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SENDETERMIN Do, 6.12.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schmerz-Odyssee

Raus aus der Schmerzfalle

Patienten mit chronischen Schmerzen finden in der Regel nur schwer Hilfe. Oft suchen sie jahrelang nach einer Therapie oder einem Arzt, der sie von den Schmerzen befreit. Dabei gibt es eigenständige Schmerzzentren und Kliniken mit Schmerzambulanzen. Dort ist man auf die Behandlung chronischer Schmerzen spezialisiert. Doch bis schmerzgeplagte Patienten so eine Stelle ausfindig machen, vergehen im Schnitt zehneinhalb Jahre, und bis dahin haben sie durchschnittlich 12 Ärzte konsultiert, so die Erfahrung im Schmerzzentrum Göppingen. Kein Wunder – bundesweit leidet jeder Fünfte unter chronischen Schmerzen, aber die Versorgung der Patienten mit Schmerzmedizin ist katastrophal.

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Ein Leidensweg

Bei N. Kohler, 52, beginnt es vor 17 Jahren mit leichtem Kopfweh. Dann kommen Schmerzen in Schulter und Rücken dazu. Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer. Bestimmte Drehbewegungen mit den Armen kann sie nicht mehr ausführen. Die medizinisch-technische Assistentin hat zunehmend Schwierigkeiten ihren Beruf auszuüben. Immer wieder ist sie krankgeschrieben. An Hobbies wie Radfahren oder Fotografieren ist nicht mehr zu denken. Sie sucht Hilfe beim Hausarzt, beim Orthopäden, beim Neurologen. Ohne Medikamente steht sie den Tag nicht mehr durch. Man rät ihr zur Operation, die lehnt N. Kohler ab.

Frau vor dem Eingangsbereich eines Arzt- und Geschäftshauses

Der Gang ins Schmerzzentrum: Die letzte Rettung gegen die Schmerzen?

Eine Woche im Krankenhaus am Schmerzkatheter bringt Linderung. Doch danach sind die Schmerzen wieder da. Jetzt reagiert ihre Krankenkasse. Die empfiehlt zwei Schmerzzentren in ihrer Nähe. Obwohl N. Kohler in einem medizinischen Beruf arbeitet und gut informiert ist, weiß sie bis dato nicht, dass es diese speziellen Einrichtungen überhaupt gibt. Sie entscheidet sich für das nächstgelegene Schmerzzentrum, immerhin 50 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Zunächst fahnden Schmerzmediziner nach der Ursache ihrer Schmerzen. Eine Halswirbelfehlstellung ist der Auslöser. Über Jahre hinweg hat sich ein leichter Schmerz verselbständigt und bis zur Bewegungsunfähigkeit hochgeschaukelt. Psychologen und Physiotherapeuten machen jeweils ihre eigene Diagnose. Dann erhält sie einen individuellen Therapieplan. Dazu gehört z.B. der gezielte Aufbau bestimmter Rückenmuskeln. Vier Wochen lang dauert die Therapie. Sie lernt, wo und warum ihre Schmerzen entstehen, und wie sie mit Entspannung gegensteuern kann.

Schmerzmedizin – eine vernachlässigte Disziplin

Arzt untersucht Patientin

Dr. Gerhard Müller-Schwefe: Die Schmerztherapie wird sträflich ignoriert.

Dr. Gerhard Müller-Schwefe ist einer von rund 1.700 Schmerzmedizinern bundesweit und damit einer der wenigen Vertreter seines Fachs. Zusammen mit Kollegen unterschiedlicher Disziplinen arbeitet er am Schmerz-Zentrum Göppingen. Bis schmerzgeplagte Patienten hierherfinden, dauert es viel zu lang. Das ist nicht verwunderlich. Denn bundesweit kommt auf 55.000 Einwohner lediglich ein Schmerzmediziner.

