Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste
Antisemitisches Schild mit der Aufschrift “Juden sind hier unerwünscht” in einer Laubenkolonie (Quelle: dpa/picture alliance/akg-images)

"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."

Jo Baier

Flucht statt Deportation

Auf der Flucht vor dem Regime

Juden wagen den Weg in den Untergrund

Mehr als 270.000 – nach manchen Zählungen sogar über 350.000 – Juden sind aus Deutschland geflüchtet, als die Nationalsozialisten im Herbst 1941 die Auswanderung offiziell verbieten. Etwa 165.000 jüdische und durch die Nationalsozialisten zu Juden erklärte Menschen leben noch in Deutschland, ein großer Teil davon in Berlin. Sie müssen einen gelben Stern auf der Kleidung tragen und ahnen langsam, dass sie in einer Falle sitzen: Ab Mitte des Jahres 1942 verbreiten sich in Berlin Gerüchte über Massenmorde im Osten.

In vielen anderen – besonders ländlichen – Gegenden gilt die Deportation der jüdischen Bevölkerung schon als abgeschlossen. Auch aus Frankfurt am Main, der Stadt mit der zweitgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland, sind zu dieser Zeit bereits alle Juden deportiert. Nur diejenigen in „Mischehen“ leben noch in der Stadt.

In Berlin bekommen ebenfalls immer mehr Juden die Aufforderung zur „Abwanderung“ zwecks „Arbeitseinsatz“ im Osten. Doch einige widersetzen sich der Anordnung: Sie leben fortan im Untergrund. In der Hauptstadt werden ungefähr 7.000 Menschen zu „U-Booten“, wie sie sich selbst nennen. In der Anonymität der Großstadt können sie sich besser vor Entdeckung schützen als auf dem Land. Insgesamt, so schätzen Historiker, tauchen reichsweit 10.000 bis 12.000 Juden unter. Viele davon sind „Mischlinge“ oder „Mischehe“-Partner, die im letzten Kriegsjahr ihre Verschleppung fürchten.

Viele warten bis zuletzt, bevor sie den Schritt in die Illegalität wagen. Als die Gestapo bei einer Großrazzia im Februar 1943 die noch verbliebenen Juden zum Teil direkt an ihren Arbeitsplätzen verhaftet, ist auch den letzten Optimisten klar, dass sie außerhalb der Lager nicht legal überleben können.

Denn wer dieser so genannten „Fabrik-Aktion“ entkommt, wird später zu Hause aufgesucht. Oft überwacht die Gestapo auch noch Tage später die Wohnungen der Verfolgten, um eventuelle Rückkehrer abzufangen. Von Juni 1943 an leben in Berlin offiziell nur noch diejenigen Juden, die durch eine „Mischehe“ geschützt sind.

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