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SENDETERMIN Do, 10.1.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schlechtere Medizin für Alte?

Medizin in der Krise

„Bei Ihnen, in dem Alter lohnt sich das doch nicht mehr“ – Diesen Satz haben viele alte Patienten schon einmal von ihrem Arzt gehört. Altersdiskriminierung ist in der Medizin ein Tabu, doch es gibt sie. Die verdeckte Rationierung von medizinischen Leistungen ist nicht nur entwürdigend, sondern kann auch Leben kosten.

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Wer alt ist, hat die Arschkarte

Kombo: Hand mit Stethoskop - alte Hände mit Schläuchen

Eines ist für Franz Wollenweber klar: Wenn sich die Ärzte um seine Mutter gekümmert hätten, dann wäre sie sicher nicht so schnell gestorben. Sie soll sich mit ihren Beschwerden abfinden, sagten die Ärzte der damals 79-jährigen. Ihr Sohn klagt daher: Statt die Ursachen zu behandeln, lassen sie sie sterben: „Man hat nicht gerade, das was heute möglich ist, getan. Denn möglich wäre gewesen, sie richtig zu überwachen, sie in eine Herzklinik entsprechend einer Herzoperation zuzuführen und das ist anscheinend nicht gemacht worden.“ Prof. Rolf-Dieter Hirsch, ein bundesweit anerkannter Experte für Altersmedizin findet klare Worte: „Wer alt ist, hat die Arschkarte. Ein guter Rentner ist ein toter Rentner. So wird es in der Gesellschaft gesehen.“

Prof. Rolf-Dieter Hirsch geht an einer Bücherregal

Prof. Rolf-Dieter Hirsch sieht die tiefere Ursache von Altersdiskriminierung im Gesundheitssystem.

Die Krankenakte von Frau Wollenweber belegt: 2004 bereits wird ein sich verschlimmernder Herzklappenfehler festgestellt, jedoch ohne der Patientin oder ihren Angehörigen die Diagnose mitzuteilen. Eineinhalb Jahre später hat sich ihr Zustand stark verschlechtert. Sie wird als Notfall eingeliefert. Erst jetzt wird dem Sohn eröffnet, dass ein Herzklappenfehler vorliege, der schon seit fast zwei Jahren bekannt sei. Dem Hausarzt sei der Befund im Entlassungsbrief mitgeteilt worden. Warum die Information nicht zur Patientin oder ihren Angehörigen durchkam und warum auch nicht die notwendigen Kontrolluntersuchungen durchgeführt wurden, ist unklar. Klar ist nur, wäre Frau Wollenweber beobachtet worden, hätte man einen optimalen Zeitpunkt für eine Herzklappenoperation finden können. Sie hätte dann eine Chance gehabt. So hatte sie keine.

Notwendige Untersuchungen unterlassen

Frau Wollenweber verstirbt 2007, nach Monate langem Leiden. Ihrem Sohn lässt die Gleichgültigkeit der Ärzte keine Ruhe. Er sammelt Beweise und beauftragt einen juristischen Spezialisten, den Berliner Anwalt Volker Loeschner. Er vertritt regelmäßig die Patientenseite und wird auch bei Gesetzgebungsverfahren im Bundestag als Berater hinzugezogen. Nach seinen Recherchen stellt sich der Fall so dar: „Der Kernvorwurf ist, dass echokardiographische Verlaufskontrollen, die alle sechs Monate hätten stattfinden müssen, unterlassen worden sind. Man hat also den Zeitpunkt für eine Aortenklappenoperation verpasst, weil keine Untersuchungen durchgeführt wurden. Man hätte eine Indikation zur Operation stellen müssen und genau diese ist nicht erfolgt. Warum das so war, wissen wir nicht. Wir können nur vermuten, dass bei den Ärzten der Eindruck entstanden ist, die Patientin ist zu alt für diese Operation, das lohnt sich nicht mehr.“

Mann steht mit einem Blumenstraß vor einem Grabstein-

Schwieriger Weg des Trauerns: Die Hinterbliebenen bleiben mit den Eindrücken des Leidens zurück.

Seine Nachforschungen zeigen: Es gab eine Chance, doch die wurde nicht wahrgenommen. Ein erstes medizinisches Gutachten eines Professors für Innere Medizin kommt zu dem Schluss: „Bei einem rechtzeitig indiziert gewesenen Aortenklappenersatz hätte eine gute Überlebenswahrscheinlichkeit über 50 Prozent bestanden. Ohne diese Operation bestand bei der sich verschlimmerten Aortenstenose keine Hilfe mehr für eine realistische Überlebenschance.“

Typischer Fall von Altersdiskriminierung

Statt Hoffnung auf eine Operation, ein quälender Leidensweg. Katharina Wollenweber hatte Wasser in der Lunge und daher Atemnot. Sie flehte in der Klinik nachts um Hilfe und versuchte sich gegen die Gleichgültigkeit der Mediziner zu wehren. Doch man stempelte die alte Dame einfach als dement und altersverwirrt ab, fixierte sie mit Gurten am Bett, montierte ein Bettgitter. Eine Frau in Atemnot wird ‚ruhig gestellt’.

Für Prof. Rolf-Dieter Hirsch, Gerontopsychiater passieren solche Dinge allzu oft: „Man schiebt alles der Demenz oder der Verwirrtheit zu. Das Schlimmste ist, wenn dann noch jemand deswegen gefesselt wird oder Neuroleptika, also Psychopharmaka bekommt zur Beruhigung. Das ist dann eigentlich fahrlässig.“ Der Fall Wollenweber: Ein typischer Fall von Gleichgültigkeit der behandelnden Ärzte. Die tiefere Ursache liegt für den Experten aber nicht nur bei den Medizinern, sondern im Gesundheitssystem: „Es ist schon ein strukturelles Problem auch, dass man sagt, in immer schnellerer und kürzerer Zeit soll mit weniger Personal immer bessere Qualität entstehen. Das ist ein grober Unfug. Ein alter Mensch braucht von Haus aus (...) erheblich mehr Zeit.“

Alte Patienten: unterm Strich oft weniger lukrativ

Nur wenige Mediziner leisten sich lange Gespräche, und mit manchen Alterskrankheiten lässt sich nur wenig verdienen. Alte Patienten sind unterm Strich oft weniger lukrativ. Abhilfe schaffen könnte eine Veränderung des Abrechnungssystems. „Es müsste zusätzliche Pauschale für alte Menschen dabei sein, das wäre sicher dringend notwendig“, ist der Vorschlag von Prof. Rolf-Dieter Hirsch.

Aber auch die Alten selbst können etwas tun: Sie kommen aus einer Generation, in der das Vertrauen in die Götter in Weiß ungebrochen ist. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein kann nicht schaden. Alte könnten fragen, so der Altersexperte Hirsch, welche Behandlung der Arzt einem 30-jährigen empfehlen würde – und diese dann auch für sich selbst verlangen.

Die Kassen machen den Medizinern keine einschränkenden Vorgaben. Sie bezahlen grundsätzlich alles was medizinisch notwendig ist. Es scheint in den Köpfen der Mediziner eine Kostenbremse zu geben. Grundsätzlich nichts schlechtes, doch muss man in jedem Einzelfall genau abwägen, ob eine Behandlung die Lebensqualität verbessert oder nicht.


aus der Sendung vom

Do, 10.1.2013 | 22:00 Uhr

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