"Gegen den Strom schwimmen, weil es die Menschlichkeit gebietet."
Jo Baier
Michael Degen zur Verfilmung von "Nicht alle waren Mörder"
Herr Degen, warum war Jo Baier der Richtige, um Ihr Buch zu verfilmen?
Ich kannte seine Filme und sagte, wenn's einer kann, dann kann er es. Ich hatte "Wambo" gesehen, das hat mich ungeheuer getroffen. Das ist einer der hervorragendsten Filme, die ich je gesehen habe. Ich dachte immer, was Besseres kann einem nicht passieren. Wenn schon verfilmen, dann von Jo Baier. Er ist gründlich, er recherchiert ganz genau, was ich später auch erlebt habe, mit ihm gemeinsam. Er hat den nötigen Humor. Und ich glaube, dass er die Figuren sehr, sehr gut erfasst hat.
Sie haben den Film gemeinsam mit Jo Baier und Ihrer Familie angeschaut. Wie ist die Wirkung, wenn man seine eigene Biographie im Film sieht?
Aus weiter Ferne hergeholt. Erschreckend. Am meisten überrascht hat mich die Darstellung meiner Mutter durch Nadja Uhl, die ihr ja erst mal so gar nicht ähnlich sieht, sich ihr aber innerlich wie äußerlich geradezu erstaunlich angenähert hat. Eine große, eine frappierende Leistung. Ob Aaron mich gut getroffen hat, vermag ich nicht zu beurteilen, aber ihm zuzuschauen war sehr spannend.
Film bedeutet immer Reduktion und Konzentration. Kann ein Film trotzdem der historischen Dimension gerecht werden?
Selbstverständlich kann dieser Film der historischen Dimension gerecht
werden. Besonders in der Form, die Jo Baier mit seinem Ensemble gefunden
hat. Ich hoffe, dass gerade die Darstellung des bedrohlichen Alltags in all
ihrer Normalität die Leute treffen wird. Für uns gehörte die Bedrohung zum
täglichen Leben, sie war unsere Normalität. Ich würde mir wünschen, dass
die Zuschauer das erkennen.
Schauspieler und Autor
Der gebürtige Chemnitzer absolvierte seine Ausbildung an der Schauspielschule des Deutschen Theaters in Berlin, wo er auch sein erstes Engagement erhielt. Nach zweijährigem Israel-Aufenthalt mit Auftritten an den Kammerspielen von Tel Aviv holte ihn Bertolt Brecht 1951 an sein Berliner Ensemble. Seitdem spielte Michael Degen auf allen großen deutschsprachigen Bühnen, u. a. am Hamburger Schauspielhaus, am Berliner Schillertheater, am Münchner Staatsschauspiel sowie am Theater in der Josefstadt und am Burgtheater in Wien; er arbeitete mit Ingmar Bergmann, Peter Zadek, Rudolf Noelte und George Tabori.
Dem Fernsehpublikum wurde Michael Degen durch zahlreiche Rollen bekannt: Bereits 1978 trat er in Franz Peter Wirths "Die Buddenbrooks" nach Thomas Mann auf, u.a. folgte eine Hauptrolle in Claude Chabrols Goethe-Adaption "Die Wahlverwandtschaften" (1981) sowie eine Titelrolle in Egon Monks Feuchtwanger-Verfilmung "Die Geschwister Oppermann" (1983). Als Dr. Martin Sanders sah man ihn in einer der beliebtesten deutschen Familienserien: "Diese Drombuschs".
Heute gehört Michael Degen zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Film- und Fernsehlandschaft, davon zeugt seine Hauptrolle in der 2003 von Arthur Brauner fürs Kino produzierten Tragödie "Babij Jar" ebenso wie 2004 sein Auftritt im TV-Dreiteiler "Der Wunschbaum" und seine Rolle des Leo Katzenberger in Joseph Vilsmaiers Kinofilm "Leo und Claire". Parallel zu seiner eindrucksvollen Fernsehkarriere ist er der Bühne immer treu geblieben und außerdem ein ambitionierter Schriftsteller. Die 1999 erschienene Autobiographie "Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin" wurde ein Bestseller. 2002 veröffentlichte Michael Degen seinen ersten Roman "Blondie" und kürzlich erschien sein zweiter mit dem Titel "Der Steuerhinterzieher".