Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste
Erwin Dold als junger Soldat in Uniform (Quelle: SWR)

"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."

Jo Baier

Rolf & Erwin Redlich

Ein Lagerleiter zeigt Menschlichkeit

KZ-Kommandant Erwin Dold

Erwin Dold ist kein NSDAP-Mitglied. Trotzdem wird der Feldwebel der Luftwaffe zum Lagerchef. Nachdem er mit seinem Jagdflieger abgeschossen wurde, ist er lange verletzt und kann nicht mehr zurück an die Front. Stattdessen wird er Wachmann eines Lagers im badischen Haslach. Erwin Dold untersteht jetzt nicht mehr der Wehrmacht, sondern der SS.

Erschüttert vom Elend im Lager Haslach, besorgt Dold Medikamente und Lebensmittel für die Gefangenen. Zu diesem Zweck stellt er sich selbst Fahrbefehle aus, die er bei Kontrollen vorzeigen kann. Einmal schmuggelt er sogar lebendes Schlachtvieh ins Lager. Tagsüber versteckt er die Tiere in einem Wald in der Nähe. Als es dunkel ist, löst er selbst Fliegeralarm aus, um die Wachen abzulenken und lässt das Vieh von einigen Gefangenen ins Lager treiben.

Die Häftlinge müssen Zwangsarbeit in Ölschieferbrüchen leisten. Erwin Dold verschafft den Insassen für kurze Zeit eine Pause von der harten Arbeit, indem er Seuchenquarantäne über das Lager verhängt. Stattdessen verbessert er in dieser Zeit die Baracken und sanitäre Anlagen.

Ende des Jahres 1944 wird das Lager Haslach aufgelöst. Erwin Dold wird ins Lager Dautmergen am Rande der Schwäbischen Alb abkommandiert. Als er im März 1945 mit der Lagerleitung beauftragt wird, ist Erwin Dold gerade einmal 25 Jahre alt.

Das Lager Dautmergen ist im August 1944 auf einer Sumpfwiese aus dem Boden gestampft worden. Die dort untergebrachten Häftlinge kommen aus anderen Konzentrationslagern. Viele sind dem Tod näher als dem Leben.

In einer Sterbebaracke warten kranke jüdische Häftlinge, die grundsätzlich keine medizinische Versorgung bekommen, und andere schwer Kranke auf ihren Tod. Sie liegen nackt auf der kalten Erde – die Baracken haben keinen Fußboden. Als der neue Lagerchef das Elend sieht, lässt er den „Schonungsblock“, wie die Baracke in der zynischen Sprache der SS genannt wird, schließen.

Einen Monat vor Kriegsende riskiert Erwin Dold noch einmal sein Leben. Er soll ein Erschießungskommando aufstellen, um 22 russische Gefangene umzubringen. Doch Erwin Dold weigert sich. Und hat Glück: Der Chef seines Wachsturmbanns beschimpft ihn lediglich, die Befehlsverweigerung wird nicht bestraft.

Als die französischen Soldaten anrücken, stellt Erwin Dold sich. 1947 muss er sich vor einem französischen Militärtribunal in Rastatt verantworten. Er rechnet mit der Todesstrafe. Doch die Überlebenden von Dautmergen sorgen als Zeugen dafür, dass Erwin Dold als einziger KZ-Kommandant des Dritten Reiches freigesprochen wird.

Weil er daraufhin in Kriegsverbrecherprozessen gegen Nazi-Täter aussagt, gilt Erwin Dold bei vielen alten Kameraden fortan als Vaterlandsverräter.

Audio hören:

  • "Das waren doch Menschen wie wir auch" - Erwin Dold über eine Entscheidung, die keine war
    (0:48 min.)

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Interview-Ausschnitt als Text lesen:
Kein Gedanke an das Risiko

Erwin Dold: Mich hat kolossal belastet, dass in dem Lager so viele Juden waren. Es waren ja keine Kriegsgegner, es waren keine Feinde. Es waren einfach Zivilisten - Menschen, die man da eingekerkert hatte. Ich hatte ja auch Bekannte, die Juden waren. Und das waren doch Menschen wie wir auch!

Und diese Dinge, die haben mich unwahrscheinlich berührt. Meine Idee war, diese Menschen am Leben zu erhalten. Ich habe die Gefahren einfach oberflächlich beiseite geschoben. Andere, die gesagt haben: "Das darfst du nicht tun!" oder "Dich kriegen sie noch mal am Wickel" - solche Dinge wurden da gesprochen. Das hat mich vollkommen ungerührt gelassen. Ich habe gedacht, ich kann da nicht zusehen, das geht nicht. Eigentlich war es keine Entscheidung. Es war von vorneherein klar: Hier musst du helfen. Und das hab' ich dann auch gemacht.

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