aus der Sendung vom Donnerstag, 6.7.2006 | 22.08 Uhr | SWR Fernsehen
Die häufigste Todesursache bei Frauen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch noch immer gilt zum Beispiel der Herzinfarkt als eine typische Männerkrankheit - Frauen dagegen stürben eher an Brustkrebs. Vorurteile, die selbst manche Ärzte hegen.

Vom Notarzt falsch versorgt: Heike Hauschild
Dieses gefährliche Unwissen wäre fast auch Heike Hauschild zum Verhängnis geworden. Die 42-Jährige erlitt vor drei Jahren einen Herzinfarkt. Plötzlich brach sie auf der Straße zusammen: Atemnot, Schweißausbruch, ihr ganzer Körper zitterte. Der Notarzt dachte nicht an einen Infarkt und behandelt sie falsch - auf Epilepsie. "Auf dem Weg vom Unfallort zur Charité bin ich durch die falsche Behandlung fast gestorben. In der Charité angekommen, musste man mich erst einmal reanimieren, wozu sie etwa neun Minuten brauchten und ich Glück hatte, dass keine körperlichen oder geistigen Spätfolgen zurückgeblieben sind", berichtet Heike Hauschild.
Was man nicht sucht findet man auch nicht
Eine Erfahrung, die auch die Ärztin Prof. Vera Regitz-Zagrosek vom Cardiovascular Research Center in Berlin bestätigt: "Es ist aber auch so, dass man bei Frauen von Seiten der Ärzte und von Seiten des medizinischen Assistenz-Personals in der Regel nicht erwartet, dass sie einen Infarkt oder einen Schlaganfall haben. Und dass man deswegen ? nach dem Motto: was man nicht sucht das findet man auch nicht ? dass eben zu spät daran gedacht wird, dass Frau auch einmal betroffen ist."
Frauen zeigen oft andere Symptome als Männer. Doch schon in der Ausbildung werden solche Unterschiede zu wenig beachtet, kritisiert die Kardiologin Verena Stangl. Als klassische Symptome gelten Brust- und Armschmerzen. Zusätzlich haben Frauen oft Beschwerden im Oberbauch, Schmerzen zwischen den Schulterblättern oder Übelkeit. "Dazu kommt, dass die klinische Darstellungsart nicht so klar ist wie bei Männern. Das heißt, dass die Beschwerden nicht so typisch sind, dass auch das EKG vielleicht nicht so eindeutig ist. Und all das zusammen macht halt aus, dass Frauen nicht so intensiv und nicht so gut behandelt werden ? auch heute noch", weiß Prof. Stangl.
Risiko für Frauen doppelt so hoch
Patienten zweiter Klasse: Bei einem Herzinfarkt kommen Frauen durchschnittlich etwa eine halbe Stunde später als Männer ins Krankenhaus. Und sie werden häufiger in Kliniken gebracht, die auf Herzkrankheiten nicht spezialisiert sind. Mit dramatischen Folgen: In Europa sterben 55 Prozent der Frauen an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung - gegenüber 45 Prozent der Männer. Selbst im medizinisch gut versorgten Berlin ist das Risiko eines tödlichen Infarkts für Frauen doppelt so hoch wie für Männer.
Besonders häufig leiden Frauen unter einer Verengung der Gefäße, der so genannten "Koronaren Herzkrankheit" (KHK). Diese kommt bei Frauen öfter vor als bei Männern. Trotzdem werden Frauen schlechter versorgt - das jedenfalls legt eine Studie von Gesundheitsökonomen der Universität Köln nahe. Frauen bekommen zwar mehr Medikamente - aber, so die Gesundheitsökonomin Dr. Stephanie Stock: "Umgekehrt ist es aber so, dass die einzelne Verschreibung für den Mann um bis zu einem Viertel teurer ist als die einzelne Verschreibung - durchschnittliche Kosten - für die Frau. Das heißt, wir müssen hier davon ausgehen, dass Männer einfach die teureren und häufig auch die innovativeren Medikamente verschrieben bekommen. (...) Wir müssen davon ausgehen, und es gibt auch Belege dafür in der Literatur, dass Männer anders behandelt werden, und zum Teil auch besser behandelt werden."
Zudem reagieren Frauen auf Medikamente anders als Männer. Sie leiden stärker unter den Nebenwirkungen. Trotzdem sind an klinischen Studien in der Regel nur bis zu 25 Prozent Frauen beteiligt. Für Extra-Tests an Frauen sieht die Pharmaindustrie offenbar keinen Bedarf. "Die Medikamente, die unsere Firmen entwickeln, müssen in der Regel relativ robust sein", erklärt Siegfried Throm vom Verband forschender Arzneimittelhersteller. "Wir haben große Männer, kleine Männer, dicke Männer, dünne Männer (...) junge Männer, alte Männer - es gibt so viele Unterschiede alleine zwischen verschiedenen Männern." Die Medikamente, die auf dem Markt Erfolg haben sollten, müssten solche Unterschiede aushalten können, "und mit diesen großen Unterschieden zwischen den Männern auch möglichst die Unterschiede zwischen Männern und Frauen abdecken können."
Frauen sind keine kleinen Männer!
Prof. Verena Stangl findet es "sehr bedenklich, dass es offensichtlich noch heute, im 21. Jahrhundert, Personen gibt in so ganz entscheidenden Positionen wie der forschenden Pharmaindustrie, denen nicht klar ist, dass Frauen keine kleinen Männer sind."
Theoretisch ist es möglich, die Studien zu vergrößern, damit auch Frauen Medikamente zukünftig besser vertragen. Prof. Petra Thürmann, Pharmakologin an der Universität Witten-Herdecke, kennt die Praxis und benennt die Schwierigkeiten bei der Medikamentenentwicklung aus ihrer Sicht. "Das Problem liegt sicherlich zum einen auf der Interessenseite der pharmazeutischen Industrie, die natürlich die Studien nicht noch weiter vergrößern möchten, weil das ja auch wesentlich mehr Geld kostet", sagt Thürmann. Außerdem würden die Behörden einfach nicht mehr Daten verlangen. Der Gesetzgeber schreibt zwar vor, dass Frauen in Studien ausreichend repräsentiert werden müssen - 50 Prozent müssen es jedoch nicht sein.
Ungleichbehandlung zum Nachteil der Frauen und zu wenig geschlechtsspezifische Forschung. Warum das so ist, können sich auch die Experten nicht so recht erklären. Ein Grund liegt wohl in der mangelhaften Ausbildung. "Es gab sehr viele Jahre ein Verständnis in der Medizin - die als Fach auch sehr von Männern dominiert ist - dass es eigentlich keine geschlechtsspezifischen Unterschiede geben könnte, außer den reinen Männer- oder Frauenkrankheiten", so Petra Thürmann. "Man hat das Frausein reduziert auf Schwangerschaft, Wechseljahre und Hormoneinflüsse - hat sich aber nicht darum gekümmert, ob diese - ja größtenteils hormonell bedingten Unterschiede - auch einen Einfluss auf andere Krankheiten haben."
Dana Nowak
Letzte Änderung am: 18.07.2007, 11.50 Uhr