Nicht alle waren MörderSüdwestrundfunk | SWR.deDas Erste
Aaron Altaras und Michael Degen unterhalten sich und gestikulieren (Quelle: SWR/ Steffen Jänicke)

"Diese Hilfe war riskant, manchmal sogar lebensbedrohlich."

Jo Baier

BEFREIUNG BEI MARTCHEN

Nachgefragt: Endlich zu Ende - oder doch nicht?

Aaron Altaras im Gespräch mit Michael Degen

Michael Degen hat als Kind Dinge erlebt, die jeden Erwachsenen überfordert hätten. Was passierte mit diesen Erfahrungen, als der Krieg zu Ende war? Wollte er am liebsten alles schnell vergessen? Und warum hat es lange gedauert, bis er schließlich von seinem Leben als verfolgter jüdischer Junge erzählen konnte?  

Audios hören:

  • "Er glaubt uns nicht, dass wir Juden sind - das kann nicht sein" - Aaron Altaras und Michael Degen im Gespräch
    (01:30 min)

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  • "Meine Mutter sagte: Jetzt sind wir neu geboren"
    (00:29 min)

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  • "Der kleine Michael hatte kein Trauma - das kam erst später"
    (00:56 min)

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Gespräch als Text lesen:
"Wir hatten Glück, dass dieser Offizier ein Jude war"

Aaron Altaras: Für mich die schlimmste Szene, wo ich fast angefangen habe zu weinen am Anfang: Als die Russen kamen und der Offizier uns da alleine anbellt. Die anderen sind schon draußen und er will uns nicht glaubt, dass wir Juden sind.

Michael Degen: Ja.

Aaron Altaras: Da dachte ich erst: "Nee, das kann nicht sein." Da hat einem wirklich dann alles geschlottert.

Michael Degen: Ja. Und die waren zu allem entschlossen, weil sie in Mutter natürlich eine Spionin vermutet haben.

Aaron Altaras: Die haben doch einen Hass auf die Deutschen gehabt …

Michael Degen: Ja, natürlich.

Aaron Altaras: … verständlich!

Michael Degen: Ja. Und Mutter sprach Deutsch, sprach Russisch und hatte keinen Pass. Also, das …

Aaron Altaras: Aber dann kam der Beweis.

Michael Degen: Ja.

Aaron Altaras: Und wir haben das ja echt gedreht, also, ich hab den Kaddisch echt gesagt.

Michael Degen: Du, wir hatten Glück, dass dieser Offizier ein Jude war. Das war ein großes Glück, denn Mutter hatte den großen Fehler gemacht, dass sie Russisch überhaupt gesprochen hat. Aber - das konnten wir ja nicht wissen!

Aaron Altaras: Sie dachten: "Ah, das ist doch super!"

Michael Degen: Wir dachten: "Mensch, ist ja fabelhaft." Aber es ging genau nach hinten los. Er wurde immer wütender, weil er glaubte, dass wir ihn hochnehmen wollen. Aber als ich das erste hebräische Wort sagte, merkte ich schon im Grunde …

Aaron Altaras: Was denn?

Michael Degen: … das hat den richtig wie ein Faustschlag getroffen.

Michael Degen: Na, das Erste war das Totengebet ...

Aaron Altaras: Ja? Kaddisch.

Michael Degen: … der Kaddisch! Die ersten Sätze … [Er spricht den Anfang des Gebets: "Jitgadal vejitkadasch sch'mei rabah..."]. Und da … Ich spürte richtig, wie der stiller wurde, und dann ließ er mich aber ganz aussprechen. Und als ich ihm dann auch noch das [jüdische Gebet] "Sch'ma Jisrael" sagte …

Aaron Altaras: Das kann ich auch.

Michael Degen: … da ist er ausgeflippt.

Neu geboren nach dem Krieg

Michael Degen: Meine Mutter sagte wirklich, jetzt, wir sind neu geboren, das wollen wir vergessen. Und hat einmal sogar witzigerweise gesagt: "Ich bin jetzt genauso alt wie du, bin am selben Tag geboren." Das war sehr witzig. Und so haben wir uns auch verhalten. Erst als mein Bruder, das war sehr viel später, als ich nach Israel ging, um meinen Bruder zu suchen und als ich ihn auch noch rüberbrachte nach Deutschland, da erzählten wir zum ersten Mal. Dann aber auch nie wieder. Das zweite Mal war erst das Buch.

Späte Verarbeitung

Michael Degen: Mich hat mal ein Mann, der dieses Buch unbedingt auch verfilmen wollte, gefragt: "Aber der kleine Michael, der muss doch ein Trauma gehabt haben!?" Und ich sagte ihm: "Mensch, der kleine Michael sitzt vor dir. Er hatte kein Trauma!" Es war kein Trauma. Das kann man sich heute nicht vorstellen, aber ... Danach, und zwar sehr, sehr spät - da kam es.

Aaron Altaras: Deswegen schreibt man ja auch so ein Buch.

Michael Degen: Das war 1998, als ich das Buch schrieb, und mir plötzlich bewusst wurde, dass ich ja aus der Sicht eines Erwachsenen schreibe. Und mir da erst vorstellen konnte, was Mutter wirklich erlebt hat. Da war es ein Jahr wirklich so, dass ich keinem Menschen in meinem Alter die Hand geben konnte. Wie alt war der damals? Was hat er damals gemacht? Ich habe heute noch Vorbehalte. Wem gebe ich jetzt die Hand?

