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Fernsehen im SWR

Alltagswissen Zugige Ecken

aus der Sendung vom Donnerstag, 23.11.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen

Normalerweise ist der Wind in unseren Breiten, zumal im Inland, ein eher laues Lüftchen. Aber gerade hier in den Citys gibt es auch Stellen, an denen von einer Sekunde auf die andere ein starker Wind pfeift. "Urban breeze" nennt das die Wissenschaft. Doch wie entsteht dieser Stadtwind? Odysso ist wieder einmal auf Spurensuche gegangen.

Mann mit einem Messgerät steht an der Strasse

Den zugigen Ecken auf der Spur

Frankfurt am Main, an einen ganz normalen Tag im Oktober: Ausgestattet mit einem Windmessgerät, sind wir dem Phänomen der zugigen Ecken auf der Spur. An einer Kreuzung im Süden der City herrscht an diesem sonnigen Nachmittag nahezu Windstille - kein Wunder bei der ruhigen Großwetterlage. Doch nur etwa fünfzig Meter weiter sieht das plötzlich ganz anders aus. Böiger Wind weht uns entgegen. Unser Messgerät zeigt hier bis zu zehnfach höhere Windgeschwindigkeiten an. Ein erstaunliches, aber durchaus häufiges Phänomen.

Besonders in Großstädten wie Frankfurt mit ihrer dichten und hohen Bebauung entstehen solche partiellen Winde immer wieder. Obwohl in den Innenstädten die Windgeschwindigkeit insgesamt deutlich geringer ist als im Umland, gibt es zahlreiche Stellen, an denen kleine Orkane wüten. Doch wie entstehen sie?

Der Trichtereffekt ist schuld!

Großstädte sind wärmer als das Umland, da die Gebäude Sonneneinstrahlen besser speichern als Wälder oder Gewässer. Wird die Wärme wieder abgegeben, steigt sie rasch nach oben. Über der Stadt kühlt die Luft allmählich ab und strömt dann als Wind wieder in die Stadt hinein.

Beim Erreichen der Stadtgrenze wird der Wind zunächst abgebremst. Dort aber, wo er in Straßenschluchten gelangt, beschleunigt er plötzlich wieder. Ursache ist ein Trichtereffekt, der durch die plötzliche Verengung des Raums entsteht. Trifft der beschleunigte Wind nun auf Hindernisse wie Hauskanten, kommt es zu Verwirbelungen. In der Nähe von Kreuzungen sind sie besonders intensiv und unangenehm: die zugigen Ecken!

Mit Lasertechnik im Windkanal

Die Entstehung solcher Wirbel und Düseneffekte erforschen Wissenschaftler am Meteorologischen Institut der Universität Hamburg. In einem speziellen Windkanal bauen sie Straßenzüge realer Großstädte maßstabsgetreu nach und analysieren das Windgeschehen mit spezieller Lasertechnik. Wichtig sind diese Analysen bei geplanten Bauprojekten, weil so bereits im Vorfeld mögliche Windprobleme erkannt werden können. Schon auf den ersten Blick zeigen sich mehrere lokale Verwirbelungen. Besonders ausgeprägt sind sie an den Kreuzungskanten.

Ein zweites Experiment mit Sand macht deutlich, dass Verwirbelungen und hohe Windgeschwindigkeiten aber nicht - wie man vermuten könnte - an den Frontalflächen der Gebäude entstehen, sondern an ihren Ecken. Wer im Bereich solcher Gebäude-Ecken einen Kiosk oder einen Imbiss betreibt, der darf sich nicht wundern, wenn die Laufkundschaft ausbleibt ...

Eingriffe in die Baustruktur verändern die Windverhältnisse

Doch die Wege des Stadtwindes sind noch weitaus komplizierter. Und unter Umständen auch folgenreicher für die Bewohner. Besonders dann, wenn Eingriffe in die Baustruktur vorgenommen werden. Um dies zu demonstrieren, bestäuben wird noch einmal unseren Modellstraßenzug. Wieder kommt der Wind von der Seite.

Nun erkennt man auch hier einen sich klar abzeichnenden Abdruck der Verwirbelungen. Das erstaunliche: Wird nur ein einziges Haus in eine Baulücke gestellt, verändern sich die Windverhältnisse drastisch. Obwohl dem Wind der Fluchtweg verbaut wurde, kommt es in der Straße nicht zu mehr, sondern zu deutlich weniger Verwirbelungen.

In der Millionenstadt Frankfurt zieht es aber noch mehr als anderswo. Der Grund: Als einzige deutsche Stadt leidet Frankfurt nicht nur an horizontalen, sondern auch an vertikalen Winden. Die Wolkenkratzer fangen den Höhenwind wie ein Segel ein und lenken ihn nach unten ab. Dort verursacht er zusätzlich zum horizontalen Wind heftige Böen. Bewohnern und Passanten in der Frankfurter City bleibt da nur eins: Augen zu und durch!

Stefan Venator

Letzte Änderung am: 18.07.2007, 14.39 Uhr