aus der Sendung vom Donnerstag, 22.2.2007 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

In der Basilika San Lorenzo in Florenz bergen Wissenschaftler die sterblichen Überreste der bedeutendsten Familie Italiens: Der Medici. Deren Familiensaga ist reich an Geschichten über Mord und Intrigen. Doch was ist Mythos und was die Wahrheit über die Medici? Mit modernen gerichtsmedizinischen Methoden wollen die Forscher um den Paläopathologen Gino Fornaciari die vielen rätselhaften Todesfälle aufklären.
Zum Beispiel Francesco de Medici, Großherzog von Florenz und Sohn von Cosimo dem I. Der als grausam, despotisch und tyrannisch geltende Francesco starb 1587 im Alter von nur 36 Jahren. Aber woran? Ein Hieb durch eine Waffe hätte auch die Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Aber die gründliche Autopsie lässt keinerlei Spuren äußerer Gewalteinwirkung erkennen. Wurde er vergiftet? Vielleicht von seinem Bruder, der ihn hasste? Oder hat Francescos zweite Frau einen Giftkuchen gebacken?
War die Alchimie sein Verhängnis?

Der Paläontologe Prof. Gino Fornaciari
Prof. Gino Fornaciari zieht noch eine dritte Möglichkeit in Betracht:
"Francesco, der I. war ein großer Alchimist. Er hielt sich ständig in seinem Labor auf und hat vermutlich giftige Dämpfe eingeatmet. Vielleicht hat er sich selbst vergiftet."
Wie aber wollen die Paläopathologen 500 Jahre später Gift in einem Skelett nachweisen? Normalerweise lagert sich Gift in Haaren und Fingernägeln oder Weichteilen ab, doch weder das Eine noch das Andere steht den Wissenschaftlern bei Francesco zur Verfügung. Deshalb ziehen sie dem Großherzog einen Zahn.
"Im Inneren des Zahnes, der so genannten Pulpa, kann sich das Gift ebenfalls ablagern und immer da, wo wir keine anderen Weichteile mehr haben, versuchen wir die Ablagerungen in der Zahnwurzel nachzuweisen. Durch komplizierte Untersuchungen im Labor kann das Gift dann nachgewiesen werden. Wir können sogar nachweisen, an welchem Gift unser Großherzog gestorben ist", erklärt Prof. Fornaciari. Der Tod durch Gift scheint sicher.
Eine Familie im Dienst der Wissenschaft
Doch nicht nur Francesco wird untersucht -systematisch haben die Archäologen, Medizinhistoriker und Molekularbiologen die Familiengruft der Medici in Besitz genommen. Die Wissenschaftler graben die berühmteste Familie Italiens aus, deren Geschichte untrennbar mit der Stadt Florenz verbunden ist. Bei 49 Medici wollen sie überprüfen, ob die historischen Überlieferungen stimmen.
Im Krankenhaus in Careggi wird der Kopf von Don Garzia geröntgt, einem anderen Sohn von Cosimo I. Auch Garzia ist mit erst siebzehn Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Gibt das Röntgenbild Aufschluss über die Todesursache? Könnte der Zahn, der sich mysteriöser Weise in seinem Schädel befindet, etwas mit seinem frühen Tod zu tun haben? Die Lösung ist verblüffend einfach:
"Schuld ist die große Überschwemmung des Flusses Arno in den sechziger Jahren. Sie hat alle Knochen von Garzia im Sarg durcheinandergewirbelt und mit dem Schlamm der Überschwemmung ist der Zahn dann in den Schädel eingedrungen," erklärt die Medizinhistorikerin Prof. Donatella Lippi.
Das Ende eine Mythos

Nach den Untersuchungen kommen Francescos Gebeine wieder in den Sarg zurück
Dass Don Garzia an Wachstumsstörungen litt, was auf eine schwere Krankheit hinweist, verraten die weißen Stellen auf den Röntgenbildern. An was Don Garzia allerdings erkrankt und gestorben ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Mit Sicherheit können die Wissenschaftler jedoch einen anderen Mythos widerlegen: Die Familienkrankheit der Medici war nicht die Gicht, obwohl zum Beispiel Pietro "Il Giottoso" sogar den Beinamen "der Gichtige" trägt.
"Die Medici", so Gino Fornaciari, "litten im Gegensatz zur Überlieferung an Arthrose, einer sehr schmerzhaften Gelenkkrankheit. Aber Hinweise auf Gicht, wie zum Beispiel Harnsäureablagerungen, sind in den Gelenken nicht zu finden."
Zurück zu Francesco. Auch bei ihm stoßen die Wissenschaftler auf etwas Erstaunliches: Obwohl die Geschichte Francesco als intellektuellen Stubenhocker überliefert hat, erzählen seine Knochen eine andere Geschichte: Die abgenutzten Hüftknochen weisen auf häufiges Reiten, die starken Beinknochen auf eine ausgeprägte Muskulatur hin. Prof. Fornaciari ist sicher:
"Francesco war ein durchtrainierter Sportsmann, das zeigen seine starken Knochen genau, denn nur bei durchtrainierten Muskeln können sich derart starke Beinknochen bilden."
Als nach Abschluss der Untersuchungen Francescos Gebeine wieder in den Sarg zurück kommen, nehmen die Wissenschaftler auch Abschied von einigen populären italienischen Mythen.
Gabi Schlag
Letzte Änderung am: 10.07.2007, 14.43 Uhr