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Fernsehen im SWR

CO2-sparen mit Carsharing?

aus der Sendung vom Donnerstag, 23.10.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

„Carsharing“ heißt das Mobilitätskonzept für Menschen die zwar gerne Autofahren, aus Kostengründen oder aus Rücksicht auf die Umwelt aber kein eigenes Auto besitzen möchten. Bei diesem Modell teilen sich mehrere Menschen ein Fahrzeug – ohne sich wirklich einschränken zu müssen.

Das schätzt auch Stefanie Schulz am Autoteilen: „Ich bin halt sehr flexibel beim Carsharing. Ich kann mir dieses oder jenes (Fahrzeug, Anmerk. d. Redaktion) aussuchen, um von A nach B zu fahren. Die meisten privaten PKW stehen ja eh nur in der Garage oder auf dem Parkplatz rum. Ich nutze es dann flexibel, wenn ich es möchte, und habe effektiv nur diese Kosten die dadurch entstehen.“

Hoher Energieverbrauch bei der Herstellung

Carsharing spart nicht nur rund zwei bis drei tausend Euro im Jahr, sondern auch jede Menge Energie. Denn bereits die Produktion eines einzigen Neuwagens verschlingt rund 15 Tonnen CO2. Bis er vom Band läuft wird im Durchschnitt die Energiemenge von 5.000 Litern Erdöl verbraucht sein - noch bevor das Fahrzeug auch nur einen Meter gefahren ist. Durch Carsharing können viel weniger Autos produziert werden.

Dass sich die Umweltbelastung trotz Automobilität erheblich reduziert, lässt sich auch beweisen. Dazu erklärt die Geschäftsführerin des Schweizer Carsharing-Anbieters Mobility, Viviana Buchmann: „Und zwar hat das Schweizer Bundesamt für Energie im Jahr 2005 eine Studie gemacht und dabei errechnet, dass ein Carsharer pro Jahr 200 Kilo CO2 einspart. Für 2005 gibt das eine Wirkung von elf tausend Tonnen CO2.“

Schweiz – Nation des Carsharings

Vor allem die Bahn macht Carsharer zu Energiesparern, denn die langen Strecken bewältigen sie auf Gleisen und nur kurze mit dem Energiefresser Auto. Erst durch die gute Vernetzung mit der Bahn ist die Schweiz Nummer-Eins-Nation des Carsharings. An allen größeren Bahnhöfen steht die rote Flotte von „Mobility“, ein Unternehmen mit 80.000 Kunden. Was ist das Geheimnis des energiesparenden Erfolgsmodells? Für Viviana Buchmann ist klar: „Carsharing muss einfach sein. Der Zugang zu den Fahrzeugen, aber auch der Zugang über das Reservationssystem zu den Fahrzeugen. Dieser Aspekt spielt eine ganz wesentlichen Rolle.“

Einfache Bestellung über Mausklick

Innerhalb von zwei Minuten bestellt Stefanie Schulz über das Internet ihr Mobility-Fahrzeug. Flexibilität, die Energie spart. Denn den Wagentyp bestimmt sie mit einem Mausklick - je nach Verwendungszeck. Und: Sie bestellt nur dann ein Auto, wenn sie es auch wirklich braucht. Das ist ökonomisch, denn der Herstellungsaufwand der Autos wird durch eine optimale Auslastung kompensiert, die bei Privatfahrzeugen eher traurig aussieht: Gerade einmal eine Stunde am Tag nutzen wir im Durchschnitt unseren Privat-PKW. Die restlichen 23 Stunden des Tages verbringen Millionen privater Blechkarossen auf dem Parkplatz.

Deutschland ist Schlusslicht

Carsharing würde das beenden, glaubt Prof. Heiner Monheim, Verkehrexperte an der Universität Trier: „Sie ersetzen bei Carsharing jeweils zehn Autos durch eines. Wir haben im Moment 42 Millionen und mit vier Millionen können wir die Mobilität, die mit individuellen Fahrzeugen gemacht werden muss, problemlos erledigen.“ Doch den meisten Deutschen fehlt es an der Einsicht, dass wir unsere Mobilität ändern müssen – glaubt der leidenschaftliche Radfahrer und Carsharer Heiner Monheim. Denn Deutschland ist europäisches Schlusslicht in Sachen Carsharing.

