aus der Sendung vom Donnerstag, 18.1.2007 | 22.16 Uhr | SWR Fernsehen
Schon der Herbst war mit etwa zweieinhalb Grad Celsius über dem Schnitt der wärmste Herbst seit Beginn der Wetterbeobachtung. Und der Winter schickt sich an, ebenfalls alle Temperaturrekorde zu brechen: Die Narzissen sprießen schon, hier und da sieht man bereits Forsythien oder Krokusse blühen, Frösche beginnen mit dem Liebesspiel: Die Natur steht also fast schon auf Frühling. Ist das harmlos oder riskant? Was passiert, wenn in diesem Stadium der Winter doch noch zuschlägt? Für die kommende Woche rechnen die Experten des Deutschen Wetterdienstes immerhin mit deutlichen Minusgraden und Schnee bis in die Tieflagen. Wir haben die Experten besucht:

Plötzliche Kälte könnte die Knospen zerstören
Mit den Blüten kommen auch bereits die ersten Bienen. Doch es ist eben noch keineswegs Frühling ? auch wenn die Natur sich bei den milden Temperaturen so fühlen mag. Genau das könnte jetzt zum Problem werden: Die Knospen kommen, die Säfte fließen und damit sind die Pflanzen extrem anfällig für Frostschäden. Beispiel: Steinobst wie Zwetschge oder Kirsche. Wissenschaftler der Universität Hohenheim beobachten die Entwicklung der Pflanzen mit Sorge: die Knospen sind so weit entwickelt, dass plötzliche Kälte ihnen jetzt den Garaus machen könnte. "Wenn jetzt ein sehr starker Frost auftritt, dann kann es zu Totalausfällen kommen, dann sind doch die gesamten Knospenanlagen erfroren, so dass dann auch keine Ernte zu erwarten ist", bestätigt Professor Jens Wünsche von der Uni Hohenheim.
Tödlicher Frost für Obstbäume
Schlimmer noch: bei einigen Obstsorten könnte ein Wintereinbruch nicht nur die Ernte zunichte machen, sondern sogar viele Bäume dahinraffen. Wenn der Frost nämlich den Stamm auseinander sprengt, kann das für den Baum schnell tödlich sein. Das passiert, wenn sich der dunkle Stamm an seiner Sonnenseite stark erwärmt, während seine Schattenseite noch gefroren ist. Weiße Farbe kann solche extremen Temperaturunterschiede verhindern, weil sie das Sonnenlicht reflektiert. Weißeln nennen die Obstbauern diese alte Technik.
Doch auch das hilft nicht gegen das Hauptproblem: den Mangel an natürlichen Frostschutzmitteln. Davon sollte das Holz jetzt viel enthalten - aber dieses Jahr ist alles anders, wie ein simpler Test zeigt: An einem einem Walnussbaumast machen wir mit Hilfe einer Lösung Stärke sichtbar ? und Stärke findet man im Holz eigentlich erst im Frühling und nicht jetzt, mitten im Winter. Dr. Walter Hartmann von der Uni Hohenheim erklärt: "In einem normalen Jahr hätte ich überhaupt keine Färbung. Das heißt, es wäre überhaupt keine Stärke vorhanden, weil die Stärke komplett zu Zucker abgebaut ist um diese Zeit. Hier sehen Sie aber, wir hatten dieses Jahr keinen Frost, dass noch sehr viel Stärke im Holz vorhanden ist. Wenn es nun plötzlich kalt wird hat die Pflanze keinen Frostschutz, weil Zucker als Frostschutz wirkt."
Das gleiche Problem bei den Feldpflanzen
Das gleiche Problem bei den Feldpflanzen. Auch das Wintergetreide ist bereits stark gewachsen und auch sein Saft enthält wegen der milden Temperaturen fast kein natürliches Frostschutzmittel mehr. Die Folge: Wenn es jetzt plötzlich friert, können sich auch in den Blättern Eiskristalle bilden, die mit ihren scharfen Spitzen die Zellen aufspießen und zerstören. Und selbst wenn harter Bodenfrost ausbleibt, droht immer noch der Schnee: "Ein leichter Pulverschnee wäre ein guter Frostschutz", so Dr. Christof Kling von der Landessaatzuchtanstalt Baden-Württemberg, "aber die große Gefahr wäre ein nasser Pappschnee. 20, 30 Zentimeter, dann vielleicht noch obendrauf eine leichte Eisschicht, dann erstickt die Pflanze oder der Pflanzenbestand darunter und er fängt wohl auch an zu faulen." Beim Raps, der schon extrem hoch steht, könnte dadurch die komplette Ernte vernichtet werden.
Doch nicht alle Pflanzen sind derart bedroht. Beim Wein sind sich die Hohenheimer Forscher sicher, dass keine große Gefahr besteht. Im Labor können sie den genauen Gefrierpunkt der Knospen messen: sie werden in einer kleinen Kammer runtergekühlt, bis sie vom Frost zerstört werden. Gut minus 20 Grad vertragen sie derzeit: das ist frostsicher. Und die Kulturpflanzen könnten wieder frostsicher werden. Wenn die Kälte langsam kommt, produzieren die Pflanzen nämlich wieder Frostschutz - den zuckrigen Saft, der die meisten wilden Pflanzen derzeit ohnehin noch schützt. Denn die sind besser auf Wetterkapriolen eingestellt als viele hochgezüchtete Kulturpflanzen, die jetzt auf den falschen Frühling reinfallen.
Patrick Hünerfeld
Letzte Änderung am: 10.07.2007, 17.00 Uhr