aus der Sendung vom Donnerstag, 18.1.2007 | 22.16 Uhr | SWR Fernsehen
Seltsame Figuren und Linien am Rande der Atacama-Wüste im Südwesten Perus. Seit fast 80 Jahren rätseln Wissenschaftler nun schon über die Bedeutung der Nasca-Linien: Wie alt sind sie? Wer hat sie erschaffen? Und warum wurden die Erdbilder auf den Wüstenboden am Fuße der Anden gezeichnet?

Die Linien sind teilweise riesig
Die teilweise mehrere hundert Meter großen Linien sind die einzigen Überlieferungen aus einer Zeit, aus der Archäologen noch recht wenig wissen. Bisher konnte das Alter der Erdlinien nur geschätzt werden: Sie wurden zwischen 500 v.Chr. und 600 n.Chr. angelegt.
Wer hat die Linien erschaffen?
Ein Team deutscher Wissenschaftler ist im Spätsommer nach Peru gereist. Ihr Forschungsprojekt wurde gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für Archäologische Forschungen im Ausland. Im fruchtbaren Tal des Rio Grande stießen die Wissenschaftler auf Hinterlassenschaften der Menschen, die vielleicht die Bilder in der Wüste geschaffen haben. Sie dokumentierten die Grundrisse einer uralten Siedlung. Besonders aus Form und Bemalung der Keramik schließen die Wissenschaftler, dass hier Menschen der so genannten Nasca-Kultur und der Paracas-Kultur gelebt haben.
Beide Kulturen kommen als Erbauer der Geoglyphen in Frage. Haben die Paracas-Menschen, die hier begraben liegen, mit dem Bau begonnen? Und haben die Nasca-Menschen die Baukunst von ihnen übernommen?
Wenn die Forscher das Alter der entdeckten Gräber bestimmen und es mit dem Alter der Nasca-Linien vergleichen könnten, wäre geklärt, wer die Bilder geschaffen hat. Physiker und Geologen der Uni Heidelberg nehmen dazu die Lehmziegel der Häuser unter die Lupe. Das eingeschlossene Stroh enthält organisches Material und damit radioaktiven Kohlenstoff ? so genanntes C14. Die Stärke seiner Strahlung zeigt an, wie alt die Proben sind. Wenn alles gut läuft, werden die Forscher bis auf etwa 15 Jahre genau nachmessen können, wie alt die Nasca-Kultur wirklich ist.
Wie alt sind die Erdzeichnungen?
Um das Alter der Geoglyphen zu bestimmen, suchen Heidelberger Wissenschaftler nach besonderen Steinen, die preisgeben sollen, wann sie beim Bau der Geoglyphen abgelegt wurden.
Für ihre weiter entwickelte Laboranalyse, die "optisch stimulierte Luminiszenz", wählen sie solche Steine aus, die seit dem Bau der Erdlinie fest im Boden stecken. Denn in diesen Steinen tickt seitdem eine geologische Uhr. Ist die richtige Probe gefunden, warten die Forscher auf die Dunkelheit. Denn die geologische Uhr ist sehr lichtempfindlich. Im Boden waren die Steine Jahrhunderte lang der Radioaktivität ihrer Umgebung ausgesetzt. Je länger die Steine hier liegen, desto mehr Strahlung haben sie abbekommen. Das speichert der Stein in Form elektrischer Ladungen.
Im Max-Planck-Institut in Heidelberg werden die Physiker die Ladung messen. So werden sie vielleicht sogar bis auf 50 Jahre genau zurückrechnen können, wie lange der Stein am Fundort gelegen hat, d.h. wann die Erdlinie gebaut wurde.
Warum wurden die Linien in die Wüste gezogen?
Letztlich bleibt vor allem die Frage: Warum haben die Menschen die Strapazen auf sich genommen, in der trockenen Wüste Linien und Figuren anzulegen? Die Geographen im deutschen Forscherteam machen sich auf die Suche nach Spuren des Klimas vor und während der Zeit der Geoglyphen. An einigen Stellen entdecken sie feinste Bodenteilchen aus der Zeit vor dem Bau der Geoglyphen - so genannten Löss. Er wird nur dort abgelagert, wo Pflanzen den feinen Staub aus der Luft festhalten können. Hier hat es mit Sicherheit einmal Pflanzen gegeben. Hier muss es also regelmäßig geregnet haben. Erst als die Pflanzen verschwanden, wurde der Löss vom Wind wieder abgetragen. Zurück blieb die Steinwüste.
Die Menschen, die es hier einmal gab, waren offenbar einem Klimawandel ausgesetzt - sie erlebten das Vordringen der Wüste und der Trockenheit. Die Forscher finden noch einen weiteren Beweis für diese These: Schneckenschalen aus dem Sediment belegen, dass es hier vor mehr als 3.000 Jahren noch geregnet haben muss. Vielleicht haben sich hier in jener feuchteren Zeit die Menschen angesiedelt, bevor sie durch die zunehmende Austrocknung in die Flusstäler gedrängt wurden. Die Menschen waren also auf die Flüsse angewiesen, die Wasser aus den Anden hierher in die Wüste brachten. Und diese Quelle durfte auf keinen Fall versiegen.
Wahrscheinlich sind die Zeichen also Botschaften an die Götter: Symbolische Bitten um Wasser - wie z.B. ein Wal. Lange Zeit scheinen die Gebete der Menschen gewirkt zu haben - bis die Bewohner der Wüste schließlich doch im Dunkel der Geschichte verschwanden.
Marion Werner
Letzte Änderung am: 10.07.2007, 16.57 Uhr