Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 12.10.2006 | 22:02 Uhr | SWR Fernsehen

Fragwürdige Risikobewertung Ist Gen-Futter gefährlich?

In Deutschland sind die Vorbehalte gegenüber gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln groß. Und eine aktuelle Meldung aus Australien scheint die Gen-Kritiker zu bestätigen, die sagen: Niemand weiß genau, was bei dem gentechnischen Eingriff im Detail in der Pflanze passiert, und welche Auswirkungen das für die Konsumenten haben kann. Doch was war in Australien eigentlich geschehen?

Bohnen und Erbsen auf einer Petrischale

Eine Erbse mit dem Gen einer Bohne

Professor Higgins hatte versucht, eine Erbse mit dem Gen einer Bohne auszustatten, um die Erbse gegen ein Schadinsekt resistent zu machen. Doch bei einem Allergietest mit Mäusen bekamen die Tiere eine allergische Lungenentzündung. Der erste wissenschaftlich dokumentierte Fall dieser Art. Das Projekt wurde nach zehn Jahren Forschungsarbeit abgebrochen - ein schwerer Schlag für die Gentechnik.

Für Umweltaktivisten sind solche gentechnisch veränderte Pflanzen schon lange ein rotes Tuch, denn ihrer Meinung nach ist das Risiko, das von diesen Pflanzen ausgeht, nicht kalkulierbar. Im Kreuzfeuer ihrer Kritik stehen global operierende Agrarkonzerne wie die Firma Monsanto, die mit Genpflanzen Milliardenumsätze macht.

Vertuschung von Gefahren?

Einer der profiliertesten Gen-Gegner ist der französische Molekularbiologe Professor Gilles Seralini von der Universität Caen. Im Auftrag der EU hat er eine Fütterungsstudie von Monsanto nachgeprüft - jetzt wirft er dem Konzern Vertuschung von Gefahren vor. Auf den Hinweis, dass sowohl die Behörden als auch Monsanto erklären, der Fütterungsversuch hätte keine negativen Ergebnisse gezeigt, fährt Seralini "schweres Geschütz" auf: "Dafür müssen sie die Verantwortung tragen. Eines Tages werden dafür vielleicht einige Leute ins Gefängnis gehen."

Es geht um den gentechnisch veränderten Mais Mon863 von Monsanto. Um den Anbau effektiver zu machen, wurden dem Mais zwei neue Gene eingepflanzt: Mit dem einen produziert die Pflanze ein Gift gegen einen gefürchteten Schädling, mit dem anderen Gen wird sie unempfindlich gegen ein Unkrautvernichtungsmittel. Das ist praktisch für den Anbau. Aber ist das auch gesund?

Um das zu testen, gab Monsanto eine Fütterungsstudie mit 400 Ratten in Auftrag. Und diesen kritisiert Seralini: "Wir sind sicher, dass die Fütterungstests erbärmlich konzipiert waren, vielleicht um Dinge zu verschleiern. Trotzdem begannen sich bei dieser schwachen Datenlage Probleme abzuzeichnen. Und sie haben die Versuche nicht wiederholt. Das ist verantwortungslos."

Normale körperliche Veränderungen?

Wir wollen uns mit einer einzelnen Einschätzung nicht zufrieden geben und gehen nach Karlsruhe. An der Bundesforschungsanstalt für Ernährung leitet Professor Klaus Jany die Abteilung für Ernährung und Molekularbiologie. Der Wissenschaftler kennt die Studie von Monsanto und weiß, dass bei einigen Ratten körperliche Veränderungen auftraten. Doch das hält er für normal: "Generell muss man sagen, die Ratten sind nicht krank geworden. Sie haben sich weiterentwickelt. Es gab einige Serumparameterunterschiede, aber alle diese Unterschiede liegen in der so genannten biologischen Schwankungsbreite, die man bei jedem Fütterungsversuch findet. Denn keine Ratte ist identisch mit der anderen und kein Mais ist völlig identisch. Und deshalb gibt es immer gewisse Unterschiede."

