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SENDETERMIN Do, 28.5.2009 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kritik an der Jagd

Rund fünf Millionen Wildtiere werden jedes Jahr durch Jäger erlegt. Neben Wildschweinen oder Rehen werden beispielsweise auch Enten, Wildgänse oder Kormorane geschossen. Die Jäger argumentieren, sie müssten die Tierbestände regulieren und den Wald schützen. Neue wissenschaftliche Studien zeigen aber eindeutig: Jagd löst keine ökologischen Probleme sondern schafft sie erst...

Mehrere Männer mit Lodenmäntel und Hüte mit Jagdhörner

Jäger blasen zur Jagd.

Sonntag morgens um sieben Uhr auf einer Waldlichtung. Die Luft riecht wild und würzig, die Spannung unter den 35 Jägern und Jägerinnen steigt. Wer wird heute den kapitalen Hirsch schießen? Der uralte Jagdinstinkt! Für fast 300.000 passionierte Jäger in Deutschland noch immer eine wunderbare Möglichkeit, die schöne Naturerfahrung mit dem Nützlichen zu verbinden. Mit Hege und Pflege.

Regelung des Wildtier-Bestandes

Dass das Töten von Tieren auch Spaß macht, solch eine Aussage wird man von einem Jäger nicht bekommen. Allerdings: so ganz von der Hand zu weisen ist dieser Thrill für die Jäger offenbar doch nicht: Eine Waidfrau aus der Gesellschaft gibt zu: „Ich finde es für mich sehr schön, dass ich mit einer geladenen Waffe auf einem Hochsitz sitzen kann und es in meinem Ermessen liegt, ob ich schieße oder nicht.“ Ihre Antwort auf die Nachfrage, welche Gefühle da bei ihr aufkommen: „Ah! Machtgefühle, irgendwie.“

Offiziell sprechen die Jäger aber lieber von der Regelung des Bestandes. So auch Bundestagsmitglied Jochen Borchert, Präsident des größten deutschen Jagdverbands. Unter Helmut Kohl war er sogar Landwirtschaftsminister. Also wirklich vom Fach, sollte man meinen. Die Vorstellung, man könnte die Jagd einschränken oder gar ganz auf sie verzichten, ist für ihn eine romantische Illusion:

„Wir leben in einer Kulturlandschaft die intensiv genutzt wird und in der viele Raubtiere verschwunden sind. Wenn hier der Jäger nicht regulierend eingreifen würde, dann würden sich bestimmte Wildarten, die mit der Kulturlandschaft, mit der Besiedelung durch die Menschen besser fertig werden, außerordentlich stark vermehren und andere Wildarten würden Opfer dieser Arten und würden am Ende ganz verschwinden. Und ich denke, insofern leistet die Jagd eine wichtige Aufgabe beim Erhalt der Artenvielfalt und bei der Begrenzung und Regulierung der Wildbestände.“

Jäger ist kein Ersatz für Raubtiere

Auf den ersten Blick leuchtet das vollkommen ein: Wölfe im Wald, die den Wildbestand regulieren - das wollen doch nur Naturromantiker. Die Mehrheit der Menschen hat – seit den Märchen der Kindheitstage - Angst vor dem bösen Wolf. Da sind Leute mit Flinten und grünen Mützen im Wald doch angenehmer. Kann daran etwas falsch sein?

Ja, alles! Sagt der Zoologe Professor Josef Reichholf, der an der TU München 30 Jahre lang Naturschutz lehrte und zahlreiche Preise für seine Publikationen erhielt. Der Jäger als Ersatz für fehlende Raubtiere? Für ihn ein Märchen: „Das ist eine falsche Vorstellung. Die Raubtiere haben nie bei uns die Wildbestände nennenswert reguliert. Es waren immer Krankheiten, Winterhärte und der Nahrungsmangel. Und genau die letzteren schaltet der Jäger systematisch aus. Und die Raubtiere hat er auch ausgeschaltet. Die Winterfütterung und die Wildpflege soll ja auch bewirken, dass der Bestand besonders hoch wird. Und das haben die Jäger ja auch erreicht.“

Winterfütterung fördert Population

Jäger verteilt Heu auf einer Waldlichtung

Eigentlich verboten: die Winterfütterung von Rotwild.

