"Gegen den Strom schwimmen, weil es die Menschlichkeit gebietet."
Jo Baier
Die Produzenten Gabriela Sperl, Nico Hofmann und Jürgen Schuster über das Projekt
Herr Hofmann, Sie haben das Projekt "Nicht alle waren Mörder" initiiert. Wie sind Sie an den Stoff gekommen und was hat Sie daran besonders interessiert?
Nico Hofmann: Michael Degens Roman hat mich seit seiner Veröffentlichung beschäftigt – ich wollte bereits vor Jahren die Rechte erwerben, aber Bernd Eichinger war schneller. Als die Rechte wieder frei wurden, habe ich mich sehr bemüht, gemeinsam mit Michael Degen an diesem Projekt zu arbeiten. Es gibt wenige so eindrucksvolle Dokumente über die Zeit jüdischen Lebens in Berlin während des Krieges. Michael Degens zutiefst menschlicher Ansatz hat mich ergriffen und bewegt. Michael Degens Lebensabschnitt im Dritten Reich steht für eine ganz besondere Geschichte von jüdischem Leben im faschistischen Berlin und vor allem ist es eine Geschichte von Menschen unter Menschen zwischen Angst und Zuversicht, zwischen ständiger Bedrohung und der Hoffnung auf das Überleben. Und von daher ist der Blickwinkel von Michael Degens Buch ein ganz einzigartiger.
Frau Sperl, was hat Sie dafür begeistert, "Nicht alle waren Mörder" als Film zu realisieren?
Gabriela Sperl: Jo Baier und ich waren nach der erfolgreichen Produktion "Stauffenberg" auf der Suche nach einem weiteren historischen Stoff, als Nico Hofmann anrief und mitteilte, er habe nun endlich die Möglichkeit, die Rechte an Michael Degens Buch zu erwerben. Da dieses Buch hoch emotional, verstörend und menschlich die Zeit des Dritten Reiches einmal aus einer ganz anderen, bisher nicht gezeigten Perspektive darstellt, waren alle Beteiligten sofort begeistert. Die neuen Partner waren natürlicherweise die alten, der SWR übernahm wie bei "Stauffenberg" erneut die Federführung, der BR und die Degeto sind weitere vertraute Partner. Ebenso EOS-Entertainment Jan Mojto, die Förderung des FFF in Bayern, die MFG Filmförderung Baden-Württemberg und das Medienboard Berlin-Brandenburg.
teamWorx hat bereits viele historische Stoffe verfilmt und dabei oft Neuland betreten. Was ist an dieser Produktion besonders?
Nico Hofmann: Bei den Dreharbeiten haben wir vor allem auf Authentizität gesetzt. Jo Baier war für diese Zusammenarbeit daher der ideale Partner. Kein anderer deutscher Regisseur versteht es so klug, präzise Recherche mit einer großen Emotion der Figuren zusammenzuführen. Schon in seinem Drehbuch – und später auch im Film – ist es Jo Baier gelungen, die Geschichte von Michael Degen in all ihren Facetten kraftvoll und differenziert zu einem bewegenden Stoff zu verdichten.
Gabriela Sperl: Mich als Historikerin treibt auch hier wieder das Interesse, vor allem den Jungen die Augen für die Komplexität der Zeit zu öffnen. Auch Degens Buch ist ein Manifest der Zivilcourage, vor allem der kleinen Leute, in lebensbedrohlichen Zeiten. Bemerkenswert und neu ist dabei, dass gerade von jüdischer Seite all derer gedacht wird, die in Zeiten täglicher Todesbedrohung auf der Seite der Gerechten standen. Keine Exculpation der Täter, aber ein Hinweis darauf, dass es im Zentrum der nationalsozialistischen Macht immer wieder Anstand und Menschlichkeit gegeben hat. Es ist das erste Mal, dass im Deutschen Fernsehen die kleinen Leute in all ihren Verstrickungen so dargestellt werden.
Die Zusammenarbeit mit Michael Degen war sicher konstitutiv für das Projekt. Wie stark war er in die Entwicklung und Realisierung des Films eingebunden, wie gestaltete sich die Zusammenarbeit?
Nico Hofmann: Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises von "Stauffenberg" habe ich die Gunst der Gelegenheit genutzt und Jo Baier mit Michael Degen bekannt gemacht. Jo Baiers großes Wissen im Umgang mit authentischer Zeitgeschichte war für Michael Degen die Voraussetzung einer Zusammenarbeit. Ich habe sofort gespürt, wie gut sich Jo Baier und Michael Degen auf Anhieb verstanden. Und ich denke, die große Offenheit, mit der sich Jo Baier in vielen Gesprächen mit Michael Degens Lebensgeschichte auseinander gesetzt hat, ist die Grundlage für das Drehbuch geworden. In jeder historischen Bearbeitung, die wir bei teamWorx möglich gemacht haben, liegt ja die Suche nach dem exemplarischen, nach dem einzigartigen Moment, den Geschichte immer wieder haben kann.
Gabriela Sperl: Oder die vergessenen Momente, jene Aspekte, die lange Jahrzehnte im Dunklen lagen, weil man sie nicht sehen konnte oder wollte. Insofern trägt jeder ernsthaft gemachte, um Wahrhaftigkeit ringende historische Film auch zur Aufklärung und zum Aufbrechen von Tabus bei. Denn diese Filme folgen nicht dramaturgischen Regeln von Gut und Böse.
teamWorx hat viel Erfahrung mit der Realisierung von historischen Stoffen. Trotzdem hat sicherlich jedes Projekt seine speziellen Tücken bei der Finanzierung und beim Dreh. Wie gestaltete sich die Realisierung von "Nicht alle waren Mörder"? Erforderte die Tatsache, dass es die Verfilmung einer authentischen Geschichte ist, besondere Rücksichtnahmen?
Jürgen Schuster: Wer die Filme von Jo Baier kennt, der weiß um seinen hohen Anspruch an Authentizität, aus der heraus seine Filme im Zusammenspiel mit großartigen Schauspielern auch ihre besondere Wirkung und Faszination auf den Zuschauer entfalten. Wir hatten für "Nicht alle waren Mörder" ein Budget von vier Millionen Euro kalkuliert und für den Drehplan 35 Drehtage angesetzt, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass eine der beiden Hauptrollen durch ein Kind besetzt war. Historische Stoffe sind natürlich auch immer eine besondere Herausforderung für die Bau- und Ausstattungsabteilung. So mussten wir die Motive des von Bomben zerstörten Berlins der Jahre 1943 bis 1945 im polnischen Breslau drehen und hierfür unter anderem einen ganzen Straßenzug nachbauen und teilweise in Brand setzen.
Glücklicherweise hatten wir im Hinblick auf die Finanzierung dieser aufwändigen Szenen sehr verständnisvolle und engagierte Partner auf der Senderseite, allen voran der federführende SWR, den BR und die Degeto, ebenso wie unseren langjährigen Partner im Weltvertrieb, Jan Mojto’s Firma EOS. Doch Filme in dieser Dimension wären hierzulande nie ohne zusätzliche Fördermittel zu realisieren und deshalb möchte ich an dieser Stelle nochmals einen herzlichen Dank gegenüber dem MBB, dem FFF und der MFG aussprechen.