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SENDETERMIN Do, 26.8.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gefährliche Psychopharmaka

Neuroleptika sind Medikamente, die gegen Psychosen wie zum Beispiel Schizophrenie eingesetzt werden. Die Nebenwirkungen sind beträchtlich, wie immer mehr Studien in den letzten Jahren gezeigt haben: Krämpfe, unwillkürliche Zuckungen, Speichelfluss. Aber auch ein erhöhtes Risiko an Diabetes zu erkranken, Herzrhythmusstörungen und eine erhöhte Todesfallrate. Doch solange die Wirkung stimmt, nehmen Ärzte und Patienten vieles in Kauf, um die schrecklichen Symptome einer Schizophrenie in den Griff zu bekommen.

Aber wirken sie wirklich? Neuere Studien, wie beispielsweise eine Metastudie im britischen Fachmagazin „The Lancet“, stellen die Wirkung von Neuroleptika in Frage. Trotzdem – und obwohl die Patientenzahlen relativ konstant bleiben – werden immer mehr dieser Psycho-Pillen verschrieben. Was sind die Gründe?

Wundermittel gegen Schizophrenie?

Frau läuft im Park, dahinter ein Mann

Die Stimmen im Kopf sind ständige Begleiter

Wir treffen Antje M. Die junge Frau war 12 Jahre immer wieder in psychiatrischer Behandlung. Der Grund: als Teenager hörte sie plötzlich Stimmen: „Los ging es eigentlich mit wüsten Beschimpfungen. Also die haben mir den ganzen Tag erzählt was ich alles nicht bin, was ich alles nicht kann, was ich nie sein werde.“

Doch ein Leben mit permanenten Stimmen ist unerträglich. Ein Drittel der Betroffenen, so schätzt man, nehmen sich deshalb das Leben. Auch Antje hat es versucht. Anfang Zwanzig kam sie zum ersten Mal in die Psychiatrie. „Da kam eine sehr nette Ärztin und sagte: Frau M., Sie hören Stimmen? Machen Sie sich keine Sorgen, das ist eine Schizophrenie, dagegen gibt’s Medikamente. Wenn Sie die regelmäßig nehmen, werden Sie ein völlig normales Leben leben können.“

Steifes Körpergefühl

Antje bekam klassische Neuroleptika. Diese Medikamente werden seit den 60er Jahren zur Behandlung schizophrener Symptome eingesetzt. Doch sie haben schwere Nebenwirkungen. Auch bei Antje M.: „Nach wenigen Tagen fing es an, dass der Körper sehr, sehr steif wurde. Und nicht nur der Körper ist steif geworden, irgendwie sind auch die Gedanken ganz steif geworden. Das war, als ob man so einen Stahlhelm ganz eng auf dem Kopf hat.“

Typisch sind auch Krämpfe und Schüttellähmungen. Daher wurde vor etwa 15 Jahren eine neue Wirkstoffgruppe entwickelt. Die so genannten atypischen Neuroleptika sollten besser verträglich sein. Doch die Versprechungen der Hersteller waren falsch.

Neue Wirkstoffe mit zu vielen Nebenwirkungen

„Es sind in gewissem Sinne alles pharmakologisch schmutzige Substanzen. Sie wirken auf zig andere Systeme und Botenstoffe auch ein“, bemängelt einer der bekanntesten deutschen Psychopharmakologen. Professor Bruno Müller-Oerlinghausen ist Co-Autor einer pharmakritischen Studie, dem Arzneiverordnungs-Report, und hat die Wirkung von Botenstoffen im Gehirn lange erforscht. Neuroleptika hemmen den Botenstoff Dopamin an den Nervenenden im Gehirn. Doch die Substanzen wirken nicht nur dort. Das Risiko für plötzlichen Herztod, Schlaganfall und Diabetes steigt deutlich. Oder für Gewichtszunahme. Antje M. nahm in drei Monaten fast 40 Kilogramm zu.

Reagenzgläser mit Blutproben

Das Blutbild von Patienten wird untersucht.

