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Fernsehen im SWR

Frauen und Psychopharmaka Labile Frauenpsyche?

aus der Sendung vom Donnerstag, 6.7.2006 | 22.08 Uhr | SWR Fernsehen

Zermürbende Schlaflosigkeit, Angstattacken, lähmende Depressionen: Frauen klagen sehr viel häufiger als Männer über psychische Störungen. Und sie schlucken dreimal so häufig wie Männer Psychopharmaka, um die lästigen Beschwerden zu stoppen. Fast zwei Millionen Frauen nehmen die Psychopillen regelmäßig. Warum sind Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Tabletten gegen Angstzustände grade bei Frauen so verbreitet?

Veröffentlichung mit dem Titel: "Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit bei Frauen"

Was setzt die Frauen so unter Stress?

Das herauszufinden ist mein Rechercheauftrag. Natürlich fallen mir gleich Klischees ein: Die Frau das empfindsame Wesen. Das schwache Geschlecht. Und Psychopharmaka wären dann eben die Stütze! Aber meine Recherche zeigt sehr bald: Die Wirklichkeit ist mal wieder viel komplizierter. Man muss schon genauer hinschauen: Was setzt die Frauen unter Stress? Warum geht ihre Psyche schneller in die Knie? Ungewöhnliche Erkenntnisse dazu gibt es an der Uni Zürich. Dort wurde das Bild vom schwachen Geschlecht nahezu auf den Kopf gestellt.

Ulrike Ehlert lehrt und forscht dort auf dem Gebiet der Psychobiologie. Mit exakten Messungen kann sie bestimmen, wie stressfest Männer und Frauen von ihrer Biologie her wirklich sind. Sie erklärt, auf welche Parameter sich die Messungen stützen: "Die biologische Seite von Stress läuft so ab, dass wir Blutdruckanstieg haben, dass es zu Schweißausbrüchen kommt und dass Stresshormone im Körper ansteigen. Und der prominenteste Vertreter, der sich auch gut im Speichel nachweisen lässt, ist beispielsweise das Cortisol."

Wessen Psyche ist stabiler?

Männer oder Frauen - wessen Psyche ist stabiler? Um diese Frage zu beantworten, werden die Versuchspersonen, Männer und Frauen, in eine klar definierte Stresssituation gebracht. Die Züricher Psychobiologen simulieren dazu ein Bewerbungsgespräch und fordern die Probanden auf, in 17er Schritten von 1043 an rückwärts zu zählen. Kopfrechnen unter verschärfter Überwachung: da steigt der Puls garantiert.

Nach dem Test wird der physiologisch nachweisbare Stress über eine Messung des Cortisols im Speichel ermittelt. Zusätzlich füllen die Probandinnen und Probanden einen Fragebogen aus, in dem es um den subjektiv erlebten Stress geht. Frauen geben hier deutlich höhere Stresswerte an als Männer. Ulrike Ehlert muss allerdings schmunzeln, wenn sie auf den Vergleich der objektiven Stress Messungen mit den subjektiven Einschätzungen zu sprechen kommt: "Das Erstaunliche ist, dass unsere Versuche immer wieder gezeigt haben, dass Frauen - solange sie im gebärfähigen Alter sind - durch das Östrogen sehr gut gegen Stress geschützt sind. Die zeigen einen geringeren Anstieg des Stresshormons Cortisol unter Belastungsbedingungen."

Da drängt sich die Frage auf: weshalb geben Frauen in den Stressfragebögen subjektiv höhere Werte an als Männer? Eigentlich gar nicht so überraschend, meint die Psychobiologin aus Zürich: "Ich gehe davon aus, dass die subjektive Einschätzung von Frauen bezüglich Stress eine andere ist als die von Männern. Das heißt: Frauen fühlen sich stärker belastet und geben das auch schon im Vorfeld so an: 'Mein Gott, ich weiß gar nicht, was da jetzt auf mich zukommt.' Und sie schildern das auch nach dem Stress so, dass sie ganz stark belastet waren, dass sie sich sehr unwohl gefühlt haben in der Stresssituation. Wenn sie sich jetzt Männer anschauen, dann ist es rollenkonform. Die geben sich vorher schon ganz souverän und hinterher geben sie auch nicht an, dass sie stark belastet sind, obwohl sie biologisch stärker auf diesen Stressor reagieren."

