Navigation

Navigation

Volltextsuche
Fernsehen im SWR

Aggressive Allergene Ambrosia - ein neues Allergen auf dem Vormarsch

aus der Sendung vom Donnerstag, 29.6.2006 | 22.02 Uhr | SWR Fernsehen

Der neue Schrecken für Allergiker ist auf den ersten Blick nur ein unauffälliges Unkraut. Aber so harmlos Ambrosia, das Traubenkraut, auch aussieht - die Pflanze ist gefährlich: Schon eine Berührung der behaarten Stiele kann zu einer schweren Kontaktallergie führen. Das Schlimmste aber sind die Pollen von Ambrosia.

Stachlig und aggressiv sehen sie unter dem Rasterelektronenmikroskop aus. Und sie sind gefüllt mit einem ganzen Cocktail von Eiweißen, die Allergikern das Leben zur Hölle machen können. Millionen solcher Pollen werden zur Blütezeit ausgestoßen. Bisher vor allem im Ausland, denn Ambrosia, oder Ragweed, wie es in Amerika heißt, gibt es bei uns kaum. Nur vereinzelt sind die Pollen bislang in die Fallen des Pollenwarndienstes geraten. Auch deshalb wurde die Gefahr wohl lange unterschätzt.

"Diese Pollen sind in der Lage mit kleinen Konzentrationen doch sehr viele Menschen zu sensibilisieren, also allergisch zu machen," sagt der Allergologe Prof. Johannes Ring, von TU München. "Und wir haben angefangen zu testen bei unseren Patienten und stellen fest, dass 10 Prozent vielleicht schon jetzt auf das Ragweed allergisch sind. Obwohl die das gar nicht wissen und wir das auch bisher gar nicht untersucht haben, weil wir gedacht haben, die Pflanzen gibt es bei uns gar nicht."

In den USA das Allergen Nummer Eins

Ambrosia kommt ursprünglich aus Amerika und dort, in den USA, ist das Ragweed das Allergen Nummer Eins. Den Sprung über den Ozean hat es per Flugzeug und Schiff geschafft. Zuerst kamen die Samen wohl mit Getreidetransporten nach Süd-Ost-Europa. Nach Ungarn folgte Österreich, die Poebene in Norditalien, das französische Rhonetal, die Schweiz - Ambrosia breitet sich rasant aus - und führt zu extremen Gesundheitsproblemen.

"In der Poebene haben sich im Lauf der letzten 5 Jahre massiv die Ragweed, also Traubenkraut angesiedelt," sagt Prof. Heidrun Behrendt vom Zentrum Allergie und Umwelt der TU München. "Es kommt zu massiven Emissionen von Ragweed-Pollen und der Asthma-Anstieg in diesem Bereich ist etwa um das fünffache höher, als er normalerweise vergleichbar ist gegenüber vielleicht vor 10 Jahren oder so."

Auch in Deutschland findet sich mittlerweile Ambrosia: an der B44 in Mannheim steht es direkt am Straßenrand. Frankfurter Wissenschaftler beobachten diesen Standort schon länger. Derzeit sind es Tausende Pflanzen - Ambrosia hat sich hier richtig festgesetzt. Die Forscher wollen, dass solche Bestände flächendeckend erfasst werden. Nur dann kann man sie bekämpfen - bevor Menschen zu Schaden kommen.

Alle Allergiker sind gefährdet

"Letzten Endes sind alle Personen die Pollenallergie haben auch gefährdet auf Ambrosia zu reagieren," sagt die Biologin Dr. Beate Alberternst aus Frankfurt. "Man weiß nämlich, dass etwa 80 Prozent derjenigen, die Pollenallergien haben auch auf Ambrosia reagieren können, potentiell. Und was man machen sollte ist, dass man die Pflanzen daran hindert die Pollen freizusetzen, d. h. also verhindert, dass die Pflanze zum blühen kommt, indem man sie entfernt oder eben abmäht, um eben die Pollenausschüttung zu verhindern."

Ob das ausreicht werden die Messungen des Pollenwarndienstes zeigen. Erstmals wird jetzt bundesweit in den Pollenfallen systematisch nach Ambrosia gesucht. Diese Untersuchungen werden zeigen, wie groß die Belastung derzeit tatsächlich ist. Das Entscheidende ist aber: wie geht es für die Allergiker weiter - denn die Bedrohung ist massiv. "Die Ambrosia-Pollen sind ja eine Pollenart, die sehr spät fliegen," sagt Dr. Klaus Bucher vom Deutschen Wetterdienst in Freiburg. "Sie beginnen etwa Mitte August und fliegen bis weit in den Oktober hinein. D.h. die Leidenszeit für die Allergiker wird sich verlängern und das eben im Zusammenhang mit einer sehr aggressiven Pollenart."

Trotz dieser Gefahr sind die kleinen grünen Samen von Ambrosia in vielen Vogelfutter-Sorten. Unglaublich, aber so mancher dürfte die gefährliche Pflanze unbeabsichtigt weiterbreitet haben - denn die Samen sind durchaus keimfähig. Für die Forscher ist klar: das sollte schnellstens verboten werden. Und auch für die Bekämpfung gilt, dass nicht zu lange gezögert werden sollte, damit wir noch eine faire Chance haben.

Noch sind die Aussichten für eine Bekämpfung sehr gut

"Die Aussichten einer Ambrosiabekämpfung sind derzeit noch sehr gut, auch wenn es knifflig ist, sie zu bekämpfen", sagt Dr. Stefan Nawrath, von der Uni Frankfurt. "Denn wir stehen erst ganz am Anfang der Ausbreitung. Wir kennen bisher erst relativ wenig Lokalitäten mit großen Beständen von Ambrosia und wenn man dort beherzt vorgeht dann können wir sicherlich noch für ganz Deutschland die Ausbreitung verhindern."

Wenn diese Chance aber vertan wird, könnte es teuer werden. Allein im Gesundheitswesen könnte uns Ambrosia nach ersten Schätzungen weit über 15 Milliarden Euro kosten - jährlich.

Patrick Hünerfeld

Letzte Änderung am: 16.07.2007, 16.30 Uhr

Der SWR ist Mitglied der ARD 

Sitemap | Impressum | Datenschutz | © SWR