SENDETERMIN Do, 8.3.2007 | 22.01 Uhr

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Überflüssige Arthroskopien

Skandal Knie-Operation

Seit rund 15 Jahren können Chirurgen auf eine geniale Operationsmethode zugreifen, die Arthroskopie. Dabei werden durch zwei winzige Hautschnitte eine Endoskopkamera und - falls notwendig - das Operationsbesteck eingeführt. Für Knie und Patient ein Riesenvorteil, denn eine solche Operation ist erheblich schonender und die Heilung verläuft wesentlich schneller als bei einer herkömmlichen Operation. Doch diese Technik birgt auch eine große Gefahr. Denn wenn man schon mal dabei ist in das Knie hineinzuschauen, wird oft auch gleich operiert - auch wenn das medizinisch gar keinen Nutzen bringt.

Professor Hans Pässler

Sinnlose Knie-OPs sind Prof. Hans Pässler schon lange ein Dorn im Auge

Dieser Meinung ist auch Professor Hans Pässler, eine international anerkannte Kapazität auf diesem Gebiet. Schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen ist normalerweise nicht sein Ding. Doch sinnlose Schmerzoperationen am Knie, wie sie in Deutschland zu häufig durchgeführt werden, sind ihm schon lange ein Dorn im Auge: "Viele der Schmerzen kommen nicht aus dem Innenraum des Knies, sondern liegen in der Muskulatur, in den Sehnenansätzen versteckt. Und die kann ich natürlich mit einer Arthroskopie überhaupt nicht behandeln." Der Experte schätzt, dass etwa die Hälfte der Arthroskopien überflüssig sind.

Stümperhafte Operationen

Häufiger als ihm lieb ist repariert er, was Kollegen grob verpfuscht haben. Hans Pässler hat an diesem Vormittag schon seine zweite Kreuzband-OP. Die Reparatur gerissener Kreuzbänder ist das Spezialgebiet des Chirurgen. 80.000 Mal pro Jahr wird diese Operation in Deutschland vorgenommen. Und viel zu oft stümperhaft.

Prof. Pässler entnimmt Sehnen aus der Kniekehle als Bandersatz. Das kostbare Material wird sorgfältig präpariert, damit es die neue Funktion mitten im Kniegelenk übernehmen kann. Die Stabilisierung des Gelenks funktioniert aber nur, wenn die neuen Bänder absolut präzise eingesetzt werden. Zur Kontrolle macht Hans Pässler während der Operation Röntgenaufnahmen. So kann er sich Schritt für Schritt an die optimale Platzierung der Kreuzbänder herantasten. Für Position und Winkel des Bohrloches, in dem das neue Kreuzband verankert werden soll, gibt es genau eine richtige Position. Mit Röntgenkontrolle leicht zu finden. Ein Muss für diese Form der Operation. Eigentlich ...

"Leider wird diese intraoperative Kontrolle nur von sehr wenigen, vielleicht von fünf Prozent aller Chirurgen geübt. Was dazu führt, dass man eben immer noch viele Fehllagen von Bohrkanälen und damit viele falsch platzierte Bänder sehen kann. Bis zu zwei Zentimetern liegen die Bohrkanäle oft von der richtigen Position entfernt. Wenn man sich überlegt, dass die meisten Patienten jung sind, beispielsweise 20 Jahre alt, und müssen in Zukunft auf ihren Sport, auf ihren Fußball verzichten, dann ist es für die Patienten eine persönliche Katastrophe", so Hans Pässler.

Operieren aus niederen Beweggründen

Doch nicht nur Pfusch am Knie, auch operieren aus niederen Beweggründen wirft Pässler vielen seiner Kollegen vor. So zum Beispiel die sinnlose Entfernung einer kleinen Hautfalte im Knie, der so genannten Plika. Was das bringt? Geld in die Kassen der Chirurgen, sagt Pässler: "Man muss ja wissen, dass die Arthroskopie alleine, also die arthroskopische Diagnostik, nicht viel bringt. Finanziell. Also muss was dran operativ gemacht werden. Egal was. Also schneidet man eben die Plika weg. Das ist das einfachste. Das schadet dem Knie nicht und man hat was getan, was man anständig abrechnen kann."

