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Fernsehen im SWR

Von der Neumutation zur Delikatesse Invasion der Monsterkrabben

aus der Sendung vom Donnerstag, 29.6.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen

Bugoynes hat schon schlechtere Tage gesehen. In den achtziger Jahren verschwand der Dorsch aus dem Fjord. Die 300 Einwohner setzten eine Annonce in die Zeitung: wir wollen auswandern, wer nimmt uns. Doch dann entdeckten die Fischer einen ungewöhnlichen Eindringling, hier an der norwegisch-russischen Grenze. Er kam unter Wasser und verfing sich in den Netzen.

Anfangs dachte man es sei eine Neumutation, eine Monsterkrabbe, weil sie so riesig ist. Aber das waren nur Gerüchte. Die rote Königskrabbe ist kein Kunstprodukt. Heimisch ist sie ein paar tausend Kilometer entfernt im Nordpazifik - Stalin hat sie in die Barentsee umgesiedelt und das ist ihr prächtig bekommen. Ausgewachsene Tiere erreichen eine Spannweite von anderthalb Metern, und werden bis zu zehn Kilo schwer.

Mit Lizenz macht das Fischen wieder Spaß

Nicht alle Fischer dürfen sie fangen. In Boygeness haben zehn Fischer die Lizenz, die anderen gehen leer aus. Mit Lizenz kann man reich werden, ohne sich zu überarbeiten. Ein kräftiger Fangkorb, ein paar Dorschköpfe als Köder und das Fischen macht wieder Spaß.

Weil die Fischer die Armut kennen, gehen sie mit ihrem neuen Reichtum sehr vorsichtig um, sie hegen den Bestand. Geschmacklich liegen die Tiere zwischen Hummer und Garnele. Die Tiere verkaufen sie für rund 40 Euro. Im Restaurant in Tokyo kostet das Krustentier das zehnfache. Die russischen Einwanderer lösten zuerst Schrecken aus, wie ein Einwohner berichtet: "Anfang der 90er sahen wir die ersten Exemplare. Zunächst wussten wir überhaupt nicht, was uns da in die Netze gekommen war. So gigantische Tiere hatten wir noch nie gesehen. Doch dann begriffen wir, was das für eine kostbarer Rohstoff ist."

Damit der Boom möglichst lange anhält, behalten die Fischer nur die Männchen. Nur die Tiere bleiben an Deck, deren Rückenpanzer größer sind als 13 Zentimeter im Durchmesser. Die weiblichen Tiere gehen sofort über Bord, und auch die kleineren Exemplare, zum Nachreifen. Ein Weibchen legt zwischen 25.000 und 40.000 Eier. Die Tiere vermehren sich explosionsartig. Das königliche Tier hat keine natürlichen Feinde unter Wasser. Hummer etwa gibt es hier oben nicht.

Nicht alle Fischer sind glücklich

Nicht alle Fischer sind glücklich. Für alle, die keine Lizenz bekommen haben, sind die Königskrabben eine Plage. Sie verfangen sich in den Netzen und kappen die Schnüre der Garnfischer, und bedienen sich an den Fangleinen. Die betroffenen Fischer haben reichlich Grund zum Klagen: "Diese Dorsche, sie sehen es ja selbst, sind so gut wie aufgefressen. Wir verlieren pro Tag so bis zu 250 Euro. Die Krabben machen mich ärmer nicht reicher. Hiervon können wir nicht leben und ich fürchte, dass das nur der Anfang ist."

Das Wort der Fischer hat in Norwegen Gewicht und so lässt der Staat den neuen Krabbensegen und seine Schattenseiten erforschen. Eine direkte Bedrohung der anderen Meeresbewohner sei bisher nur Spekulation. Und dennoch: Die Krabben konkurrieren mit anderen um Nahrung auf dem Meeresboden. Sie greifen in eine Nahrungskette ein, zu der sie eigentlich nicht gehören. Und weil sie so riesig sind haben sie einen großen Platzbedarf.

Die norwegischen Staatsforscher glauben nicht, dass die Krabbe viel weiter Richtung Süden wandert - Boris Berenboim ist da skeptischer. Er ist der führende russische Krabbenforscher: "Als wir die Krabbe in den 1960ern hier angesiedelt haben, dachten wir, dass sie sich im östlichen Teil der Barentsee aufhalten würde. De facto ist sie aber auch westwärts gewandert. Die ersten Tiere haben die Lofoten erreicht, das sind 1.000 Kilometer Wegstrecke. Wir rechnen mit etwa 15 Millionen Königskrabben in der Barentsee. Der damalige Projektleiter Orlow nimmt sogar an, dass die Krabben noch weiter nach Süden ziehen könnten, bis an die deutsche Küste, oder nach England oder Spanien."

Wüsten unter Wasser

Nur in den ersten Lebensmonaten können große Fische den Königskrabben noch gefährlich werden. Deshalb verstecken sich die Jungtiere unter Tang und fressen dort alles, auch die Nahrung der anderen Meeresbewohner und hinterlassen Wüsten unter Wasser. Es gibt wohl nur einen Weg sie zu stoppen: "Wenn es etwas gibt was norwegische und EU-Fischer wirklich können, dann ist es die Naturschätze des Meeres auszubeuten und das Meer leer zu fischen. Es wäre doch sehr, sehr überraschend, wenn das nicht auch mit den Riesenkrabben gelingen könnte."

Fischer hören das natürlich nicht gern, aber solche klaren Worte erleichtern ihr Geschäft. Als ersten Schritt hat Norwegen die Fangquote für dieses Jahr verdoppelt. 200.000 Tonnen Königskrabben dürfen dieses Jahr die Fabrik in Bogynes verlassen, der größte Teil Richtung Japan. Vielleicht machen sie sich doch besser angerichtet auf dem Teller, als unkontrolliert im Wasser.

Tilmann Bünz

Letzte Änderung am: 16.07.2007, 16.29 Uhr