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Geschichte im Südwesten: Das Mittelalter - Sonntag, 27. April, ab 20.15 Uhr. SWR Fernsehen

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Was wir von Bären lernen können Bären im Winterschlaf

aus der Sendung vom Donnerstag, 25.1.2007 | 22.01 Uhr | SWR Fernsehen

Wie schaffen es Bären eigentlich, den Winter zu überstehen ohne aufs Klo zu gehen? Und wie bekommen sie es hin, nach dem langen Winterschlaf sofort wieder fit für die Sommersaison zu sein? Odysso zeigt, wie es Forschern vor Ort immer besser gelingt, die Winterschlafgeheimnisse ganz zu lüften. Und wie ihre Ergebnisse bald sogar Menschen helfen können, die durch Krankheit lange ans Bett gefesselt sind.

Bär gräbt ein Loch in den Boden

Ein Bär gräbt sich seine Winterhöhle

Im Winter sind die Berge und Täler in den Rocky Mountains in eine dichte Schneedecke gehüllt. In den Wochen vorher versuchen die Bären, sich noch dicken Winterspeck zugelegt anzufressen. Dann machen sie sich auf die Suche nach einem gemütlichen Platz für den Winterschlaf - der nach Meinung vieler Wissenschaftler jedoch eher einer tiefen Winterruhe gleicht. Richtig tief und lange schlafen tun die Bären wohl nicht.

Ein Heim ohne Klo

Bei der Wahl ihrer Höhle sind Bären anspruchsvoll, schließlich soll er ihnen für vier bis sechs Monate als sicherer Unterschlupf dienen. Wie sie diese lange Zeit überstehen, ist erstaunlich. Sie brauchen während der ganzen Zeit weder Nahrung noch Flüssigkeit, und sie produzieren keine Ausscheidungen. Trotzdem verlieren sie kaum an Gewicht und Muskelkraft.

Für Prof. Henry J. Harlow von der Universität Wyoming ist das die zentrale Frage: "Wie schaffen sie es bloß, trotzdem stark zu bleiben? Wir wissen zwar, dass es so ist, aber jetzt wollen wir rauskriegen, wie sie es anstellen."

Die Suche nach dem schlafenden Bär

Das Forscherteam der Universität Wyoming wagt mitten im Winter eine Expedition zu den schlafenden Bären - eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit! Im Sommer hatten sie einigen Bären Halsbänder mit Minisendern angelegt. Die sollen jetzt helfen, die Bären in dem riesigen, verschneiten Areal wiederzufinden. Nach langem Suchen haben sie Glück - ein Sender signalisiert: ein Bär ist ganz in der Nähe.

Vorsichtig und nur mit einer Taschenlampe bewaffnet pirscht sich Henry Harlow an ein Loch in den Felsen heran, will schauen, ob dort der Bär wohnt. Falls ja, muss der im Schlaf überrascht werden - sonst könnte es für die Menschen sehr ungemütlich werden. Und tatsächlich: der Bär ist hier zu Hause! Er hat die Störenfriede sogar bemerkt, blinzelt sie an, ist aber wohl zu müde, um heftiger zu reagieren.

Erst schießen, dann untersuchen

Jetzt geht alles sehr schnell gehen. Professor Harlow bereitet eine Betäubungsspritze vor, die den Bären für einige Stunden in Tiefschlaf versetzen soll. Das Team ist angespannt, denn allmählich wird der Bär wacher und etwas nervös. Mit einem Seil gesichert, kriecht Hank Harlow erneut so weit wie möglich an den Bären heran und drückt ab. Minuten später schläft der Bär tief und fest.

Alle packen jetzt mit an, ziehen den Bär vorsichtig aus der engen Höhle - er soll ja nicht verletzt werden. Erster Akt: Wiegen. Ergebnis: 90 Kilogramm. Um hinter das Geheimnis des Winterschlafes zu kommen, brauchen die Forscher Daten über Herzschlag, Körpertemperatur und Muskelaktivität. Alles wird zügig gemessen, denn all zu lange hält die Betäubung nicht. Außerdem wird es bald dunkel - also Zeit, den Wald wieder zu verlassen.

