. Sie sind keine Hochseilartisten, dennoch klettern die Freileitungsmonteure mit Arbeitsschuhen, Helm und Sicherheitsgurt flink an einem Hochleitungsmast herauf.
Dann befestigen sie mit Verrenkungen, die den ganzen Körpereinsatz fordern, einen zentnerschweren Isolator. Eine Arbeit, die normalerweise zu den körperlich schwersten gehört, die es gibt. Sie sind schon mit 55 körperlich arg gebeutelt: Wegen der körperlichen Last und Überbeanspruchungen, die dieser Job in schwindelnder Höhe mit sich bringt. Rückenprobleme, Verletzungen, Zerrungen gehören zu ihrem Alltag.

Entwicklung eines maßgeschneiderten Gesundheitsprogramms

Doch heute ist kein gewöhnlicher Arbeitstag. Denn statt - wie sonst - in über hundert Metern Höhe klettern sie an einem exakten Nachbau. Auf dem Innenhof der Kölner Sporthochschule. In sieben Meter Höhe, zu Forschungszwecken. Seit fast zwei Jahren analysieren und werten Mitarbeiter von Peter Brüggemann am Institut für Biomechanik jeden Bewegungsablauf aus. Alles, um für Tobias, Stefan und Rainer und ihre fast achtzig Kollegen ein individuell ganz auf ihre Bedürfnisse maßgeschneidertes Fitness- und Gesundheitsprogramm zu entwickeln.

Also haben sie eine Atemmaske um. Die misst den Sauerstoffverbrauch. Ein Pulsmesser nimmt die Herzfrequenz auf. An insgesamt acht Stationen nehmen die Biomechaniker zusammen mit Sportmedizinern in dem modernsten und umfassendsten Projekt weltweit jedes Detail des normalen anstrengenden Arbeitspensums auf.

Verbesserungen in einem täglichen Training

Tobias klettert in einem realistischen Test, bei dem alle seine wichtigen Körperfunktionen wie Atmung und Puls gemessen werden, den Versuchs-Mast im Innenhof der Kölner Sporthochschule hoch.

Mit Highspeedkameras, Infrarotsensoren und Messfühlern werden die kleinsten Details der Bewegungsabläufe studiert. Und die Kölner schlagen - wenn sie Schwachstellen aufgedeckt haben - teilweise verblüffend einfache Änderungen vor. Statt in überbückter Streckung beispielsweise die Montage in einer eher sitzenden Haltung. Diese Vorschläge werden dann in einem einfachen täglichen Training eingeübt.

Krankenstand um über vierzig Prozent gesunken

Für das Arbeitsministerium Nordrhein-Westfalen ist das Projekt der Sporthochschule Köln mit über achtzig Freileitungsmonteuren "richtungweisend". Arbeitsschützer achten eher darauf, Arbeitsplätze so zu gestalten und, wenn nötig, so zu verändern, dass keine gesundheitlichen Schäden auftreten. Aber für Arbeitsplätze wie die an Hochspannungsmasten ist das nicht möglich. Die Arbeit muss so und kann nur in dieser Umgebung gemacht werden.

Also muss umgekehrt überlegt werden, wie Menschen auf diese Arbeit optimal eingestellt und vorbereitet werden können. Diesem Zweck dient das Kölner Forschungsprojekt von Biomechanikern um Prof. Peter Brüggemann und Sportmedizinern um den ehemaligen Orthopäden der Olympiamannschaft Prof. Hartmut Krahl.

Der Erfolg spricht für sich: Im Laufe des Projektes ist der Krankenstand von Tobias, Stefan, Rainer und seinen Kollegen um über vierzig Prozent gesunken. Arbeiter wie sie, um deren Sorgen sich keiner kümmerte, fühlen sich ernst genommen und sind jetzt mit Eifer dabei. Alle Drei sind fitter als vor zwei Jahren, fühlt sich sicherer und wissen: Sie können ihren Beruf vielleicht viel länger ausüben, als sie bisher dachten. Das ist lebendige Prävention am Arbeitsplatz.

Heinz Greuling

Letzte Änderung am: 18.10.2007, 18.20 Uhr