Professor Seralini ist da ganz anderer Meinung: "Die Studie war so angelegt, dass man etwas verbergen wollte, dass man nicht alles sehen wollte. Das hätte man nicht akzeptieren dürfen, wenn man bedenkt, was bei Pestiziden oder Medikamenten sonst üblich ist." Seralini kritisiert Folgendes: Die 400 Ratten wurden in sieben Gruppen aufgeteilt. Sechs Gruppen futterten den herkömmlichen, aber nur eine einzige Gruppe den gentechnisch veränderten Mais. Zu wenig für ein aussagekräftiges Ergebnis, sagt Seralini. Ein statistischer Trick, um Probleme zu verschleiern?

Professor Jany wiegelt ab: "Es wird hier nicht getrickst. Das ist ein ganz normales Fütterungsdesign für solche Fütterungsversuche. Man hat zusätzlich auch weitere Sorten von konventionellem Mais getestet, um genau Effekte herauszufinden, die gegeben sind durch die unterschiedliche genetische Ausstattung der Ratten. Um genau die biologische Schwankungsbreite besser zu erfassen. Und ich denke, das ist völlig korrekt und damit kann man gute Aussagen machen, weil man Vergleichswerte zwischen den gentechnisch veränderten und den konventionellen Sorten hat."

Niemand weiß, was in den Pflanzen passiert

Für Gen-Kritiker ist dies keine Beruhigung. Sie sagen: Niemand weiß genau, was in gentechnisch veränderten Pflanzen im Detail passiert. So viel ist klar: der Mais bekommt zu seinen hunderttausend eigenen Genen ein neues Gen dazu. Damit produziert er ein neues Eiweiß, das der Pflanze neue Eigenschaften verleiht. Dieses Eiweiß ist genau bekannt und seine biologische Wirkung getestet. Aber: In der Pflanze können auch unvollständige oder falsch gefaltete Mutanten entstehen. Und diese Eiweiße könnten giftig sein oder Allergien verursachen, so die Kritiker. Genau das ist ja in Australien offenbar auch passiert, wo Mäuse von manipulierten Erbsen Lungenentzündung bekamen. Das Problem wurde entdeckt, die Entwicklung gestoppt. Trotzdem bestätigen sich damit die Ängste der Kritiker.

Professor Ralf Einspanier ist Mitglied der Expertenrunde bei der Europäischen Zulassungsbehörde und leitet an der freien Universität Berlin das Institut für Veterinär-Biochemie. Wir fragen ihn, ob eine solche Horror-Erbse in der EU durch das Zulassungsverfahren schlüpfen könnte? Seine Antwort: "Die Europäische Zulassungsbehörde hat zu dem Thema Genpflanzen ein Leitliniendokument herausgebracht, das eindeutig fixiert: Die Risikoabschätzung muss bewertbar sein. Das erfolgt über eine Abschätzung des Allergierisikos und der Giftigkeit einer Pflanze, die meist in Tierversuchen experimentell ermittelt wird. Nach zehn Jahren wird diese Pflanze noch ein weiteres Mal unter die Lupe genommen. Ebenso ist zu erwähnen, dass in diesem Dokument ganz klar geregelt ist, dass während der Markteinführung noch Risikoanalysen gefordert werden."

Keine Angst vor Gentechnik?

Auch Professor Jany hat vor Gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln keine Angst, denn: "Kein Lebensmittel wird so intensiv untersucht wie das gentechnische Lebensmittel. Viel eher dürfen wir Risiken bei konventionellen Lebensmitteln erwarten, denn die werden nicht geprüft. Und das beste Beispiel ist die Kiwi. Die Kiwi wurde hier eingeführt, ohne sie zu testen. Und heute haben wir die Kiwi-Allergie."

Also alles im grünen Bereich bei der Grünen Gentechnik? Keineswegs. Denn die Sicherheitstests der Gen-Pflanzen werden ausgerechnet von denjenigen Firmen bezahlt, die Geld mit den Gen-Pflanzen verdienen wollen. Ob objektive Risikobewertung so möglich ist? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...

aus der Sendung vom

Do, 12.10.2006 | 22:02 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2012

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.

Aktuell im SWR