Aus den vereinigten Staaten stammt eine Studie, die ein anderes arthroskopisches Standardverfahren vollkommen in Frage stellt: Die Knorpelglättung. In der Studie wurde bei der Hälfte der Patienten mit Knieschmerzen eine echte Knorpelglättung nach allen Regeln der Kunst durchgeführt. Der anderen Gruppe wurde die Operation nur vorgegaukelt. Bei ihrer vermeintlichen Operation bekamen sie kleine Schnitte am Knie und sahen auf einem Monitor Bilder einer echten OP. Das Ergebnis: Auch nach zwei Jahren gab es keinen Unterschied zwischen Patienten mit der echten und der Placebo-Operation. Ist die OP an sich also wirkungslos? Reiner Hightech-Schamanismus?

Erschütternder Wildwuchs

Für die Bundesregierung hat Dr. Eva Maria Bitzer die Praxis der Knieoperationen in Deutschland untersucht. Bei der arthroskopischen Operation stellt sie einen erschütternden Wildwuchs fest: "Der Skandal beginnt eigentlich damit, dass man gar nicht weiß, wie viele arthroskopische Knieoperationen in Deutschland überhaupt pro Jahr gemacht werden. Es gibt derzeit keine systematische Qualitätssicherung auf diesem Gebiet, die sich auf die Ergebnisqualität konzentriert. Man weiß nicht, wie viele Komplikationen es gibt. Und wie viele Zweit-OPs nötig werden. Auf der anderen Seite weiß man aus Studien, dass es eine große Gruppe von Patienten gibt, die gar nicht von den Operationen profitieren kann, weil sie andere Erkrankungen haben. Warum diese Patienten dann dennoch operiert werden, da sind vermutlich auch wirtschaftliche Erwägungen von niedergelassenen Ärzten von Bedeutung."

Hans Pässler hat sogar Beispiele solcher Nonsens-Operationen auf Video. Sie stammen aus einer Klinik im süddeutschen Raum. Auf dem Video ist deutlich zu erkennen, wie der Chirurg den Meniskus des Patienten mit dem Tasthaken bewegt und dem Patienten erklärt, sein Meniskus sei zu locker. Schließlich ist zu sehen, wie der Chirurg den Meniskus am Bänderapparat des Knies festnäht.

"... völliger Blödsinn ..."

Für Hans Pässler vollkommen unverständlich: "Das ist völliger Blödsinn. Der Meniskus bewegt sich im Gelenk bei einer Kniebeuge um anderthalb bis zwei Zentimeter hin und her. Der muss beweglich sein. Das heißt, man richtet eigentlich mit dem Eingriff sogar Schaden an. (...) Wahrscheinlich hat der Chirurg in diesem Knie nicht viel lohnenswertes zum operieren gefunden. Und damit er etwas abrechnen kann, macht er diesen Eingriff. Anders kann man sich das nicht erklären, weil es so sinnlos ist."

Deshalb rät der erfahrene Kniechirurg: immer wenn Ärzte auf eine rasche Operation am Knie drängen ein Zweitgutachten einzuholen. In vielen Fällen kann mit einer sorgfältigen Diagnose gezeigt werden, dass eine Operation vollkommen unnötig ist. Schließlich verfügt der Bänderapparat des Knies auch über Selbstheilungskräfte. Und die können mit einer gezielten Physiotherapie gefördert werden. Für ein vollkommen funktionsfähiges Knie. Ganz ohne Operation.

Stand: 18.10.2007, 18.21 Uhr

aus der Sendung vom

Do, 8.3.2007 | 22.01 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.