aus der Sendung vom Donnerstag, 9.11.2006 | 22.03 Uhr | SWR Fernsehen
Jedes Jahr spucken über 50 Vulkane Feuer und Rauch: Pinatubo, Merapi, Popocatepetl, und wie sie alle heißen - auf den Philippinen, auf Java oder in Mexiko. Das ist weit weg. Doch Geologen sind in einem Gebiet nahe der deutsch-tschechischen Grenze auf Spuren gestoßen, die nur einen Schluss zulassen: Auch unter uns brodelt es gewaltig.

Der "Rauhe Kulm" in der Oberpfalz
Der "Rauhe Kulm" in der Oberpfalz ist ein beliebtes Ausflugsziel. Dabei denkt kaum jemand an die geologische Vergangenheit des markanten Berges: ein Vulkan, der nie zum Ausbruch kam. Ebenfalls in der Oberpfalz, nahe dem Städtchen Neualbenreuth, befindet sich, versteckt in einem Tal, ein kleiner, aber mit 300.000 Jahren sehr junger Vulkan: Der "Eisenbühl". Wissenschaftler versuchen derzeit zu rekonstruieren, was sich einst in der Region zugetragen hat und wie der Vulkanismus dort begann. Fest steht: Oft kündigen sich Vulkanausbrüche durch Erdbeben an. Werden Vulkane wie der Eisenbühl jemals wieder ausbrechen?
Erdbeben im deutsch-tschechischen Grenzgebiet
Immer wieder wird die Gegend von Erdbeben heimgesucht. Das Zentrum der Erdstöße liegt im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Bei herkömmlichen Erdbeben entladen sich in einem großen, ruckartigen Stoß plötzlich Spannungen. Dann folgen weitere, schwächere Nachbeben im Abstand von mehreren Stunden oder Tagen. Die Beben in der Oberpfalz verlaufen anders- es gibt kein dominantes Hauptbeben, sondern viele kleine Erdstöße - bis zu tausend an einem Tag. Schwarmbeben nennen Forscher dieses Phänomen.
"Solche Schwarmbeben treten im Zusammenhang mit Vulkanismus auf, denn die Spannung, die sich in der Erde angesammelt hat, wird in kleinen Portionen abgebaut. Und das geschieht vor allen Dingen dann, wenn die Krustenteile sich in kleinen Portionen gegeneinander bewegen", erklärt Dr. Siegfried Wendt von der Erdbebenwarte Collm. Braut sich in der Erdkruste unter dem Dreiländereck etwa ein Vulkan zusammen?
Um der Sache auf den Grund zu gehen, muss man tiefer in die Erde vordringen. Die kontinentale Tiefbohrung bei Windischeschenbach sollte Licht ins Dunkel der Tiefe bringen. Mitte der 90er Jahre wurde bei diesem Forschungsprojekt der Aufbau der Erdkruste untersucht. Bis auf eine Tiefe von über neun Kilometern drangen die Bohrmeißel vor. Auch dort stieß man auf merkwürdige Hinweise. Es war heißer, als ursprünglich angenommen. Zudem stellte man eine ungewöhnlich hohe Aktivität von sogenannten Fluiden fest - heiße Gas- und Flüssigkeitsgemische, die durch die Spalten im Gestein dringen. Der Grund für diese Auffälligkeiten könnte eine große Magmakammer sein, die sich in Richtung Oberfläche bewegt. Die aufsteigenden Fluide wirken dabei wie ein Schmiermittel in den Gesteinschichten, die bei Spannungen in der Erdkruste so leichter nachgeben. Schwarmbeben sind die Folge.
Ein weiterer Schlüssel zum Rätsel in der Tiefe
Ein weiterer - und entscheidender - Schlüssel zu dem Rätsel in der Tiefe liegt in einem unheimlichen Moor in der Nähe des tschechischen Kurortes Franzensbad. Ein seltsames Blubbern erfüllt den Wald. Gasaustrittslöcher, so genannte "Mofetten", verstecken sich zwischen den Sträuchern. "Das Gas", erklärt Dr. Karin Bräuer vor Ort, "besteht aus fast reinem CO2 und kommt aus fast 30 Kilometer Tiefe. Das ist Gas, was fast unverändert aus dieser Tiefe bis an die Erdoberfläche aufgestiegen ist. Das heißt für uns, der Gastransport muss auf Kanälen, also sehr schnell erfolgt sein."
Dieses reine Gas liefert den Forschern wichtige Daten. Das giftige CO2, an dem die Tiere in den Tümpeln ersticken, ist dabei relativ uninteressant. Die Suche gilt vor allem einem Heliumisotop, dem "Helium-3", das überwiegend im Erdmantel vorkommt. Der Anteil dieses sogenannten "Mantelheliums" in dem Gas könnte Aufschluss darüber geben, ob sich tatsächlich Magma zur Erdoberfläche bewegt.
Je tiefer die Forscher in den Sumpf eindringen, desto stärker wird das Blubbern. Sie sind am Ziel. Bublak - "das Blubbernde" - nennen die Einheimischen den Quellteich. Den Atem aus der Tiefe fangen die Wissenschaftler mit Hilfe einer sogenannten "Gasmaus" ein. Beweismittel aus einer Region, die kein Bohrer jemals erreichen kann. Finden sich hier hohe Anteile von Mantelhelium, ist das ein deutliches Anzeichen für aufsteigendes Magma.
Gaswerte wie beim Ätna!
Im Labor werden die Gasbestandteile aus der Probe getrennt. Dazu wird das überschüssige CO2 "abgefroren". Das Helium bleibt bei diesem Vorgang gasförmig. Die Heliumisotopenwerte, welche die Wissenschaftler gefunden haben, sind das höchste, was man in Mitteleuropa bisher überhaupt gemessen hat. "Und eigentlich kennt man diese Werte bislang nur vom Ätna als einem aktiven Vulkan", verdeutlicht Karin Bräuer.
Gaswerte wie beim Ätna! Die Entdeckung ist eine geowissenschaftliche Sensation. Fließen jetzt etwa bald wieder Lavaströme durch die Oberpfalz? Doch Dr. Bräuer beruhigt: "Also man kann nur sagen: es ist offensichtlich eine Aktivität vorhanden - eine magmatische Aktivität, also Magma bewegt sich. Das heißt aber nicht, dass in absehbarer Zeit ein Vulkanausbruch zu befürchten ist."
Es können noch Tausende von Jahren vergehen, bis das Magma wieder die Oberfläche erreicht. Was die Bewohner jetzt schon zu spüren bekommen, sind Erdbeben. Lebenszeichen der unheimlichen Kräfte in der Tiefe, die wieder zu neuem Leben erwachen.
Frank Bäumer
Letzte Änderung am: 18.07.2007, 12.14 Uhr