Dr. Gerhard Müller-Schwefe ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Er kennt die desolate Situation: „Die chronische Schmerzerkrankung ist von der Häufigkeit her das, was Pest und Cholera im Mittelalter war. Sie ist nicht ansteckend, aber von der Häufigkeit genauso. Es betrifft nahezu jede Familie, es betrifft jede Gemeinde, es betrifft jedes Gesundheitssystem, jede Krankenkasse und es ist eigentlich unglaublich, dass wir in unserem hochentwickelten Versorgungssystem der Medizin, die Schmerzmedizin so sträflich ignoriert haben.“

Frau in einem Übungsgeräte, an  dem sie die Lendenwirbelsäule gegen ein bewegliches Polster beugen und strecken muss.

Das Rückgrat stärken: Zusätzlich wird die Wirbelsäulen-Muskulatur trainiert.

Schmerzmediziner wie Dr. Gerhard Müller-Schwefe sind für viele die letzte Rettung. Mit einem Stab von Spezialisten muss er wieder ausmerzen, was andere versäumt haben oder einfach nicht leisten können. Auch das ist nicht verwunderlich, denn jeder Arzt macht zunächst einmal das, was er gelernt hat. Der eine setzt Fangopackungen ein, der andere erstellt ein Röntgenbild, wieder ein anderer rät zur Operation. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, doch den Betroffenen ist damit meist nicht geholfen. Schlimmer noch, es kann zu Fehlbehandlungen kommen, die noch mehr Schmerzen verursachen, so Dr. Müller-Schwefe: „Der chronische Schmerz als eigenständige Erkrankung mit körperlichen, mit psychischen, mit sozialen Anteilen wird einfach nicht wahrgenommen und dann auch nicht therapiert. Das ist eine Katastrophe für die Patienten, weil sie viele Versuche machen, weil sie frustriert sind, weil sie keine Hilfe kriegen, Ärzte sind auch frustriert, weil sie glauben der Patient stellt sich an, sie können das Problem nicht beseitigen, aber für den Patienten und für das Gesundheitssystem ist es eine absolute Katastrophe.“

Adäquate Versorgung würde viel Geld sparen

Schmerzmedizin ist bislang noch kein Fach im Medizinstudium. Immerhin wurde inzwischen erreicht, dass die Disziplin ab 2016 in die Approbationsordnung aufgenommen wird. Das bedeutet allerdings, dass es noch lange dauert, bis die ersten Mediziner mit einer Ausbildung in Schmerzmedizin zum Zuge kommen. Frühestens ab 2022 wird das der Fall sein. Das heißt die desolate Situation von chronischen Schmerzpatienten bleibt auf absehbare Zeit zunächst so, wie sie ist. Für Betroffene eine Katastrophe – für das gesamte Gesundheitssystem ein teures Manko, weiß Dr. Gerhard Müller-Schwefe: „Die ineffizient behandelten chronischen Schmerzen sind die teuersten Erkrankungen in Deutschland überhaupt, die Rückenschmerzen kosten 50 Milliarden jedes Jahr und über 70 Prozent sind Frühberentungen, Arbeitsunfähigkeiten, nicht die Versorgung dieser Patienten.“

Frau fotografiert mit Speigelreflexkamera

Schmerz-Stress ist vorbei: endlich wieder Muse für's Hobby.

Eine adäquate Versorgung würde den Krankenkassen und dem Gesundheitssystem also viel Geld sparen, und den Betroffenen viel Leid. Einen Schmerzmediziner auf 14.000 Einwohner fordert Dr. Gerhard Müller-Schwefe. N. Kohler hat es jedenfalls geschafft. Dank Schmerzmedizin. Nach vier Wochen Therapie hat sie den Schmerzkreislauf durchbrochen. Seitdem ist ein Jahr vergangen. Heute kann sie wieder alles machen, was ihr Spaß macht. Ihr Leben ist wie früher. Sie ist nahezu schmerzfrei. Sollten dennoch wieder einmal Schmerzen auftreten, hat sie so viele Entspannungstechniken gelernt, dass sie die Schmerzen jederzeit in den Griff bekommt.


aus der Sendung vom

Do, 6.12.2012 | 22:00 Uhr

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