Sendung vom Freitag, 25.2.2011 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Kaum ist das Kind geboren, muss es in die Frühforderung. Dort soll es möglichst schon eine Fremdsprache lernen, im Kindergarten das erste Instrument erlernen. In der Schule muss es gute Noten schreiben, damit der Übergang ins Gymnasium problemlos klappt. Ist das alles krankhafter Leistungswahn oder gehören Disziplin und Durchhaltevermögen heute zur heutigen Erziehung?
Sind heute womöglich nicht nur die Kinder verweichlicht, sondern auch die Eltern? Führt Kasernenhof-Drill zu mehr Erfolg als Kuschelpädagogik? Wie streng dürfen, oder müssen Eltern sein, damit unsere Kinder für die moderne Welt gewappnet sind?
Mit seinem „Lob der Disziplin“ wurde er über Deutschland hinaus bekannt: Bernhard Bueb, der ehemalige Schulleiter des Elite-Internats Schloss Salem. Der 72-Jährige gilt als strenger Verfechter von klaren Regeln und kindlicher Unterwerfung unter der elterlichen Autorität. Er sagt: „Eltern sollten nur die wirklich gute Leistung loben, denn auch im späteren Leben zählt nicht das Mittelmaß, sondern nur die Perfektion.“
Bei solchen Sätzen sträuben sich bei Ulrike Hartmann die Nackenhaare. Die Mutter von zwei Kindern beklagt in ihrem Buch „Mutterschuldgefühl“ genau diesen Druck, der auf die heutige Elterngeneration ausgeübt wird, das Kind bestmöglich zu erziehen. Den Fokus auf die Leistung der Kinder zu legen, hält sie für grundlegend falsch: „Von diesem Druck profitieren nur eine riesige Ratgeber-Industrie und Anbieter privater Bildungsangebote“, so die 45-Jährige.
„Jeder sollte das Beste aus seinen Möglichkeiten rausholen“, ist dagegen die dreifache Mutter Dr. Astrid Nelke überzeugt. Nach entsprechender Frühförderung sprechen alle ihre Kinder fließend Englisch, spielen ein Instrument und sind selbstverständlich im Sportverein aktiv. Das verlangt eine gute Portion Disziplin, sagt die 42-jährige Berlinerin, die zu ihrem Ehrgeiz steht: „Nur wer sich unter Anstrengung etwas erarbeitet, ist stolz und kann sein Selbstbewusstsein entwickeln.“
Von Disziplin um ihrer selbst willen hält Prof. Peter Fauser rein gar nichts. Der Erziehungswissenschaftler aus Jena lehnt die Erziehung zum fehlerfreien Funktionieren mit dem Ziel der Höchstleistung ab: „Das ist unmenschlich und fernab jeglicher Individualität!“. Zu Zeiten, in denen Kinder vermehrt über Leistungsdruck klagen und bereits Schüler ausbrennen, gelte es vielmehr, wieder die ureigene kindliche Motivation zum Lernen zu stärken.
Damit spricht er dem 19-jährigen Philip Blank aus der Seele. Der Sohn aus gutem Hause besuchte stets Privatschulen, zuletzt ein Eliteinternat im englischen Ellesmere. Dort bestimmten Appelle, Pünktlichkeit und Strenge im besonderen Maße den Tagesablauf. Nichts für Philip, den das nur demotivierte und lustlos machte. Fazit: Er kam ohne Schulabschluss zurück nach Hause. „Zukunftsängste habe ich nicht. Ich bin sicher, aus mir wird trotzdem was!“
Jammern ist nicht ihre Stärke. Als zarte 13-Jährige kam Sunok Lee aus Südkorea nach Wien, studierte Geige und baute parallel in fünf Jahren die Matura. „In dieser Zeit hatte ich nur drei Stunden Schlaf pro Nacht, doch wer Ziele hat, muss auch leiden können“, sagt die streng aber liebevoll erzogene Ausnahme-Violinistin. Über viele europäische Eltern kann sie sich derweil nur wundern. „Viele Kinder haben zu viele Freiheiten, Kinder jedoch brauchen klare Führung.“
Diese Erkenntnis hat Sabine Göwert, Mutter von vier temperamentvollen Kindern, mittlerweile auch. Besonders ihre achtjährigen Zwillinge tanzten ihr lange auf der Nase herum, und auch aus der Schule kamen Klagen. Zur Rede stellen ließen sich die beiden Störenfriede nie, stattdessen gab es ewige Diskussionen. Die entnervte Mutter wandte sich schließlich an einen Kinderpsychiater, der ihr schonungslos die Augen öffnete. Für sie ein Schock: „Wer hört schon gerne, dass man selber der Fehler ist?“
Letzte Änderung am: 11.02.2011, 23.18 Uhr