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Fernsehen im SWR

Botanische Neubürger Neophyten

aus der Sendung vom Donnerstag, 29.6.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen

Der Schmetterlingsstrauch, das Duftveilchen oder die Vielblättrige Lupine haben eines gemeinsam: sie sind pflanzliche Einwanderer, durch Menschen eingeführt. Manche dieser sogenannten Neophyten fühlen sich bei uns so wohl, dass sie heimischen Arten gefährlich werden. Und manche dieser Exoten bedeuten sogar für uns Menschen eine Gefahr.

Zartlila Blüte auf der eine Biene sitzt

Für Bienen unwiderstehlich: die nektarreichen Blüten des Indischen Springkrauts

Das Indische Springkraut, das ursprünglich aus dem Himalaja stammt, schleudert seine Samenkapseln bis zu sieben Meter durch die Luft. Es breitet sich seit einigen Jahrzehnten aus und verdrängt heimische Pflanzen mit einem ganz besonderen Trick: Die schönen Blüten liefern den Insekten riesige Mengen Nektar - und einen äußerst hochwertigen dazu. Die heimische Konkurrenz kann da nicht mithalten und wird nicht mehr bestäubt. So konkurrenzlos kann das Springkraut Unmengen von Samen erzeugen. Bis zu 32.000 Kapseln fallen pro Sommer in einem Springkraut-Feld auf jeden Quadratmeter. Gegen den Nektar-Discounter haben unsere heimischen Blumen einfach keine Chance.

Das riesige Angebot exotischer Pflanzen

Doch die schönen Blüten exotischer Pflanzen haben nicht nur auf Insekten eine unwiderstehliche Wirkung. Das Angebot auf dem Blumenmarkt ist groß und die Pracht verlockt so manchen Hobbygärtner, der oft gar nicht weiß, was er sich da in den Garten setzt. Und so beginnt die Pflanzeninvasion nicht selten in Blumenkübeln oder auch in botanischen Gärten.

So geschehen mit dem amerikanischen Stinktierkohl oder Riesenaronsstab, der Anfang der 1980er Jahre von einem Gärtner an einem Flussufer im Taunus ausgesetzt wurde. Damit bahnte sich eine Katastrophe an. Denn die Flussufer wurden plötzlich überwuchert, und heimische Arten unter den bis zu anderthalb Meter langen Blättern quasi erstickt. Nur durch das entschlossene Eingreifen der Behörden konnte die Invasion im letzten Moment noch gestoppt werden.

Ein beispielloser Verdrängungsfeldzug

Bei einer anderen Zierpflanze ist es dagegen bereits zu spät - sie befindet sich auf einem beispiellosen Verdrängungsfeldzug. Noch ist das Pegnitztal nahe Nürnberg ein intaktes, heimisches Ökosystem, in dem seltene Blumen wie der Storchenschnabel oder das Sumpfhelmkraut gedeihen. Doch wie lange noch? Die Gefahr kommt in Form des Japanischen Staudenknöterichs von weit her übers Wasser. Dieser Neophyt arbeitet nicht, wie das Springkraut, mit süßen Verlockungen, sondern mit seiner Größe: die Pflanze wächst unglaublich schnell - bis zu 25 Zentimeter am Tag. Und so dreht der Staudenknöterich konkurrierenden Pflanzen einfach das Licht ab.

In der Nürnberger Innenstadt hat der Neophyt das Pegnitz-Ufer bereits in Beschlag genommen. Denn ein einziges angeschwemmtes Stängelstück reicht aus, um Tausende von Tochterpflanzen sprießen zu lassen. Oft wird der Staudenknöterich nur abgemäht, die Reste auf den Kompost gekippt. Doch alleine durch das Abschlagen der wuchernden Stängel kann man die Pflanze nicht vernichten. Das Problem müsste man ? im wahrsten Sinn des Wortes - an der Wurzel packen, so der Botaniker Jürgen Böhmer: "Man hat in Versuchen herausgefunden, dass sieben Gramm dieses Wurzelwerks ausreichen. Selbst wenn diese sieben Gramm in zwei Meter Bodentiefe stecken, kann daraus eine komplett neue Pflanze entstehen, die dann eben entsprechend auch wieder Polycormone bildet. Das heißt, ein dichtes Wurzelgeflecht in die Umgebung treibt und damit in der Lage ist, benachbarte Pflanzenbestände zu unterwandern. Und somit praktisch die Konkurrenz von unten auszuhebeln." Ohne massive Baggerarbeiten bleibt der Staudenknöterich somit eine ernsthafte Bedrohung für unsere Flussufer.

Giftiger "Anhalter"

Das gelbblühende Schmalblättrige Greiskraut

Schön und giftig: das Schmalblättrige Greiskraut

Ein anderer Neophyt könnte sogar den Menschen gefährden: Das Schmalblättrige Greiskraut besiedelt mit Vorliebe Bahngleise oder Autobahn-Randstreifen und ist hochgiftig. Seine Art sich auszubreiten stellt in Punkto Geschwindigkeit alle anderen in den Schatten, denn das Geiskraut nimmt einfach das Auto oder die Bahn: die Samen bleiben an den vorbeifahrenden Fahrzeugen hängen.

Die Invasion der gelbblütigen Pflanze begann in den 1970er Jahren im Norden und Westen Deutschlands. In den 1980er Jahren eroberte das Greiskraut dann das Rheintal und erreichte um die Jahrtausendwende München. Vermutlich wird sich das Gewächs auf Dauer mit den kargen Böden neben den Verkehrswegen nicht zufrieden geben. Und dann wird's gefährlich. Denn, so Jürgen Böhmer: "Das Gift ist für den Menschen durchaus gefährlich - oder kann gefährlich werden, weil es unter Umständen in die Nahrungskette gelangt. In Südafrika ist die Pflanze in Weiden und in Getreidefeldern verbreitet, gerät dort öfter in die Brotproduktion oder eben auch in Milch, was zu Vergiftungen beim Menschen führen kann. Hier in Mitteleuropa ist es so, dass die Art sich noch nicht in Getreidefelder oder in Weiden ausgebreitet hat, aber auf Grund von Erfahrungen in anderen Naturräumen ist es durchaus gerechtfertigt, die Sache im Auge zu behalten."

Unter den 50.000 fremden Pflanzenarten, die bislang nach Deutschland gebracht wurden, sind nur rund 50 gefährliche Einwanderer. Einen generellen Grund zur Fremdenfeindlichkeit gibt es also nicht. Zumindest so lange wir die Gefahr rechtzeitig erkennen.

Frank Bäumer

Letzte Änderung am: 16.07.2007, 16.30 Uhr