Bären können etwas, was Menschen nicht können

Vorletzter Akt: Ultraschalluntersuchung des Blutflusses im Herzen - auf einem Monitor können die Fachleute alles deutlich erkennen. Zum Schluss pflanzt Professor Harlow dem Patienten noch einen kleinen Sensor und Chip ein. Der zeichnet künftig wichtige Körperfunktionen des Bären auf. Die Daten werden später regelmäßig ausgelesen, um das Rätsel des Winterschlafes weiter zu ergründen. Zudem sind es nützliche Informationen für die medizinische Forschung. Denn die Bären können etwas, das die Menschen nicht können: Den Stoffwechsel über längere Zeit drastisch verlangsamen.

Professor Harlow: "Aus dem, was wir über die Bären lernen, können andere Wissenschaftler ihre Schlüsse für die menschliche Physiologie ziehen. Sie lernen etwas über Niere, Stoffwechsel und Muskeln. Dieses Wissen lässt sich zum Beispiel in der Raumfahrt und bei Verletzungen anwenden. Wir tragen zu einer enormen Wissensbasis bei."

Ein Protein ist der "HIT"

Im Labor wurden schon erste Ergebnisse ausgewertet. Verantwortlich für die Winterruhe der Bären ist ein Protein mit der Fachbezeichnung Hibernation Induction Trigger, kurz HIT genannt. Dieser Wunderstoff verlangsamt die Körperfunktionen, alles läuft gewissermaßen in Zeitlupe ab. Ein Phänomen, das Ärzte vielleicht in Zukunft bei Organtransplantationen nutzen könnten. Denn die Lebensdauer von Spenderorganen ist begrenzt. Binnen sechs Stunden müssen sie dem Empfänger eingesetzt werden.
In Versuchen an einem Schweineherz, das dem menschlichen Herz sehr ähnlich ist, wurde schon erfolgreich erprobt, ob HIT die Lebensdauer des Organs verlängern kann. Es wurde mit diesem Protein künstlich in eine Art Winterschlaf versetzt, und dann nach vielen Stunden wiederbelebt. Schäden waren nicht aufgetreten. Eine Erkenntnis, die hoffentlich hilft, künftig mehr Menschenleben zu retten.

Und auch der Mensch könnte es gut gebrauchen

Auch Astronauten im Weltall und älteren Menschen auf der Erde kann eventuell durch die Bärenforschung geholfen werden: durch ein Mittel gegen Osteoporose. Denn in der Schwerelosigkeit werden die Knochen porös - ähnlich wie bei älteren Menschen auf der Erde.
Forscher der Universität Illinois fanden an ihren Bären heraus: während längerer Ruhephasen löst sich Kalzium aus den Knochen und gelangt ins Blut. Weil zu hohe Kalziumkonzentrationen giftig sind, werden sie vom Menschen ausgeschieden. Wichtige Knochensubstanz geht so verloren. Bären hingegen besitzen die Fähigkeit, das Kalzium zu recyceln und bauen es wieder in ihre Knochensubstanz ein. Mit diesem Wissen sollen nun neue Medikamente gegen Osteoporose entwickelt werden.

Was passiert im Sommer?

Im Sommer macht sich Hank Harlow wieder auf die Suche nach "seinem" Bären. Dank Peilsender findet er ihn schnell, betäubt ihn, und liest die Daten des im Winter implantierten Chips aus. Vor allem will Harlow sehen, ob der Bär durch die lange Ruhezeit schlaff geworden ist. Doch dessen Muskelmasse hat kaum abgenommen, er hat von seiner Bärenkraft kaum etwas eingebüßt. Auch dies ist ein Phänomen, dessen Grundlagen noch lange nicht komplett verstanden sind, die aber schon jetzt für die Humanmedizin spannende Hinweise geben.
Wichtig für die Tierforscher ist übrigens, dass die winterlichen Untersuchungen den Bären offensichtlich überhaupt nicht gestört haben - er hat die wohl irgendwie verschlafen.

Uwe Leiterer

Letzte Änderung am: 10.07.2007, 16.32 Uhr

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