Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste

"Gegen den Strom schwimmen, weil es die Menschlichkeit gebietet."

Jo Baier

Am Set

Mut im Angesicht der Angst

Eindrücke von den Dreharbeiten in Berlin

Lkw-Motoren dröhnen zwischen grauen Hauswänden, bei jedem Schritt knirscht Splitt unter den Stiefeln der SS-Soldaten. "Raustreten! Los, vorwärts!", hallen die Kommandos über den Hof. Erschreckend realistisch wirken die Dreharbeiten zu "Nicht alle waren Mörder". Gedreht wird in der Stadt, in der Michael Degen sich als Junge mit seiner Mutter während des Zweiten Weltkrieges versteckt hielt. SWR.de hat das Team um Regisseur Jo Baier bei den Dreharbeiten besucht.

Soldaten in SS-Uniformen ziehen erschrockene Frauen und Kinder an den Ärmeln, treiben sie vorwärts und schieben sie auf die Ladeflächen der Lastwagen. Alle, die einen gelben Stern auf der Kleidung tragen, sollen abtransportiert werden – für viele von ihnen bedeutet das den Weg in den Tod.

Mehr als 80 Komparsen, vier Lastwagen und ein tobender Schäferhund: Die Szene, die heute auf dem Drehplan steht, erfordert viel Koordination. Mit der Flüstertüte gibt Regie-Assistent Stefan Enzmann das Zeichen zum Einsatz, schärft den Nebendarstellern wieder und wieder ein, sich ganz in die beklemmende Situation hineinzuversetzen.

Ein Schuss sorgt für Schrecken

"Mama, Mama!", gellt plötzlich der Schrei durch die Menge. Ein Mädchen rennt los. Ein Schuss kracht. Das Kind stolpert, stürzt. Und wird von einem Soldaten weggetragen – zu einem anderen Fahrzeug, weg von ihrer Mutter, die sich vergeblich wehrt. Die Soldaten schieben sie auf einen anderen Lastwagen.

"So eine Szene nachzustellen, ist nicht einfach", wird danach Regisseur Jo Baier resümieren. "Wenn man in den Hof schaut und die Kommandos hört, läuft's einem eiskalt über den Rücken", sagt Baier. "Und es erinnert einen an die Verantwortung, die man hat, es möglichst authentisch und stimmig darzustellen."

Der Mut der Anna Degen

Im Nachthemd steht Hauptdarstellerin Nadja Uhl mit Film-Sohn Aaron Altaras am Fenster im zweiten Stock. Von dort haben Mutter und Sohn Degen mit Schrecken gesehen, wie ihre jüdischen Nachbarn abgeführt werden. Doch Anna Degen handelt: Sie reißt den gelben Stern von ihren Kleidungsstücken und verlässt mit Sohn Michael das Haus - als ginge sie alles, was im Hof geschieht, nichts an.

Anna Degen kämpft sich durch - und wirkt dabei mitunter sehr hart. So sieht Nadja Uhl die Figur. Oftmals sind Anna Degens Nerven bis zum äußersten gespannt, "weil der Tod eigentlich jeden Tag näher ist als das Leben". Doch gerade ihre "Weichheit und die Verletzbarkeit zu entdecken und festzustellen, dass da viel mehr drin ist als ich dachte", war für die Schauspielerin "eine ganz tolle Überraschung".

"Sehr viel Glück" hat sie mit Film-Sohn Aaron Altaras, meint Nadja Uhl. Seine Spielfreude gefällt ihr. Doch die auszuleben, dazu hat Aaron heute nicht viel Gelegenheit - anders als am Tag zuvor.

Zwei Jungen und ein Regisseur

Ein lichter Laubwald, hin und wieder tschilpt ein Vogel, ganz schwach klingt das Rauschen vorbeifahrender Autos herüber. An einem Waldrand südlich von Berlin ist Jo Baier mit zwei Jungen, 9 und 15 Jahre alt, am Set.

Psychologische Arbeit ist das hier, es geht um Atmosphäre und die Stimmung der beiden Jungen, die vor der Kamera aufeinandertreffen. Bei jeder Wiederholung wird weiter gefeilt. "Sei ruhig a bisschen aggressiver", rät Jo Baier seinem Michael-Darsteller Aaron. Schließlich hat sein künftiger Freund Rolf, gespielt von Martin Stührk, gerade mit der Zwille haarscharf an ihm vorbeigeschossen.

In späteren Szenen des Films verbindet die beiden Jungen tiefe Freundschaft. Doch ihr erstes Treffen ist von Drohgebärden und vorsichtigem Abtasten geprägt. Wer ist der andere, kann ich ihm trauen?

Für Aaron Altaras ist das "eine meiner Lieblingsszenen". Auch wenn er es anstrengend findet, dass er sich das Lachen manchmal verkneifen muss, sagt der selbstbewusste Jung-Star.

Spaß muss die Arbeit ihm auch machen, weiß Regisseur Jo Baier. Ihre Basis ist Vertrauen. "Er sagt mir immer, wenn er nicht zufrieden ist", ist Aaron überzeugt, "und auch wenn er zufrieden ist. Er hat seine klaren Vorstellungen." Aus Aarons Sicht heißt das: "Wir verstehen uns gut und sind uns oft sehr, sehr einig."

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