aus der Sendung vom Donnerstag, 23.11.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen
Über 20 Millionen Verkehrsschilder stehen entlang deutscher Straßen - im Durchschnitt alle 28 Meter eines. Drei Viertel der Autofahrer findet das eindeutig zu viel, so das Ergebnis einer Umfrage. Und auch der ADAC hält jedes dritte Schild für überflüssig. Denn rund 70 Prozent der Hinweise werden überhaupt nicht wahrgenommen. Europas Verkehrsplaner träumen daher von Strassen ohne Schilder, Ampeln und Zwangsvorschriften.

Verkehrsplaner Hans Monderman
In den Niederlanden hat man die Probe aufs Exempel gemacht: Seit zwei Jahren werden in Drachten, einer Kleinstadt in der Provinz Friesland, Verkehrsschilder und Ampeln nach und nach abgebaut. Statt sich auf Regeln zu verlassen sind die Verkehrsteilnehmer gezwungen, auf ihre Mitmenschen aufzupassen. Statt Ordnung herrscht Verwirrung und Risiko. Doch das ist von dem Verkehrsplaner Hans Monderman so gewollt: "Wenn die Leute kein Risiko mehr fühlen, benehmen sie sich ganz gefährlich. So, eigentlich in jeder Situation soll ein kleines bisschen Risiko dabei sein, damit die Leute gut aufeinander achten und auch vorsichtig sind. Und das Risiko, das man hier erfährt, macht, dass die Leute ganz stark aufeinander achten und ganz gut aufpassen was passiert. Und das macht es verkehrssicher."
Gefährliche Kreuzungen sind sichere Kreuzungen
Informelles Verkehrsverhalten nennt das Hans Monderman. Die anderen nennen es einfach: Chaos. "Alles geht durcheinander. Keiner hat Vorrang. Ist ganz schlecht", findet etwa ein Fußgänger und eine andere Passantin bestätigt: "Es ist nicht ganz einfach. Man muss zu allen Seiten gleichzeitig gucken. Nein, ich find das hier nicht leicht." Doch wer etwas als gefährlich wahrnimmt, verhält sich vorsichtig. Gefährliche Kreuzungen sind sichere Kreuzungen, bestätigt sogar die Polizei. Unfälle passieren in Drachten kaum noch.
Mondermans Konzept: Der Verkehr - wenn er schon einmal da ist - muss in die Lebenswelt integriert werden. Seine Kreuzungen sehen deshalb mehr wie öffentliche Plätze aus. Die Straßen werden enger, der Belag ändert sich und Borde, die den Bürgersteig markieren, werden flacher - Autofahrer und Fußgänger treten in Blickkontakt. "Das ist das Schöne: Wenn man einander in die Augen guckt, guckt man eigentlich einander ins Gehirn. Das ist die stärkste Art und Weise, in der wir miteinander kommunizieren können. Man kann wieder ein normaler Mensch sein und nicht nur ein Teilnehmer des Verkehrs", freut sich der Verkehrsplaner.
Man weiß ja nie ...
Mondermans Verkehrskonzepte sind ungewöhnlich - und manchmal auch gewöhnungsbedürftig: Um etwa die Geschwindigkeit vor einem Altenheim zu drosseln, stellt er Bänke auf die Kreuzung. Die Rentner sitzen lieber dort als im Garten, wo nichts los ist. Und die Autofahrer sehen sich vor. Bremsen ab. Man weiß ja nie ...
Eine Kreuzung, die täglich 20.000 Fahrzeuge passieren, war einmal das Nadelöhr von Drachten. Früher gab es dort endlose Staus. Seitdem Monderman aus der ehemaligen Ampelkreuzung einen Kreisverkehr gemacht hat, fließt der Verkehr. Inzwischen ist von 17 Ampelkreuzungen der Stadt nur noch eine einzige übrig geblieben. Denn Ampeln machen Staus und verstopfen die Straßen. Bald ist Drachten ampelfrei.
Ampeln und Verkehrsschilder entlassen die Menschen aus ihrer Verantwortung. Und dadurch entstehen Unfälle. Das hat Monderman in den vielen Jahren seiner Unfallforschung immer wieder erlebt. Die meisten Unfälle entstehen durch rücksichtsloses Verhalten. Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, das will Monderman mit seinen Verkehrskonzepten erreichen.
Anliegerstraße mitten durch den Spielplatz
Etwa mit einem Spielplatz im Wohngebiet, durch das eine Anliegerstraße mittendurch geht. Die Kinder sind von Anfang an Verkehrsteilnehmer und Autofahrer dort äußerst vorsichtig. Wenn plötzlich ein Kind vors Auto springt, kommt das für keinen überraschend. Der Spielplatz wirkt nur gefährlich - damit er sicherer ist.
Mondermans Vision: Dörfer und irgendwann ganze Städte ohne Schilder, ohne Ampeln. Und die Chancen dafür stehen gut, denn das Experiment zur Verkehrsberuhigung ist so erfolgreich, dass aus ganz Europa Anfragen kommen. Auch der kleine Ort Makkinga in Ostfriesland hat nur ein Schild - auf dem steht: Hier gibt es keine Schilder.
Jana Lemme
Letzte Änderung am: 18.07.2007, 14.41 Uhr