Wegen der gefährlichen Nebenwirkungen wird die Einnahme von atypischen Neuroleptika streng überwacht, das Blutbild der Patienten ständig kontrolliert. Bislang nahmen Ärzte und Patienten die Gefahren und Spätfolgen in Kauf, weil sie auf die Wirkung der Psychopillen vertrauten. Doch genau daran gibt es massive Zweifel.

Marketingbluff?

Dr. Stefan Weinmann ist Facharzt für Psychiatrie an der Charité Berlin. Als einer der ersten Forscher befasst er sich mit einer umfassenden Bewertung der atypischen Neuroleptika. Neueste internationale Metastudien zeigen, dass sie unter dem Strich gar nicht besser wirken als die über 40 Jahre alten, traditionellen Neuroleptika. In seinem Buch „Erfolgsmythos Psychopharmaka“ hat er viele bedenkliche Fakten über Neuroleptika zusammengetragen. „Heute wissen wir, dass der Begriff „atypische Neuroleptika“, die nicht typisch wirken, also nicht diese Bewegungsstörungen machen, dass das im Wesentlichen eine Marketingstrategie von pharmazeutischen Herstellern war. (...) Das Problem war, dass die pharmazeutischen Unternehmen und auch psychiatrischen Meinungsführer diese neuen Medikamente als sehr nebenwirkungsarm dargestellt haben - und dadurch sinkt, oder sank, die Verschreibungsschwelle.“

Ärzte verschreiben zu viele Neuroleptika

Die Folge: Es werden immer mehr „Atypische“ verschrieben. Für die Pharmaindustrie ein gutes Geschäft. Eine übliche Tagesdosis der Neuen kostet rund sieben Euro - mehr als das zehnfache der alten Neuroleptika. Doch damit nicht genug: Ärzte verschrieben insgesamt viel mehr Neuroleptika. Anstieg seit 2000: 38 Prozent.

„De facto ist es unsere Sache als Ärzteschaft das in den Griff zu kriegen, und uns nicht zu willfährigen Erfüllungsgehilfen einer Industrie zu machen, die uns natürlich mit raffiniertesten Werbemethoden etwas vorspiegelt, was der Wirklichkeit nicht entspricht“, so die Meinung von Prof. Müller-Oerlinghausen.

Und Dr. Stefan Weinmann regt an: „Wir sollten aber die Chancen, die Möglichkeiten zu Niedrigdosis-Strategien und auch zu psychotherapeutisch begleiteten Therapien bei den Absetzversuchen viel stärker nutzen. Das wurde eben bisher nicht gemacht, weil die pharmazeutische Industrie zusammen mit den Meinungsführern das bisher blockiert und als unwissenschaftlich dargestellt hat.“

Eigenen Weg finden

Antje hat die Medikamente schon vor vielen Jahren erfolgreich abgesetzt - eng begleitet durch Psychotherapie. Inzwischen berät sie in der Berliner Beratungsstelle „Netzwerk Stimmenhören“ andere Stimmenhörer. „Dass die Medikamente als Lösungsmöglichkeit weggefallen sind, das hat mir eigentlich ein ganz neues Leben eröffnet. Also nicht mehr da zu hocken und zu warten, dass einen irgendwas heile macht, dass irgend jemand kommt und meint, einem erklären zu können, wie man funktioniert und was man tun soll. Also ich glaube, dass es wichtig ist, da den eigenen Weg zu finden“, erklärt die junge Frau.

Antje hat gelernt, ihre ständigen Begleiter zu akzeptieren. Seither sind die Stimmen, die sie auch gemalt hat, viel freundlicher und zu Weggefährten geworden. Neuroleptika will sie nie wieder nehmen.

Allerdings ist es nicht immer ratsam, die Psychopharmaka abzusetzen. Viele Ärzte halten das Risiko eines Rückfalls für zu hoch. Oft ist ein niedrig dosierter, kontrollierter Einsatz von Neuroleptika – trotz aller berechtigten Kritik – die richtige Wahl.

aus der Sendung vom

Do, 26.8.2010 | 22:00 Uhr

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