Durch Erziehung auf sensibel getrimmt

Das Experiment zeigt ganz deutlich: Offenbar sind Frauen nicht "von Natur aus" die empfindlicheren Wesen. Es erscheint naheliegend, dass sie erst durch Erziehung auf sensibel getrimmt werden. Und dass sie deshalb psychisch anfälliger sind als Männer - und mehr Psychopharmaka konsumieren als Männer.

Aber auch diese Einschätzung erweist sich als zu einfach. An der Uni Dortmund forscht eine Psychologin, deren Untersuchungen das Problem "Frauen und Psychopharmaka" noch einmal in ein ganz anderes Licht stellen. Denn Alexa Franke sagt: Man muss schon genauer hinschauen, welche Frauen viele Psychopharmaka nehmen. Auffallend ist besonders eine Gruppe.

Die Psychologin erläutert: "In unseren Gruppen war es wirklich auffallend, dass die Höhe des Medikamentenkonsums der Frauen stieg, je schlechter die Ausbildung war." So gab es in den Studien kaum Psychopharmaka-Abhängige mit Abitur. Je geringer die Schulbildung, desto höher der Psychopillenkonsum der Frauen. Der sprichwörtliche "Dr. Feelgood", der die schlechten Perspektiven der Frauen erträglich macht.

Ein gesellschaftlicher Skandal

Alexa Franke prangert diesen Missstand mit deutlichen Worten an: "Also dieses Phänomen, dass vor allem den Frauen aus den unteren sozialen Schichten diese Medikamente verschrieben werden, ist natürlich eigentlich ein gesellschaftlicher Skandal." Psychopharmaka sind also in hohem Maße ein Beruhigungsmittel für Frauen aus der ?Unterschicht?. Für Frauen, die sich in auswegslosen, krankmachenden Situationen befinden. ?Das ist im System letztlich so verankert. Die Frauen sind in Jobs, wo sie wenig Einflussmöglichkeiten haben, in denen sie wenig Kontrollmöglichkeiten haben, wo sie jederzeit durch andere ersetzt werden können. Sie brauchen aber das Geld, sie müssen noch die Familie versorgen. Das heißt, das sind Frauen, die in hohem Maße unter Druck stehen. In hohem Masse funktionieren müssen?, so Alexa Franke.

Und Psychopillen helfen dabei. Allerdings oft um den Preis der Abhängigkeit. Besonders gefährlich sind hier Schlaf- und Beruhigungsmittel mit dem Wirkstoff Benzodiazepin. Etwa eine Million Frauen in Deutschland ? so Gerd Glaeske vom Bremer Institut für Arzneimittelanwendungsforschung der Universität Bremen - sind von diesem Wirkstoff schwer abhängig: "Das bedeutet, dass die meisten Frauen, die Benzodiazepine über längere Zeit nehmen, sie nur deshalb nehmen, damit Entzugserscheinungen nicht auftreten. Sie würden es sofort merken, wenn sie ihr Mittel einmal zwei Tage nicht nehmen - dass sie abhängig sind. Wir kennen das: sie kommen ins Krankenhaus, haben ihr Medikament vergessen, nach zwei Tagen geraten sie in Aufregung, der Kreislauf funktioniert nicht mehr, sie kommen ins Schwitzen, bekommen auch Psychosen."

Benzodiazepine machen abhängig und verursachen ebenso schwere Entzugserscheinungen wie Heroin. Dabei wären die Pillen oft gar nicht nötig. Denn: biologisch sind Frauen ein starkes Geschlecht.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 18.07.2007, 11.49 Uhr