Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste
Kennkarte einer Jüdin von 1939 (Quelle: dpa/picture alliance/akg-images)

"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."

Jo Baier

Familie Teuber

Rettung im Rotlichtmilieu

Charlotte Erxlebens selbstlose Hilfe

Sechs Zimmer hat die Berliner Pension, die Charlotte Erxleben im Jahr 1939 mit geerbtem Geld kauft. Die damals 33-Jährige kommt aus Greifswald in Vorpommern und ist gelernte Hauswirtschafterin. Sie macht aus der Pension ein Bordell und arbeitet als Prostituierte.

Obwohl Prostituierte selbst mit Repressionen durch die Nationalsozialisten rechnen müssen, versteckt sie immer wieder „U-Boote“ in ihrem Etablissement. Unter anderem bietet sie dem Juden Fritz Walter Unterschlupf, der aus einem KZ flüchten konnte. Sie versorgt die Untergetauchten auch mit Lebensmitteln – und bietet ihnen eine gute Tarnung: Sie können zu allen Tages- und Nachtzeiten kommen und gehen. Die Nachbarn halten sie für Kunden.

Trotzdem wird Charlotte Erxleben eines Tages angezeigt, vermutlich von einer Kollegin. Die spätere Frau Fritz Walters berichtet, dass dieser sich in letzter Sekunde retten konnte. Als ihm die Gestapo-Männer auf der Treppe entgegenkommen, grüßt er mit „Heil Hitler“ und geht unbehelligt hinunter.

Die Gestapo-Beamten verhören Charlotte Erxleben und finden in ihrer Wohnung einen Koffer mit Männerkleidung. Aber sie streitet ab, dass Fritz Walter ein Jude sei. Sie hätte es schließlich gemerkt, falls er beschnitten sei. Damit gibt sie ihre Tätigkeit offen zu, um den Juden zu schützen.

Sie wird weder verhaftet noch wegen Prostitution angezeigt. Aber die Beamten nehmen den Schlüssel zu ihrer Wohnung mit, um sie auch unangemeldet durchsuchen zu können. Nach diesem Vorfall muss Charlotte Exleben noch mehrere Verhöre über sich ergehen lassen. Obwohl sie misshandelt und mit KZ-Haft bedroht wird, verrät sie nichts.

Ihr Bordell ist damit als Versteck für Fritz Walter zu gefährlich geworden. Trotzdem hilft sie ihm weiter. Sie besorgt Lebensmittel und wäscht seine Wäsche. Und immer noch bleiben ihre Räume Zuflucht für Verfolgte. Allerdings trifft sie Vorkehrungen für den Fall einer unangemeldeten Durchsuchung: Auf dem Dachboden hält sie eine Kiste bereit, in der sich ihre Schützlinge verstecken können.

Selbst als das Haus 1944 durch Bomben zerstört wird und sie sich ein neues Quartier suchen muss, gibt sie die Hilfe für Juden nicht auf. Auch in dem gemieteten Zimmer, in dem sie fortan lebt, versteckt sie Verfolgte.

Ihr ehemaliger Schützling Fritz Walter unterstützt sie nach dem Krieg finanziell. Denn Charlotte Erxleben lebt von Sozialhilfe und bleibt arbeitslos. 1960 wird sie als „Unbesungene Heldin“ vom Berliner Senat geehrt. Ihre Tätigkeit als Prostituierte verschweigt sie in den Anträgen.

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