
"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."
Jo Baier
Aaron Altaras im Gespräch mit Michael Degen
Anna Degens Moralvorstellungen werden gründlich durcheinander gebracht, als sie mit ihrem Sohn zu Oma Teuber kommt: Die Zustände in der Wohnung, die als Privatbordell dient, sind nicht gerade jugendfrei. Auch unsere heutigen Moralvorstellungen passen nicht zu Familie Teuber: Wir halten Helfer gern für selbstlos und edel - doch den Teubers geht es um's Geld. Ist das unmoralisch? Kann man so jemandem vertrauen? Oder ist es besser, sich auf die anderen jüdischen Flüchtlinge zu verlassen? Wird deren Moral standhalten, wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten?
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Gespräch als Text lesen:
Das Leben bei den Teubers
Michael Degen: Die Lona hat es mal schön gesagt: "Du, aussuchen kannst du es dir nicht, sei froh, dass du hier leben kannst, mehr ist nicht drin. Und wenn du sie nach ihrer politischen Meinung fragst, halt ja den Mund! Die haben keine." So war’s doch. Wir mussten froh sein, dass wir überhaupt für Geld …
Aaron Altaras: Die haben das für Geld gemacht, die brauchten es.
Michael Degen: Natürlich. Aber dass sie uns unterbrachten … Aber auf der anderen Seite waren sie wirklich sehr, sehr, sehr nett.
Aaron Altaras: Genau - so, wie ich das mitgekriegt habe: Die Mutter fand das immer ganz extrem schlimm, weil ein kleiner Junge darf so was nicht sehen und so was geht nicht, da kann man nicht lange wohnen. Aber auf der anderen Seite fand der Junge es gar nicht mal so schlimm. Der hat es fast genossen, immer Schokolade zu kriegen und nett behandelt zu werden. Ich glaube, der mochte die Teubers eigentlich recht gut leiden.
Stella Kübler - Begegnung mit einer "Greiferin"
Aaron Altaras: Normalerweise wurden die [jüdischen Spione] ja dann nicht vergast. Aber oft ist es doch passiert, dass sie sich dann, die Gestapo, die auch noch verraten haben, die dann trotzdem vergast haben.
Michael Degen: Das sowieso. Das wussten sie ja nicht. Man hat ihnen gesagt: "Du, wenn du uns die bringst, bleibst du immun gegen den Transport." Das hat man natürlich nicht eingehalten, nicht. Aber das wussten die ja nicht. Und darum haben sie, um ihr Leben auch zu retten, haben sie’s getan.
Es gab ja eine ganz berühmte Frau, die den Krieg überlebt hat - und die hat’s nun wirklich überlebt -, eine bildschöne Frau übrigens, Stella Kübler mit Namen: Die hat meine Mutter persönlich gekannt. Ich hab das nicht ins Buch geschrieben, aus ganz bestimmten Gründen nicht, weil sie noch lebte und ich wollte sie schonen. Aber es war eine ganz unheimliche Szene. Wir waren auf der Lietzenburger Straße. Mutter hatte mich an der Hand, und wir gehen und plötzlich stand diese Frau vor uns. Und Mutter wusste ganz genau, was diese Frau getan hat - oder noch tut. Und die sahen sich beide an, die Frauen - also ich habe das Gefühl gehabt, es war eine Stunde, die sie sich angesehen haben, es waren natürlich nur Minuten, aber es war ... Sie hätten die Luft schneiden können. Dann sagte die Kübler bloß zur Mutter: "Verschwinde, ich hab' dich nicht gesehen. Verschwinde!" Das werd' ich nie … diesen - huh - diesen Ton vergesse ich nicht.
Täuschung eines SS-Offiziers
Michael Degen: Ich hab meiner Mutter so restlos vertraut, weil sie eine so starke Person war, eine so freche Person. Es gab mal eine Szene, die auch nicht im Film vorkommt, wo wir eingeladen wurden, und da saß ein hoher SS-Offizier, und der hatte sich in Mutter verliebt, sofort, also ad hoc. Sie saß auch dann neben ihm und die redeten miteinander. Und dann sagte der - wir sprachen über den Krieg - : "Klar, wir sind jetzt in einer Krise, aber wir werden das alles überstehen. Und soll’n Se mal sehen, wenn wir erstmal die Wunderwaffe haben" und so … Und: "Wir siegen, nicht wahr, gnädige Frau ..." Wendet er sich an meine Mutter: "Sie sind doch auch überzeugt, dass wir siegen?" Worauf die Mutter sagte: "Selbstverständlich, wir siegen!" Also, das brachte sie fertig.
Aaron Altaras: Mutig!
Michael Degen: Mutig, couragiert, witzig …
Aaron Altaras: Intelligent!
Michael Degen: Das kann man wohl sagen, ja. Ohne das wären wir nie ... Aber dieses Vertrauen war nie angetastet von mir. Ich hab ihr blind vertraut. Als sie mir mal sagte: "Wir kommen durch!", hab ich gesagt: "Aus, die Sorge bin ich los!"