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SENDETERMIN Mi, 29.12.2010 | 20:15 Uhr | SWR Fernsehen

Thema 7 Der Tinnitus - und eine neue Therapie

Jeder weiß, wie angenehm es ist, sich einfach mal komplett zu entspannen: die Beine hochlegen, nichts tun, an nichts denken, nichts hören – einfach die Stille genießen…

Für manche Menschen ist das unmöglich. Sie werden Tag und Nacht von Geräuschen begleitet, so dass es um sie herum niemals still ist. Diese andauernden Ohrgeräusche nennt man in der Fachsprache Tinnitus. Sie können als Rauschen, Pfeifen oder Summen in verschiedenen Lautstärken und Tonhöhen auftreten. Wer an einem Tinnitus leidet, hat niemals Ruhe. Der anhaltende Ton kann die Lebensqualität bis zur Unerträglichkeit einschränken. Allein in Deutschland sind mehr als 3 Millionen Menschen betroffen!

Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig, so dass die Therapie ausgesprochen schwierig ist. Eine Mittelohrentzündung oder Medikamente können die Symptome ebenso auslösen wie zu laute Musik. Bei der Hälfte der Betroffenen ist der Ton auf Lärm oder Stress zurückzuführen.

Der subjektive Tinnitus tritt am häufigsten auf. Dabei ist charakteristisch, dass der Ton nur vom Patienten selbst gehört wird, denn im Grunde ist er ein Phantomgeräusch, das durch Fehlfunktionen im Gehirn entsteht. Ein ähnlicher Effekt ist Phantomschmerz, der nach Amputationen auftreten kann. Dabei empfängt das Gehirn immer noch Schmerzsignale von Nerven, die früher für den jetzt fehlenden Körperteil zuständig waren. Beim Tinnitus fehlt statt eines Körperteils ein Frequenzbereich des Gehörs, d.h. dieser arbeitet nicht mehr richtig.

Wenn die für das Hören zuständigen Nervenzellen im Gehirn keine Signale mehr erhalten, fangen sie irgendwann an, immer im selben Rhythmus eigene Signale abzufeuern. Normalerweise herrscht zwischen den Nervenzellen ein gesundes Chaos: mal feuert die eine Zelle, dann eine andere, mal zwei Zellen gleichzeitig – aber eben immer durcheinander. Beim Tinnitus feuern die verantwortlichen Nervenzellen synchron, also immer gleichzeitig und immer im selben Takt. Dadurch entsteht der dauerhafte Ton.

Im Studio begrüßten Frank Elstner und Ranga Yogeshwar zwei Gäste. Prof. Peter Alexander Tass vom Forschungszentrum Jülich, der eine neuartige Therapie für Tinnitus entwickelt hat und Ludger Kommescher, der seinen Tinnitus durch diese Therapie verloren hat.

Die Therapie setzt an den synchron feuernden Nervenzellen im Gehirn an und bringt diese kranken Zellen aus dem Takt. Dazu werden 4 Therapietöne erstellt, die genau auf den jeweiligen Tinnitus des Patienten abgestimmt sind. Zwei Töne liegen in der Frequenz über dem eigenen Ton, zwei darunter. Der Patient hört mit einer Art mp3-Player, dem so genannten Neuro-Stimulator, täglich diese speziell berechneten Töne. Der Tinnitus wird nicht überdeckt, sondern aus dem Takt gebracht und dann kommt die Selbstheilungskraft des Gehirns ins Spiel. Es gewöhnt sich wieder an das gesunde Chaos, die Nervenzellen feuern nicht mehr synchron und der Ton verschwindet.

Ludger Kommescher erlitt einen Hörsturz und kämpfte im Anschluss jahrelang mit einem Tinnitus. Im Frühjahr 2009 nahm er an einer Studie teil, die 6 Monate dauerte und seinen Tinnitus vollständig verschwinden ließ. Zunächst ließ er sich bei seinem Ohrenarzt die maßgeschneiderten Therapietöne erstellen. Dann hörte er sich die spezielle Tonfolge 6 Stunden täglich an und verspürte sofortige Linderung. Die Töne mussten mehrfach angepasst werden, weil seinTinnituston sehr schnell in Intensität und Frequenz sank. Mittlerweile ist sein Ton ganz verschwunden. In der klinischen Studie gingen die Symptome bei mehr als 70% der Patienten signifikant und dauerhaft zurück, wobei die Tinnitustöne der Patienten in Lautstärke und/oder Tonhöhe abnahmen, so dass sie nicht mehr als so störend empfunden wurden, wie zu Beginn der Therapie. Die Studie ist noch nicht ganz abgeschlossen, mit Ergebnissen wird im Jahr 2011 gerechnet.

Mittlerweile wird die Therapie von HNO-Ärzten angeboten und kostet um 3000€. Bisher wird sie noch nicht von den Krankenkassen übernommen und wird auch noch nicht für alle unterschiedlichen Tinnitusformen angeboten.

Weitere Informationen:
Hotline zum Jülicher Neurostimulator für Tinnitus-Patienten:
Telefon ANM GmbH: 0221 454 6333
E-Mail: info@anm-medical.com

aus der Sendung vom

Mi, 29.12.2010 | 20:15 Uhr

SWR Fernsehen

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Sendetermine

26. Dezember 2016, 03:00 Uhr, SWR Fernsehen
(Wiederholung vom 30. April 2015)

15. Januar 2017, 13:00 Uhr, SWR Fernsehen
(Wiederholung vom 7. Mai 2015)
22. Januar 2017, 13:00 Uhr, SWR Fernsehen
(Wiederholung vom 12. Mai 2016)
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