
"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."
Jo Baier
Mit neuer Identität überlebt Charlotte Knobloch
Heute steht Charlotte Knobloch als Präsidentin des Zentralrats der Juden an der Spitze der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. 1938 ist sie ein sechsjähriges Mädchen, das zusehen muss, wie ihr Vater Fritz Neuland auf der Straße von der Gestapo verhaftet wird. Neuland ist ein angesehener Anwalt in München und hat enormes Glück: Im Polizeigefängnis erkennt ihn ein Polizist. Er ist ein Mandant, dem Fritz Neuland einst großzügig das Honorar erlassen hat. Er lässt ihn wieder laufen.
Wenig später verliert Charlottes Vater seine Zulassung als Rechtsanwalt und damit sein Einkommen. Bereits zwei Jahre zuvor hat ihre nicht-jüdische Mutter Margarethe dem Druck des Regimes nachgegeben und sich von ihrem Mann getrennt. Mit der Scheidung und dem Ende der so genannten „Mischehe“ ist Fritz Neuland nicht mehr vor Verschleppung geschützt.
Im Sommer 1942 stehen Charlotte und ihre Großmutter Albertine Neuland auf Deportationslisten für Transporte in den Osten. Die Familie wird gewarnt. Der Mann, der die Listen zusammenstellt, bietet an, einen Namen zu streichen. Doch er kann oder will nur eine Person schützen. Albertine Neuland lässt sich deportieren, um das Kind zu retten. Sie stirbt 1944 im Ghetto Theresienstadt.
Nach diesem Vorfall ist klar: Charlotte muss versteckt werden. Ihr Vater bringt sie bei einem ehemaligen Dienstmädchen seines Bruders unter, das auf einem Bauernhof in Mittelfranken lebt. In dem kleinen katholischen Ort bleibt das Kind nicht unbemerkt.
Als Gerüchte aufkommen, Charlotte sei das uneheliche Kind der 35-Jährigen, lässt man die Dorfgemeinschaft in dem Glauben – obwohl das einen erheblichen Makel für die fromme katholische Familie darstellt. Ihre Helfer hoffen, wenn sie Charlotte das Leben retten, werden sie damit auch ihre drei Söhne beschützen, die an der Front kämpfen.
Drei Jahre lang führt Charlotte als Bauernkind ein äußerlich normales Leben und überlebt ebenso wie ihr Vater den Krieg. Nach Kriegsende baut Fritz Neuland als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München die kleine jüdische Gemeinde wieder auf. Seine Tochter tritt später in seine Fußstapfen. Sie engagiert sich auch im Zentralrat der Juden, der sie im Juni 2006 zur Präsidentin wählt.
In der Nachkriegszeit lehnen ihre Retter alle Initiativen ab, sich für ihr Engagement ehren zu lassen. Sie fühlen sich genügend entschädigt, weil ihre Söhne tatsächlich aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Außerdem wollen sie öffentliches Aufsehen vermeiden. Denn sie sind mehrmals von Rechtsradikalen wegen ihrer Unterstützung bedroht worden. Charlotte Knobloch hat deshalb lange Zeit den Ort geheim gehalten, an dem sich alles abspielte.
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Interview-Ausschnitt als Text lesen:
Rettung vor den Nazi-Schergen
Charlotte Knobloch: Das war eine Razzia. Ich ging damals mit meinem Vater spazieren und neben uns hielt eines der berühmten Autos. Die Männer in Ledermänteln – die hatten sie tatsächlich – steigen aus und kontrollierten die Ausweise. Natürlich enthielt der Ausweis meines Vaters das berühmte "J".
In dem Moment spürte ich aber eine Hand, die mich weggenommen hat. Und nachdem ich auch in dem Alter schon auf alles vorbereitet war, bin ich auch mitgegangen. Das war eine Frau, die mich an ihren Kinderwagen hingeführt hat, damit ich den Kinderwagen in die Hand nehme.
Sie ist dann mit mir schnurstracks weitergegangen und hat gesagt: "Ich möchte dich nur davor befreien, ich weiß ja nicht, was da los ist." Sie hat mich nur gefragt, wo ich wohne – es war ja nicht weit. Und hat gesagt: "Lauf schnell nach Hause und erzähl, was passiert ist."