Den Bestand päppeln durch Winterfütterung? Das ist laut Jagdrecht eigentlich gar nicht erlaubt. Tatsächlich ist es aber eher die Regel als die Ausnahme. Winterfütterung lässt die Zahl der Tiere steigen. Besonders gerne päppeln die Jäger Hirsche – also das Rotwild, wegen der beeindruckenden Trophäen. Seltsam, denn gleichzeitig erklären die Jäger, dass sie mit der Jagd den Bestand des Rotwildes klein halten müssen, um den Wald zu schonen.

So auch der Präsident des größten deutschen Jagdverbandes, Jochen Borchert: „Natürlich gibt es Schäden durch das Rotwild. Das kommt, weil das Wild in Revieren, in denen viele Besucher im Wald unterwegs sind, kaum noch aus der Dickung hervorkommt um auf den Wiesen zu grasen – um es mal nicht fachmännisch auszudrücken. Und dann bleibt dem Wild gar nichts anderes übrig, als die Bäume zu verbeißen.“

Auch hier widerspricht der Zoologe Reichholf. Die Jäger lösen nicht das Problem, sie verursachen es: „Das Rotwild wird bei uns durch die typische Form der Hege in die Wälder gelockt und gedrückt. Gedrückt, weil es scheu gemacht worden ist durch die lange Bejagung. Gelockt durch die Fütterungen gerade auch mit den Wintergattern. Dadurch wird ein Bestand aufgepäppelt, künstlich hochgehalten auf einem Niveau das die Wälder natürlich schädigt. Wir haben derzeit die dreifache Menge des Wildes in unseren Wäldern wie das vor der Zeit der gezielten Hege der Fall war.“

So sind Jäger auch mitverantwortlich für die hohe Zahl der Wildunfälle in Deutschland. Obwohl die Waidleute natürlich sagen, dass sie ihren Job machen um genau dieses Problem so klein wie möglich zu halten. Augenwischerei. Fast schon Zynismus. Auf jeden Fall: Jägerlatein.

Wirtschaftliche Interessen

Gang mit vielen Hirschgeweihen an den Wänden

Trophäensammlung

Es ist sicher etwas krass ausgedrückt, kommt der Wahrheit aber recht nahe: Der Wald ist die Schießbude der Jäger. Dort haben sie das Wild optimal für sich aufgestellt. Für Schießspaß und für einen anständigen Ertrag. Schließlich kostet die Pacht ja auch einen Batzen, da muss der Jäger schon irgendwie auf seine Kosten kommen. Mit Spaß, Wildbret und Trophäen.

Jochen Borchert weist dies weit von sich: „Also der Vorwurf, dass Jäger zu viel jagen und zu viel Wild erlegen, trifft ganz sicher nicht zu. Dazu wird Jagd heute von allen Jägern nachhaltig ausgeübt, das heißt, es wird immer nur so viel Wild abgeschossen, wie wieder nachwächst, ohne dass der Bestand gefährdet wird.“

Natürlich muss das alles wieder nachwachsen. Sonst hätten die Jäger ja im nächsten Jahr kaum Spaß an ihrem Hobby. Darin besteht ja die Kunst der „Hege und Pflege“: Das Wild so zu halten, dass sich das teuere Revier lohnt, sagt auch Prof. Reichholf: „Bei den hohen Wildpachtzinsen haben die Jäger ein Interesse, einen hohen Wildbestand zu haben und diesen auch so hoch wie möglich zu halten. Also gibt es einen Zweikampf zwischen denen, die die Wildschäden beklagen und den Jägern, die einen Wildbestand haben möchten, auf hohem Niveau. Und zwar seit Jahrzehnten anhaltend auf hohem Niveau.“

Und das wird wahrscheinlich vorerst auch so bleiben, denn die deutschen Jäger haben eine starke Lobby. Und nutzen die Wälder als Wildzuchtanlage für ihren privilegierten Freizeitspaß.

aus der Sendung vom

Do, 28.5.2009 | 22:00 Uhr

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