
"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."
Jo Baier
Die „Greiferin“ Stella Kübler-Isaaksohn
Schön, intelligent und skrupellos – so beschreiben Zeitzeugen Stella Kübler. Die jüdische Fahnderin ist in Berlin berüchtigt und gefürchtet wie keine ihrer „Kolleginnen“.
Nach dem Novemberpogrom 1938 hat ihre Familie vergeblich versucht, legal auszuwandern. Der „Fabrik-Aktion“ entkommen die 20-jährige Stella und ihre Mutter, weil sie sich im Keller des Betriebes verstecken, in dem sie Zwangsarbeit leisten müssen. Unmittelbar danach taucht die Familie unter. Stellas Mann Manfred Kübler allerdings wird verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er wenige Wochen später stirbt.
Nach einigen Monaten im Untergrund wird Stella im Juli 1943 verraten - durch eine Greiferin. Sie wird verhaftet und mehrmals brutal verhört. Kurz vor der geplanten Deportation bekommt sie das Angebot, mit der Gestapo zusammenzuarbeiten. Man werde sie und ihre Familie vor dem nächsten Deportationstermin schützen, lautet das Versprechen. Stella Kübler willigt in die Erpressung ein und stellt sich als Fahnderin in den Dienst der Gestapo.
Gemeinsam mit ihrem späteren zweiten Mann Rolf Isaaksohn soll sie Hunderte untergetauchte Juden verraten und der Gestapo zum Transport ausgeliefert haben. Rolf Isaaksohn ist als ehemaliger Passfälscher besonders gefährlich für die illegalen Juden: Er kennt nicht nur ihre eigentlichen Namen, sondern auch ihre neue Identität.
Nach Aussage einer Zeitzeugin geht Stella Kübler, unter den Berliner Juden bekannt als „das blonde Gift“, besonders skrupellos vor: Sie spricht Menschen, die sie für untergetauchte Juden hält, zum Beispiel unter dem Vorwand an, ihnen Lebensmittel beschaffen zu wollen. Sie horcht dann ihre Opfer aus und hofft so auf weitere Informationen über andere Untergetauchte. Beim zweiten Treffen kommt sie nicht allein, sondern bringt die Gestapo mit.
Stella Küblers Eltern nützt die Arbeit ihrer Tochter nichts. Sie werden 1944 deportiert. Stella dagegen überlebt und hält sich zunächst versteckt. Beim Versuch, sich als „Opfer des Faschismus“ registrieren zu lassen, wird sie erkannt. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilt sie zu zehn Jahren Haft.
Während dieser Zeit in verschiedenen Lagern erkrankt sie schwer, überlebt aber trotz harter Haftbedingungen. Schuldgefühle zeigt sie später nicht. Bis an ihr Lebensende bestreitet Stella Kübler die Verantwortung für ihre Taten und versucht, sich selbst als Opfer darzustellen. 1994 begeht sie im Alter von 72 Jahren Selbstmord.
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Interview-Ausschnitt als Text lesen:
Pakt mit der Gestapo
Stella Kübler: Um meine Eltern zu retten und über den Transport zu kriegen habe ich gesagt, gut, ich versuche es — hab' mir natürlich dabei gar nichts gedacht, aber welcher Mensch hätte so eine Gelegenheit nicht wahrgenommen? Meine Mutter war natürlich dagegen. Sie sagte: "Es ist sehr gefährlich, sich mit solchen Menschen einzulassen." Ich hab gesagt: "Ich will euch ja nur helfen, dass ihr noch da bleibt. Vielleicht ist morgen der Krieg vorbei." Man kann’s ja nicht wissen.
Rückblick auf die eigenen Taten
Stella Kübler: Ich war mir damals keiner wirklichen Schuld bewusst. Und die Juden sagten ja auch selbst, sie wollten lieber von Juden abgeholt werden als von der Gestapo - weil die Gestapo ja viel radikaler war und Übergriffe machte. In späteren Jahren, als ich über alles nachgedacht hatte, habe ich mir natürlich gesagt: Du hättest es nicht tun sollen. Und ich empfand auch große Reue. Aber ich konnte mein Schicksal ja gar nicht anders umdrehen; es war einfach unmöglich. Es war ein Teufelskreis, aus dem ich damals nicht herauskam.