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Fernsehen im SWR

Künstliches Schultergelenk

aus der Sendung vom Donnerstag, 12.11.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Michael S. hat ein Problem, das er mit Millionen Deutschen teilt: Schulterschmerzen. Nach einer eher erfolglosen Operation hat er jahrelang versucht zu verdängen, oder mit Physiotherapie dagegen zu halten. In seinem Fall war das falsch, eine richtige Behandlung hätte ihm viel Ärger ersparen können.

Jetzt soll ihm in der Heidelberger Atos-Klinik ein künstliches Schultergelenk eingesetzt werden. Dabei ist der Koblenzer erst 48. Der Gedanke an Metall und Plastik in seiner Schulter – nicht gerade anheimelnd. Lange hat er die Entscheidung hinausgezögert. Aber dann hat er sich gesagt: lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende: „Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass die Einschränkung in der Schulter immer größer wird. Ballspielen mit den Kindern – das war eine Schmerzerfahrung. Und ich möchte auch nicht, dass ich Einschränkungen in meinem Beruf habe, denn da ist ab und zu mal ein schnelles Bewegen erforderlich.“

Erste Schulter-OP "vermurkst"

Michael S. ist Sicherheitsingenieur und Testfahrer. Sein Job: Autos in Grenzbereiche führen. Da sollten die Arme 100 Prozent fit sein. Deshalb hatte er auch schon mal eine Schulter-Operation. Die war allerdings Murks, wie er sagt: „Damals bei der ersten Operation, das war vor sechs Jahren, da hat man mir gesagt: Da ist ein bisschen Knorpel kaputt, das machen wir raus. Ruck Zuck bin ich unter dem Messer gelegen. Na ja, jetzt sieht man: die Behandlung war falsch, man hätte mehr draus machen können. Und in meinen Augen war das Abzocke.“ Wäre die Schulter gleich richtig behandelt worden, Michael S. bräuchte heute kein künstliches Gelenk.

Schulter wurde durch Sport stark beansprucht

Die Tests des Physiotherapeuten zeigen: der rechte Arm des Koblenzers ist schon stark in seiner Beweglichkeit eingeschränkt. Michael S. hat viel Volleyball gespielt, hat sich immer wieder die Schulter ausgekugelt. Stress fürs Gelenk und Verschleiß. Krankengymnastik hilft da nicht mehr, meint auch der Physiotherapeut: „Es hat viel Therapie stattgefunden, ohne dass eine Verbesserung eingetreten ist. Es hat nur noch Schmerzen gebracht. Und auch ich als Physiotherapeut muss sagen, hier ist die Operation das Mittel der Wahl.“

Michael S. liegt im OP. Die Narkose ist nicht besonders tief. Nur seine Schulter ist speziell betäubt. Der Kopf wird so fixiert, dass die Geometrie des ganzen Skeletts stimmt. Die Schulter wird großflächig desinfiziert. Keine Keime dürfen in die Wunde eindringen. Sie könnten schwere Entzündungen auslösen.

Auch für den Chirurgen ist Hygiene oberstes Gebot. Professor Peter Habermeyer, der die Operation durchführen wird, gehört zu den erfahrensten Schulterchirurgen Deutschlands. Am Röntgenbild erläutert er den Verschleiß des Schultergelenks: „Wie Sie sehen: dieser Oberarmkopf ist nicht mehr schön rund, sondern er ist abgeflacht. Und verbreitert. Und hier oben und unten sehen Sie Osteophyten – Knochenneubildungen – rauskommen, die die Gelenkkapsel einengen und die Bewegung verschlechtern.“

Künstliches Gelenk wird eingesetzt

Um ein künstliches Gelenk einzubauen, muss die Schulter richtig „aufgemacht“ werden. Damit dabei nicht unnötig wichtige Muskeln und Sehnen zerstört werden, muss jeder Schnitt sitzen. Der erfahrene Chirurg kennt die Anatomie der Schulter aus dem Effeff. Und auch die Fehler, die passieren können: „Da ist ein Nerv dahinter. Wenn man da reinrutscht hat er eine Lähmung für sein Leben.“

Damit das künstliche Gelenk gut funktioniert und möglichst lange hält, ist eine exakte Position entscheidend. Um die sicher zu stellen, haben die Chirurgen Schablonen und Schienen entwickelt, die jeden Schritt des Eingriffs führen und sichern. Die Instrumente lassen an eine Werkstatt denken. Kein Zufall: Chirurgie – und besonders die orthopädische – ist ein Handwerk.

Das wird spätestens deutlich, wenn Prof. Habermeier den abgenutzten Kopf des Oberarmknochens absägt. Zum Glück bekommt der Patient davon nichts mit. Atmung und Herztöne sind stabil. Jetzt hat Peter Habermeyer den Oberarmkopf abgesägt. Später wird an seiner Stelle eine Metallkappe eingesetzt. Doch zuerst wird sein Gegenstück, die künstliche Gelenkpfanne aus Kunststoff, eingesetzt. Zement sorgt für eine dauerhafte Verbindung mit dem Knochen.

Prof. Habermeyer preist die Qualität moderner Prothesen: „Diese modernen Implantate, die wir haben, rekonstruieren das Oberarmkopf-Gelenk anatomisch. Und das ist das Entscheidende. Dann zentriert sich das selbst. Dann gibt es auch keine Ungleichheiten und dann hält das auch. Ich kenne Patienten, die haben 30 Jahre eine Prothese drin.“

Titananker hält Prothese

Die Operation geht in die letzte Runde. Der Sockel für den künstlichen Oberarmkopf muss fest mit dem Oberarmknochen verbunden werden. Dazu schraubt Peter Habermeyer einen Anker aus Titan einige Zentimeter tief in den Knochen. Früher wurde der Ersatz für den Oberarmkopf tief in den Schaft des Oberarmknochens einzementiert. Moderne Prothesen kommen mit diesem Titananker aus. Er soll die Halbkugel des Gelenkersatzes für Jahrzehnte sicher halten. Nachdem die Halbkugel aufgesetzt ist, muss nur noch die Wunde versorgt und ein durchtrennter Muskel wieder zusammengenäht werden. Reine Formsache für einen erfahren Chirurgen wie Prof. Habermeyer.

Gut anlaufende Rehabilitation

Vier Wochen später. Wir besuchen den Patienten mit der Schulterprothese in der Reha-Klinik in Bad Wiessee am Tegernsee. Michael S. genießt den persönlichen Service: Nach den Anweisungen des Chirurgen aus Heidelberg arbeitet die Physiotherapeutin Birte Grantz ein Trainingsprogramm durch, das genau auf Michael S. zurechtgeschnitten ist. Übungen zur Beweglichkeit, die den verletzten Muskel nicht stressen dürfen. Obwohl der Koblenzer mit dem aktiven Muskelaufbau noch gar nicht begonnen hat, freut er sich schon über Erfolge: „Es geht ja jeden Tag etwas besser. Und vor allem: das mit dem Schuhe zubinden geht schon wesentlich besser als vor der Operation.“ Und seine Autos wird er auch bald wieder perfekt steuern.

Frank Wittig

Letzte Änderung am: 08.01.2009, 15.36 Uhr

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