aus der Sendung vom Donnerstag, 25.1.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen
Bevor die Natur mit Minusgraden, Schnee und eisigen Winden zum eher ungemütlichen Lebensraum wird, verkriecht sich so manches Säugetier zum Winterschlaf, Zugvögel weichen in wärmere Gefilde aus. Warum aber bleiben so viele andere Vögel vor Ort - und wie überleben sie die harten Bedingungen eines richtigen Winters? Odysso hat ihre Spuren verfolgt und fand verblüffende Überlebensstrategien.

Unsere heimischen Vögel bleiben auch bei Minusgraden wach und mobil
Während Igel, Hamster und Siebenschläfer sich im Winter monatelang verkriechen, ihren Stoffwechsel drastisch herunterfahren und im Schlaf von ihren Fettreserven leben, bleiben unsere heimischen Vögel auch bei Minusgraden wach und mobil. Zwar gibt es einige wenige Vogel-Arten, die wenigstens kurzfristig in der Lage sind, ihren Energieumsatz in Notzeiten gegen Null abzusenken - doch Amsel, Drossel, Fink und Star gehören nicht dazu. Und mittlerweile verbringen auch immer weniger Vögel die kalte Jahreszeit in wärmeren Gefilden: sie ziehen nicht mehr, sie werden zu "Standvögeln".
Stichwort: Nahrungsmangel
Insektenfresser wie die z. B. die Meisen müssten im Winter eigentlich große Probleme bei der Nahrungssuche haben. Doch dank ihres kurzen, spitzen Schnabels können Meisen auch Samen und Körnerkost knacken - sie ändern ganz einfach ihren Speiseplan.
Der Vogel des Jahres 2006 - der Kleiber - lebt von Insekten und Spinnen, im Winter aber hauptsächlich von Baumsamen wie Bucheckern oder Haselnüssen, die er mit kräftigem Hämmern öffnet. Mit seinem langen, gebogenen Schnabel und der akrobatischen Klettertechnik - kopfüber am Stamm entlang - schafft er es aber, das ganze Jahr über versteckte Larven oder Insekteneier unter der Baumrinde zu finden.
Stichwort: Kälte
Gegen Minustemperaturen hilft ganz einfach: sich ordentlich aufplustern! Dadurch vergrößert sich zwischen den Vogelfedern die Luftschicht. Die wird vom Körper erwärmt und funktioniert wie eine ganz natürliche Daunenjacke.
Und noch etwas wissen Vögel schon lange: Energie sparen ist angesagt! Denn bei fallenden Temperaturen steigt ihr Energiebedarf. Und der ist zu einer Zeit, in der es Futter nicht im Überfluss gibt, schwerer zu decken. Deshalb heißt für sie: möglichst wenig bewegen.
Der Zaunkönig hat noch eine andere Strategie entwickelt: In extrem kalten Nächten gründet er mit Artgenossen "Schlaf-WGs". Zusammengekuschelt in Spechthöhlen, Nist- oder Fledermauskästen trotzen sie der Kälte.
Stichwort: Kalte Füße
Doch was machen Wasservögel, wenn es friert? Und sie oft wochenlang Tag und Nacht auf Glatteis herumlaufen müssen? Barfuß!
Vögel haben im Winter tatsächlich kalte Füße - denn sie senken selbst die Temperatur in ihren Füßen bis auf null Grad ab. Das ist für sie in dieser Zeit lebensnotwendig: Zum einen, weil Vögel sonst über ihre Beine viel mehr Wärme abgeben würden, als sie wieder ersetzen könnten. Zum anderen sorgen kalte Füße bei Wasservögeln dafür, dass das Eis nicht antaut und sie anschließend daran festfrieren. Und Schwimmen in eisigem Wasser ist für Enten, Gänse und Co. auch kein Problem: Da hilft die Bürzeldrüse über dem Schwanz, die bei Wasservögeln stärker ausgebildet ist als bei den Verwandten an Land. Diese einzige Hautdrüse, die Vögel besitzen, scheidet ein fettiges Sekret aus. Regelmäßig "nippen" Wasservögel daran und ölen dann ihr Gefieder mit dem Schnabel regelrecht ein. So bleibt es wind- und wasserdicht.
Stichwort: Zugvögel
Ob Vögel im Winter zuhause bleiben oder nicht, hängt allein davon ab, ob es für sie genug zu fressen gibt. Deshalb brütet der Fichtenkreuzschnabel sogar im Winter - als einziger heimischer Singvogel. Denn für ihn gibt es gerade dann oft besonders viel Nahrung aus Fichtenzapfen.
Bei den Buchfinken dagegen ziehen im Winter nur die Weibchen gen Süden. Und während sie dort auf wärmeres Wetter warten, rotten sich die daheim gebliebenen Männchen zu Trupps zusammen. "Fringilla coelebs" wird der Buchfink deshalb wissenschaftlich genannt - der Fink, der im Zölibat lebt. Zumindest zeitweise ...
Stichwort: Standvögel
Wissenschaftler gehen davon aus, dass alle Vögel ursprünglich einmal "Standvögel" waren, also das ganze Jahr in ihrem angestammten Gebiet verbrachten. Erst mit zunehmender Spezialisierung der Arten und kontinentalen Klimaverschiebungen zog es Vögel in die Ferne - der Nahrung nach.
Heute verhält es sich umgekehrt: Zunehmende Erderwärmung und Besiedlung haben dazu geführt, dass immer mehr Zugvögel kürzere Strecken ziehen oder sogar zu Standvögeln werden. Die Amsel überwinterte bis vor 100 Jahren noch in Südeuropa und Nordafrika. Jetzt bleibt sie das ganze Jahr hindurch bei uns - denn in Parks und Gärten findet sie alles, was sie braucht.
Und selbst der Star - der früher einmal als sehnlichst erwarteter Frühlingsbote galt - mag immer weniger ziehen. Auch er bedient sich lieber am Vogelhaus, das doch eigentlich gar nicht nötig ist. Denn wer hier bleibt, hat sich perfekt angepasst und kommt auch im Winter gut zurecht.
Juliane Hipp
Letzte Änderung am: 10.07.2007, 16.31 Uhr