Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste
Regisseur Jo Baier blickt durch seine Brille (Quelle: SWR/teamWorx/Rabold)

"Gegen den Strom schwimmen, weil es die Menschlichkeit gebietet."

Jo Baier

Regisseur und Hauptdarsteller in der Kulisse (Quelle: SWR/teamworx/Stephan Rabold)

Jo Baier mit Aaron Altaras

Die Idee

Für Mut und Zivilcourage

Regisseur Jo Baier: Warum ich einen Film nach dem Buch von Michael Degen mache

Mein letzter Film hieß STAUFFENBERG und beschrieb das Hitlerattentat vom 20. Juli 1944. Es ging um deutschen Widerstand und es ging um Zivilcourage innerhalb des Militärs.

Auch diesmal geht es für mich um Zivilcourage und Widerstand. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein spektakuläres Attentat, sondern um die eher unspektakuläre zivile Unbotmäßigkeit von Menschen, die sich dem Nazisystem und seinen Schergen verweigern. Da ist die Jüdin Anna Degen, die im Angesicht des Schreckens sich und ihrem Sohn den gelben Stern von der Brust reißt und todesmutig in den Untergrund, in die lebensgefährliche Nichtexistenz flüchtet. Da sind auf der anderen Seite die deutschen Helfer, ohne die dieses Leben als so genanntes "U-Boot" nicht möglich wäre.

Wer meine persönliche Haltung kennt – und ich denke, sie ist in all meinen Filmen zum Ausdruck gekommen – wird mir dabei sicher keinen Versuch einer Aufrechnung unterstellen. Es gibt für die vielen, die Unrecht und Mord begangen haben, kein Gegengewicht, ihre Verbrechen bleiben, was sie sind!

Andererseits habe ich mich in meinen Arbeiten immer wieder der wenig beachteten Minderheiten angenommen. Vor allem jener Menschen, deren Haltung, deren Mut, deren Eigensinn und Zivilcourage ich bewundere. Derer, die gegen den Strom schwimmen, weil es ihnen ihr Gewissen, ihre Menschlichkeit gebietet. Das ist auch im vorliegenden Fall mein Beweggrund. Wenn man bedenkt, dass in Berlin nach der letzten großen Deportationswelle ab Februar 1943 (der so genannten Fabrikaktion) annähernd 6.000 jüdische Mitbürger als so genannte U-Boote in den Untergrund gingen und mindestens 1.500 von ihnen das Kriegsende überleben konnten; wenn man pro Person zwischen sieben und zwanzig Beteiligte rechnet, die diese Menschen aufgenommen, versteckt und versorgt haben müssen, dann ergibt sich doch eine erstaunliche Zahl von Helfern.

Das mögen – wie in unserem Film – durchaus sehr unterschiedliche, manchmal ehrbare, manchmal weniger ehrbare Motive gewesen sein. Riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich war diese Hilfe dennoch.

Ich würde mir wünschen, dass wir damit ein wenig bekanntes Kapitel des Widerstandes, des zivilen Ungehorsams, wieder für eine größere Zahl von Zuschauern in Erinnerung rufen könnten; etwas, was bei allen Gräueln des Dritten Reiches nicht in Vergessenheit geraten sollte. Auch, weil es Hoffnung gibt; weil diese Menschen Vorbilder sind, mit denen man besonders die junge Generation – auf der Suche nach Orientierung – bekannt machen sollte. Mehr denn je halte ich Mut und Zivilcourage in unserem gesellschaftlichen Miteinander, in einer funktionierenden Demokratie, für absolut unentbehrlich.

Jo Baier, im September 2005

Credits   I   Kontakt
Impressum   I   © SWR 2006