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Fernsehen im SWR

Werbemaßnahmen Der eingeredete Kranke

aus der Sendung vom Donnerstag, 13.3.2008 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Vor fast jedem Arztbesuch liegt der Weg in einen unscheinbaren Werberaum der Pharmaindustrie, auch „Wartezimmer“ genannt. Selbst wenn nichts Werbendes an den Wänden klebt: hier schleicht sich in und unter all die bunten Illustrierten manch klare Werbebotschaft. Ein Artikel berichtet über Anti-Aging Beeren – Promis schwören drauf! Super! Woanders ist zu lesen: „So schmilzt das Fett!“ - und gleich das zugehörige Mittel, prima! Ich erfahre von einem Medikament zur Schnupfentherapie, oder dass mein Herz in Gefahr ist. Mit diesem bunten Hintergrund-Wissen gehe ich zu meinem Arzt und bin für den Besuch wunderbar vorbereitet. Oder etwa nicht?

„Nein!“, sagt Dr. Michael Becker, Arzt für Allgemeinmedizin in Karlsruhe. „Das stört das Verhältnis von Arzt und Patient ganz erheblich, denn der Patient meint, dass das, was da steht, stimmt. Und der Arzt will ihm etwas vorenthalten, was doch eigentlich gut ist. Was geschrieben steht oder was im Fernsehen kommt oder in der Zeitung steht, das muss doch mehr gelten als das, was der einzelne Arzt sagt.“

Für den Mediziner ist das Alltag. Viele Patienten konfrontieren ihn mit ihrem Halbwissen aus Werbebotschaften. Das Problem ist, dass vieles, was uns dort als unabhängige Information entgegen springt, in Wirklichkeit waschechte Werbung ist. Äußerlich als redaktioneller Artikel getarnt und bestenfalls erkennbar durch den kleinen Vermerk ‚Anzeige’! Vom Leser wird eine solch unscheinbare Randerscheinung aber nur allzu oft übersehen. „Das geht mir genauso“, sagt Patientin Marianne Becker. „Ich lese mir immer alles sehr gründlich durch und merke am Ende gar nicht, dass das Werbung war.“

Das gekaufte Wissen von „Experten“

Besonders problematisch ist das Vertrauen in Menschen, die uns als ‚Experten’ vorgestellt werden. In Artikeln und Interviews äußern sie sich über die eine oder andere Therapie oftmals verdächtig positiv. „Wenn man es genau nachschaut, stellt man fest: der ist gar nicht richtig zitiert oder aber es suggeriert der Artikel, der Arzt habe es gesagt, dabei ist es ein Berichtteil, der ist gar nicht von dem Arzt und das ist gefährlich, denn der Patient kann nicht entscheiden, was wirklich abgesicherte wissenschaftliche Information ist und was Werbungsteil“, sagt der Mediziner Becker.

Ein Beispiel ist eine Spezial-Ausgabe der ‚Freizeit Revue’. Sie beschäftigt sich mit dem Thema Rauchen. Auf Seite zwei findet sich eine Anzeige zu einem neuen Medikament. Die Volksseuche ‚Glimmstängel’ bekämpfen zu können, ist an sich eine gute Sache. Und wenn es ein Medikament zur Entwöhnung gibt, ist das doch eigentlich wunderbar. Oder etwa nicht?

Von Nebenwirkungen ist keine Rede

„Diese Medikamente können, wenn es einer nicht schafft, das Rauchen aufzuhören, am Anfang unterstützend wirken, es ist aber nie die Hauptsache. Die Hauptarbeit ist die Verhaltensänderung, dass man sich sagt, ich rauche nicht mehr und dass man sich daran hält, und das ist die eigentliche Arbeit. Die Werbung suggeriert natürlich: zack! Hier ist die Wunderdroge und: zack! Du hörst auf zu rauchen. Und so ist es nicht“, weiß Dr. Becker.

Dass man den blauen Dunst offenbar besser ohne Medikamente los wird, verheimlicht uns freilich die Werbung der Pharmaindustrie. In unserem Beispiel heißt es schlicht: ‚Den Coupon einfach abtrennen und dem Arzt mitbringen’. Für den gibt es übrigens dieselbe Werbung - allerdings wird dort das Präparat beim Namen genannt. ‚Champix’ heißt es und auch seine Nebenwirkungen werden aufgelistet. Zum Beispiel treten – Zitat – „abnorme Träume“, „Schlaflosigkeit“ und „Kopfschmerzen“ sehr häufig auf und vor „Selbstmordgefahr“ durch dieses Mittel warnt in den USA die Gesundheitsbehörde FDA.

Doch solche Informationen sucht der Patient in den Wartezimmer-Illustrierten meist vergeblich. „Dann ist es eben oft schwierig, Patienten klar zu machen: ,In Ihrem Falle – sie sind vielleicht herzkrank – würde ich vorsichtig sein.' Er denkt aber: ,Der enthält mir was vor.' Und dann bleiben Patienten auch schon mal weg. Aber man muss dann auch mal den Mut haben, einen Patienten zu verlieren, wenn man der Meinung ist, das ist nicht gut für den Patienten, das Präparat“, so die Erfahrung des Hausarztes.

Die richtige Frage stellen

Für die scheinbaren Informationen, die nichts anderes als Werbebotschaften der Industrie sind, hat Dr. Becker nur eine Verwendung: er sortiert sie aus – in den Papierkorb! Vielleicht ein guter Tipp für uns alle. Genauso wie diese: Befolgen Sie nicht nur den Rat im Abspann der TV-Arzneimittelwebung, wo es heißt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Sondern fragen Sie vor allem vorher, ob Sie das Mittel überhaupt benötigen!

Aurelia Amann / Axel Wagner

Letzte Änderung am: 13.03.2008, 10.56 Uhr

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