aus der Sendung vom Donnerstag, 6.4.2006 | 22.03 Uhr | SWR Fernsehen
Für die neunjährige Jaqueline Lechner ist das Spielzimmer der Ulmer Kinderkrebsklinik schon fast wie ein zweites Zuhause. Vor vier Jahren hatte Jaqueline schon einmal Nierenkrebs. Sie galt als geheilt, doch der Krebs kam wieder. Seit sechs Monaten bekommt Jaqueline wieder Chemotherapie.

Jaqueline im Spielzimmer der Ulmer Kinderkrebsklinik
Zaghaft erzählt sie von ihrer Krankheit: "Ich hab´ an der Wirbelsäule einen Tumor gehabt. (...) Ich hab´ Bestrahlungen bekommen und jetzt hab´ ich noch zwei Chemos, dann bin ich fertig." Jaqueline bekam 13 mal Chemotherapie, hatte zwei Operationen und 27 Bestrahlungen. Jetzt ist der Krebs praktisch verschwunden.
Kampf gegen Krebs an zwei Fronten
Professor Klaus Michael Debatin ist der Chef der Klinik. Er führt den Kampf gegen Krebs an zwei Fronten: Als Arzt bei seinen Patienten und als Forscher im Labor. Der sympathische Mittfünfziger und international anerkannte Krebsforscher hatte als junger Arzt ein Erlebnis, das seinen Berufsweg entscheidend mitbestimmte: "Ich kann mich erinnern: Als junger Assistent hatte ich Nachtdienst. Und ich stand um ein Uhr am Bett eines Kindes, das in dieser Nacht an Leukämie verstorben war. Ich bin runter ins Labor und hab mir die Zellen in Kultur angeschaut. Und ich habe zu mir gesagt: Du musst verstehen, warum man diesem Kind nicht helfen konnte, wo du doch die Zellen, und damit die Lösung der Frage, sozusagen in der Hand hälst."
Aber die dauernde Konfrontation mit den schwer kranken Kindern und den oft verzweifelten Eltern war anfangs eine außergewöhnliche Belastung: "Die ersten Wochen, direkt aus dem Labor auf die Station - mit damals noch viel schlechteren Heilungschancen - nach vier Wochen habe ich gedacht: das halt ich nicht aus." Doch der Wille, den kranken Kindern zu helfen, war stärker.
Klaus Michael Debatin hat sich auf die Erforschung des programmierten Zelltodes spezialisiert. Das ist ein Notprogramm, das normalerweise in kranken Körperzellen anspringt und sie in den kontrollierten Selbstmord treibt. Millionenfach läuft dieses Sicherheitsprogramm an jedem Tag im menschlichen Körper ab. Gesteuert von chemischen Signalen gesunder Nachbarzellen, welche die Veränderung ihrer kranken Nachbarn regelrecht ertasten.
Der programmierte Zelltod wird ignoriert
Der programmierte Zelltod verhindert Missbildungen und beseitigt kranke Zellen. Doch bei Krebszellen ist diese Sicherheitsvorrichtung offenbar außer Kraft gesetzt. Ein zentrales Problem und eine Chance, wie Klaus-Michael Debatin erklärt: "Die Tumorzellen haben - zum Teil zumindest - verlernt, auf diese von außen gegebenen Signale: 'STIRB!' zu antworten. Und diese Defekte kann man - so ist unsere Hoffnung - mit Medikamenten überbrücken und somit die Tumorzellen dazu bringen, dass sie das wieder machen, was normale Körperzellen auch machen, nämlich auf Selbstmordsignale wieder zu gehorchen und sich dann auch selbst quasi umzubringen."
Die Ulmer Forscher um Klaus-Michael Debatin haben in ihren Brutschränken Dutzende Kulturen mit verschiedenen Krebszellen. Wenn ein neues Medikament getestet werden soll, sind diese Krebszellen die Versuchskaninchen. Die Medikamente sollen das Selbstmordprogramm bei den Krebszellen wieder in Schwung bringen. Unter dem Mikroskop sehen die Ulmer Forscher sofort, ob ein neuer Stoff das Zeug zum Krebskiller hat.
Am liebsten sieht Klaus Michael Debatin solche Bilder: Bläschen bilden sich auf der Oberfläche der Krebszellen. Das Innere der Zellen wird in kleinen Paketen nach außen abgeschnürt. Nach wenigen Minuten ist von der Krebszelle nur noch ein Häuflein Biomüll übrig: So sieht es aus, wenn der programmierte Zelltod perfekt abläuft.
Medikament spezifisch gegen Krebs
In der Zellkultur ist er allerdings recht leicht mit fast jedem Giftstoff auszulösen. Die Kunst besteht darin, den Stoff zu finden, der bei den Krebszellen für den korrekten Ablauf des Selbstmordprogramms fehlt. Der Ulmer Forscher will ein Medikament entwickeln, das diese Lücke in den Krebszellen überbrückt. Es würde - so die Hoffnung - spezifisch gegen Krebs wirken und den übrigen Körper nicht belasten.
Wieder ist Klaus Michael Debatin auf Station bei einer Patientin. Silvia ist 14 und wird bereits ein Jahr in der Ulmer Klinik behandelt. An diesem Tag bekommt sie ihre letzte Chemotherapie. 24 Stunden läuft das Gift durch ihren Körper. Zur Sicherheit wird ihr Kreislauf überwacht. Schon oft haben die beiden über die Behandlung und über die Chancen von Silvia, wieder gesund zu werden, gesprochen. In solchen Situationen hilft kein "drum herum reden", sagt Debatin: "Das größere Kind, der Jugendliche, fragt ja ganz direkt: Wie ist das, muss ich jetzt sterben? Und da gibt es keinen Weg raus und man muss diese Frage beantworten und erfährt dabei aber auch ein Stück Menschlichkeit. Und das ist menschliche Zuwendung. Und letztendlich ist das ein Element, aus dem man Kraft schöpfen kann." Kraft auch für die Weiterentwicklung der Chemotherapie: Silvia hat sie geholfen. In der nächsten Woche darf sie wieder nach Hause.
Die besonderen Chancen der Kinder
Der Umgang mit krebskranken Kindern ist für Außenstehende eine deprimierende Angelegenheit. Aber Klaus Michael Debatin sieht die Fortschritte in der Behandlung der kleinen Patienten. Und er weiß um die besonderen Chancen der Kinder beim Kampf gegen den Tumor: "Das hört sich paradox an, aber das ist so: Kinder vertragen die Chemotherapie besser als Erwachsene. Die Chemotherapie schädigt unter anderem zum Beispiel die normale Blutbildung, und die Regeneration der normalen Blutbildung findet bei Kindern in der Regel schneller statt als bei Erwachsenen."
Ein Glück auch für den vierjährigen David, der mit seinem Vater im Spielzimmer der Ulmer Kinderkrebsklinik auf ein Gespräch mit dem Klinik-Chef wartet. Mit einer Kombinationstherapie aus Papas Liebe und Chemie hat der Kleine sehr gute Aussichten auf eine Heilung seiner Leukämie.
Letzte Änderung am: 13.07.2007, 14.58 Uhr