
"Gegen den Strom schwimmen, weil es die Menschlichkeit gebietet."
Jo Baier
Prof. Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, über die Hintergründe des Films
Widerstand im Alltag zu fordern bedeute, so sagte einmal ein bedeutender Verfassungsjurist, fähig zu sein, Widerstand als eine Art stellvertretendes mitmenschliches Handeln "in kleiner Münze" zu wertschätzen. Arthur Kaufmann berief sich dabei auf Fritz Bauer und wandte sich gegen höchstrichterliche Vorstellungen der fünfziger Jahre, "richtiger Widerstand" dürfe nur aus dem Zentrum der Macht heraus auf den Umsturz des Gesamtsystems zielen. Im Zentrum dieser Macht saßen nun gerade nicht jene "kleinen Leute", die in ihrem eigenen Alltag Verfolgten beistanden und Freiheit, Unversehrtheit und das eigene Leben riskierten.
Der Bundesgerichtshof hatte sich, heute kaum vorstellbar, in den restaurativen fünfziger Jahren zu dieser Ansicht verstiegen und die Bedeutung des Widerstands der vielen kleinen Leute beschnitten. Er hatte sogar bestritten, dass alle, die für Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik eingetreten waren, Widerstand im engeren Sinne geleistet hatten. Damals verstörte nicht, dass gerade diese "stillen Helfer", die manche der Geretteten für unbesungene Helden hielten, als "Gerechte der Völker" in Yad Vashem geehrt wurden und dass ihr Widerstand als Ausdruck besonderer Zivilcourage gewürdigt wurde. "Stille Helfer", "Unbesungene Helden", "Gerechte der Völker" - gemeint sind Menschen, die ohne Rücksicht auf die eigene Person und zugleich aus höchst unterschiedlichen Gründen den Mut gezeigt und die Kraft aufgebracht hatten, aus rassenideologischen Gründen extrem gefährdeten Menschen im Untergrund des NS-Staates das Überleben zu ermöglichen.
Die Geschichte dieser Menschen stellt eine der letzten Herausforderungen der Widerstandsgeschichte dar. Sie hat in den vergangenen Jahren weithin Aufmerksamkeit gefunden. Dabei zeigt sich, dass kaum ein Feld des Alltagswiderstands derartig von Lebensbeschreibungen und Biographien geprägt wurde wie die Geschichte der Menschen, die den Mut aufbrachten, unterzutauchen oder den "U-Booten" beim Überleben zu helfen. Eine der bekanntesten Geschichten verdanken wir dem Schauspieler Michael Degen. Seine Helfer waren Menschen, die sich situativ mitmenschlich verantwortlich zu entscheiden wussten. Sie nahmen das Entsetzen in den Augen ihrer Mitmenschen wahr, wie es in der Josephgeschichte heißt, und halfen.
Wenn Widerstand im NS-Staat die Bereitschaft verlangt, das eigene Leben zu riskieren, dann bestätigen die höchst dramatischen Überlebens- und Rettungsgeschichten, dass die Rechtsprechung der fünfziger Jahre Unrecht war gegenüber den Menschen, die den Mut zum Widerspruch hatten und denjenigen, die in die Vernichtungslager deportiert werden sollten, einen letzten Ausweg zum Überleben erkämpften. Überdies aber geht es nicht nur um das Überleben im Untergrund, sondern auch um die Geschichte der Selbstbehauptung von Juden. So wird der Film deutlich machen, was "Rettungswiderstand" bedeutete – eine der letzten Herausforderungen unserer Auseinandersetzung mit Widerstand im Alltag des Dritten Reiches. Wer sich vorstellen kann, unter welchen Umständen Menschen gerettet werden konnten, der versteht, dass die Wahrnehmung des Unrechts, die Empörung über Diffamierung und Verfolgung der rassenideologisch Entrechteten und die Entschlossenheit, dem an ihnen begangenen Unrecht zu widerstehen, beispielhaft geschildert werden können – etwa in Michael Degens Erfahrung, dass nicht alle seiner Mitmenschen Mörder waren.
Was bewegte die Helfer, was stattete sie mit dem Willen aus, genau hinzusehen und gerade nicht, wie viele der folgsamen und angepassten Zeitgenossen, wegzugucken? Und was gab den Überlebenden Kraft, sich nicht "wie die Schafe zur Schlachtbank" führen zu lassen? So geht es um doppelten Widerstand: den der Helfer und den der Untergetauchten, die man im Berliner Volksmund "U-Boote" nannte.
Prof. Dr. Peter Steinbach
Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin
Institut für Geschichte - Universität Karlsruhe (TH)