Deutschland, 2006

Wie erleben Aaron Altaras und Michael Degen heute die Situation in Deutschland? Ihr Fazit: Hass und Vorurteile sind nach wie vor ein Thema.  

Audios hören:

  • "Was haben Sie gegen Juden?" - Michael Degen über eine hasserfüllte Demonstrantin
    (1:13 min)

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  • "Warum geht das aus den Hirnen nicht raus?"
    (00:49 min)

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  • "Man sollte frei sagen können, dass man jüdisch ist"
    (00:55 min)

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  • "Jeder muss mal solche Filme gesehen haben"
    (00:52 min)

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Gespräch als Text lesen:

Eine junge Frau - vom Hass erfüllt

Michael Degen: Ich hab mal hier in Berlin bei einer Demonstration gestanden, da ging es um Israelis und Araber. Und da hat man eine Frau interviewt, der hat man einfach mal so ein Mikrofon vorgehalten, die war so verzerrt von Hass. Es war eine junge Frau, es war keine Alte! "Was die machen und was die gemacht haben und was wir denen angeblich angetan haben ... Hätten wir doch nur ..." Solche Sachen kamen da.

Da habe ich mich eingemischt. Die Frau interessierte mich einfach, weil ich den Hass nicht verstehen konnte. Und ich fragte sie: "Was haben Sie gegen Juden?" - "Was ich gegen Juden habe?", fragte sie mich. Sag ich: "Ja, was haben sie gegen Juden?" - "Alles!", sagt sie. Und darauf sag ich zu ihr: "Ja, da geht’s mir genauso wie mit ihnen. Mir geht’s nicht so mit den Juden, sondern mir geht’s so mit den Radfahrern." Das ist ein alter Witz, den ich da anwendete, nicht. Sie guckte mich da plötzlich völlig konsterniert an. Und sagte bloß: "Wieso denn Radfahrer?" Sag ich: "Ja, wieso Juden?" Und die schalteten gleich das Mikro ab, fingen an furchtbar zu lachen ... Das ist meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit: die Leute lächerlich zu machen.

Vorurteile vermeiden

Michael Degen: Ich hatte auch ein anderes Erlebnis mit meiner Tochter, wo ich sie von der Schule abholte, und sie kam zusammen mit einem Jungen raus und kam auf meinen Wagen zu. Und ich sagte: "Können wir ihn mit nach Hause bringen? Können wir ihn irgendwo hin nehmen?" - "Ach nee, lass mal, der ist doch Türke."

Aaron Altaras: Wer hat das gesagt?

Michael Degen: Und da hab ich gesagt: "Pass mal auf. Du gehst jetzt hin, du holst den Jungen und wir fahren ihn nach Hause - und dann reden wir beide drüber." Das haben wir auch gemacht. Wir haben sehr lange geredet, und dann habe ich gesagt: "So. Und jetzt?" Und als sie mir dann sagte, woher sie das hatte, hab ich natürlich mit den Eltern der Leute geredet. Da bin ich wirklich massiv geworden. Aber was nutzt das auf die Dauer? Im Grunde ist man wirklich ... Also manchmal verlier ich wirklich alle Hoffnung.

Jüdisch sein in Deutschland

Aaron Altaras: Ich war schon mal in der Nähe von judenfeindlichen Leuten, ich kann jetzt nicht sagen ob Nazis, aber die mit Juden nicht viel zu tun haben wollen. Man muss einfach wissen, wenn man mit jemandem redet, dass man nicht sofort alles verrät. Weil normalerweise sollte man in einem Land wie Deutschland frei sagen können, dass man jüdisch ist, aber kann man nicht.

Michael Degen: Kann man nicht, nein.

Aaron Altaras: Also bei den meisten Leuten, wenn ich mich lange unterhalten habe mit denen, kann ich’s sagen. Aber man muss immer noch hier in Berlin aufpassen. Wenn man irgend jemandem begegnet mitten auf der Straße, sollte man nicht sagen, was man ist. Und das gilt nicht nur für Juden. Das gilt auch für Araber oder was weiß ich. Es gibt auch viele islamfeindliche ...

Michael Degen: Natürlich.

Aaron Altaras: Man muss mal allen Leute, die denken, "Ach, das ist ja gar nicht so schlimm", mal zeigen, was eigentlich los ist. Dass Schwarze dauernd angegriffen werden. Dass man nicht sagen kann, dass man unbedingt jüdisch ist ...

Was kann ein Film bewirken?

Michael Degen: Im Moment tut sich was in Deutschland, was, wenn man nicht aufpasst, hat man’s nicht mehr in der Hand. Diese Rechtsradikalen, die früher nur Dumpfbacken waren, die fangen an, sich zu organisieren - und manchmal doch sehr intelligent an, sich zu organisieren. Mir wird manchmal ein bisschen Angst und Bange. Man muss jetzt was tun.

Aaron Altaras: Damit nämlich die Leute, find ich, auch sehen was Leute durchmachen oder durchgemacht haben ... Ich finde, jeder muss mal solche Filme wie Schindlers Liste oder so mal gesehen haben. Das ist sehr wichtig, finde ich. Weil man kann durch Erzählen zwar auch viel erfahren. Aber wenn man’s sieht, wie so was mal aussieht, ist es richtig schrecklich. Wenn viele Leute es sehen und vielleicht drüber nachdenken - und es sich nicht nur angucken, um Spaß daran zu haben … Wenn sie drüber nachdenken, hat der Film auch viel bewirkt.

Michael Degen: Ja.

Aaron Altaras: Hoffentlich ...

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