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Fernsehen im SWR

Lassen sich Lawinen berechnen? Lawinenforschung

aus der Sendung vom Donnerstag, 16.3.2006 | 22.06 Uhr | SWR Fernsehen

Die Schneedecken werden immer dünner, doch der Wintertourismus will weiterleben. Deshalb dringen Ski-Lifte, Bergstraßen und Ortschaften immer weiter ins Hochgebirge vor - auch an lebensgefährliche Orte. Der Winter 1999 war eine Warnung: Eine Lawine begräbt den Ort Montroc bei Chamonix in Frankreich, 12 Menschen sterben. Niemand hatte erwartet, dass eine Lawine mit solcher Wucht den Ort tief unten im Tal treffen würde.

Verstehen, wie Lawinen funktionieren

Während man recht gut weiß, unter welchen Bedingungen Lawinen entstehen, kann man ihre Wucht und auch wie weit sie ins Tal hinunterrasen bisher kaum vorhersagen. Dazu muss man verstehen, wie Lawinen funktionieren. Um das herauszufinden, hat die EU im Jahr 2001 das internationale Forschungsprojekt SATSIE gestartet, in dem Experten aus acht verschieden Nationen mitarbeiten. Dazu muss man verstehen, wie Lawinen funktionieren. Die EU hat daher im Jahr 2001 das internationale Forschungsprojekt SATSIE gestartet, Experten aus acht verschieden Nationen sollen genau das herausfinden. Die Forscher suchen in den französischen Alpen in 3000 Meter Höhe nach einer Formel, um Lawinen berechnen zu können. Der Franzose Pierre Rognon installiert an einer "Lawinenrutsche" Hunderte von Sensoren, die präzise die Geschwindigkeit der von ihnen ausgelösten Mini-Lawinen und ihre Reibung auf der Unterlage registrieren sollen. Beides nämlich ist entscheidend für die zerstörerische Wucht einer Lawine. Der Grund für die aufwändigen "Laborlawinen" im Hochgebirge: Hier liegt genau der Schnee, aus dem die gefährlichsten Lawinen entstehen. Wie schnell er die Rampe hinunterrast, hängt von seiner Beschaffenheit ab: Je weniger Reibung zwischen den Kristallen herrscht, umso schneller gleitet er.
Deshalb untersucht Rognon den Schnee vor jedem Versuch genau: Er misst die Temperatur und bestimmt Größe und Form der Kristalle. Auf diese Weise lassen sich unterschiedliche Schneetypen unterscheiden, deren Rutschverhalten anschließend gemessen wird. Schnee mit einer Temperatur von minus fünf Grad Celsius gleitet schlecht. Durch die Sonne wird er feucht und pappig, das bremst. Auch eine echte Lawine aus solchem Schnee käme schnell zum Stillstand.

Nachts wird es gefährlicher

Eine rötliche Unterwasserlawine

Analyse per Unterwasserlawine

Nachts wird es gefährlicher: Bei minus 15 Grad Celsius schießen die lockeren Kristalle mit rasanter Geschwindigkeit die Rampe hinunter. Seine geringe Reibung macht diesen Schnee extrem schnell - und gefährlich. Eine Lawine aus diesem kalten, trockenen Schnee würde eine enorme Wucht entwickeln, erklärt Pierre Rognon: "Wenn wir einen Lawinenhang sehen und, zum Beispiel, durch die meteorologischen Umstände wissen, welcher Typ Schnee das ist, dann wissen wir, zu diesem Typ Schnee gehört genau diese Reibung. Und so können wir modellieren und vorhersagen, welchen Weg eine Lawine nehmen wird und wo sie anhält.". Das gilt zumindest für den unteren, dichteren Teil einer Lawine, doch die luftige Schicht darüber funktioniert ganz anders. Donnert eine Lawine ins Tal herab, wirbeln die Kristalle auf und es entsteht eine "Staublawine". Darin schießen die feinen Kristalle mit bis zu 300 Kilometer pro Stunde durch die Luft. Auch ein solche, lockere Wolke kann Häuser zerstören. Aber wie lässt sich das Verhalten einer Staublawine untersuchen?
Denis Brossard hat eine Methode gefunden: er taucht ab. In einem 20.000-Liter-Aquarium analysiert Brossard per Video Unterwasserlawinen und misst ihre unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Luftwirbel drehen zwar viel schneller als Wirbel im Wasser, doch die Drehbewegung ist sehr ähnlich. Statt Schnee donnert ein Wasser-Sand-Gemisch die schiefe Ebene im Aquarium hinab und reißt dabei viel Staub mit.
Aus den Daten der Versuche im Aquarium und auf der Lawinenrutsche haben die Forscher die tödliche Lawine von Montroc nachträglich simuliert. Das Ergebnis: Die Lawine im Computer begräbt exakt dieselben Häuser wie die Unglückslawine. Lawinen verhindern können die Forscher nicht, aber entscheidend mithelfen, dass künftige Lawinenabgänge nicht wieder in einer Katastrophe enden.

Dirk Beppler

Letzte Änderung am: 11.07.2007, 16.51 Uhr