Von der Automobilinsdustrie zur Mobilitätsindustrie

Und die Hersteller schüren die Sucht nach Statusobjekten. Die Einstellung zum eigenen Wagen gleicht noch immer einem Tanz um das goldene Kalb. Das muss sich ändern, sagt Prof. Monheim: „Die Autoindustrie darf nicht mehr das Ziel haben: je mehr Autos verkauft werden, umso besser. Sondern das Ziel der Autoindustrie muss Mobilitätsindustrie sein. Die muss intelligent, energiesparend Mobilität organisieren. Da muss sich also die Industrie umstellen, dann ersparen wir uns auch das ganze Material was für die Produktion von Autos nötig ist. Aber es gehen da auch Arbeitsplätze verloren, die dann wiederum in der Mobilitätswirtschaft, im Mobilitätsservice, bei den Mobilitätsdienstleistungen neu dazu gewonnen werden.“

Vielleicht ist das Schweizer Carsharing ein erster Schritt in Richtung eines vernünftigen Autoverkehrs. Ein Mobilitätskonzept fast ohne Nachteile, wie Stefanie Schulz meint: „Ich denke, der einzige Nachteil ist, dass ich mein Carsharing-Auto wieder an diesen Standort zurückbringen muss. Von Mobility her wäre es ein Wahnsinnsaufwand, wenn ich das Auto von A nach B fahre und Mobility muss es wieder von B nach A fahren, damit die Verfügbarkeit gewährleistet ist. Ich habe da kein Problem mit, meine Freunde auch nicht, also ist es ein Nachteil? Für mich nicht!“

Vergessene Kosten

Carsharing ist eine kluge Energiespar-Möglichkeit, denn es zeigt bei jeder Fahrt, wie teuer Autofahren wirklich ist. Ganz im Gegensatz zum privaten Vehikel. „Ich merke ja nicht, wie teuer mein Auto ist“, sagt Heiner Monheim. „Beim Autokauf habe ich mal irgendwo vierzigtausend Euro auf die Theke gelegt. Das ist dann auch schnell vergessen und bin da auch ganz stolz drauf, denn ich habe ja jetzt ein tolles Auto. Beim Tanken: Ich tanke nicht täglich und Versicherung und Steuer, das wird in großen Abständen bezahlt und dann ist es wieder vergessen. Wenn da vorne im Auto ein Taxameter liefe, so wie im Taxi, und Sie würden dauernd merken: um Gottes Willen, jetzt bin ich zwei Kilometer gefahren und bin schon wieder fünf Euro los, dann würden Sie sagen: bin ich denn bescheuert? Beim Carsharing merken Sie das, Sie rechnen ab. Jede Strecke wird abgerechnet.“ Zu den Kosten jedes Einkaufs addiert Stefanie ihre Carsharing Rechnung und kann so entscheiden wann sich das Auto lohnt, und wann die Bahn oder der Bus. In der Fachsprache: Kombinierte Mobilität.

„Carsharing ist ein ganz normaler Bestandteil des öffentlichen Verkehrs. Das sind öffentliche Autos. Und dafür muss man sehr viel mehr tun. Das hat die Politik noch nicht erkannt. Sie werden von allen Verkehrpolitikern immer wohlwollende Statements - finden wir toll, Carsharing – hören, aber wir tun nichts dafür, wir unterstützen es nicht“, kritisiert Verkehrsexperte Monheim.

Wenn Carsharing auch in Deutschland zu einem Erfolg werden soll, muss die Politik wohl helfen. Und wir als Autonutzer brauchen eine Einstellung wie die von Stefanie Schulz, dass man nämlich durchaus gerne Autofahren kann, ohne gleich ein Auto besitzen zu müssen.

Axel Wagner

Letzte Änderung am: 23.10.2008, 20.04 Uhr

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