Erste, weitreichende Folgen dieser Entwicklung zeichnen sich bereits ab: In ihrer Verzweiflung greifen manche Stressgeplagte zu Psychopharmaka und dopen so ihr Hirn. Hautallergien, Schwerhörigkeit und Augenprobleme sind noch die harmloseren Begleiterscheinungen der psychischen Daueranspannung, sie treten aber immer häufiger auf.
Außerdem geht jeder dritte Arbeitnehmer wegen Überlastung in Frührente, jeder fünfte wechselt den Job. Wie damit umgehen? Was verbirgt sich hinter dem Zauberwort „Entschleunigung“?
Dass es im Profi-Radsport nicht ohne leistungssteigernde Präparate zu gehen scheint, hat Jörg Jaksche am eigenen Leib erfahren. Viele Jahre hat er mit Epo und Eigenblut gedopt, um ganz vorne mitzufahren. Sein Doping-Geständnis 2007 sorgte für einen der größten Skandale des Radsports. Gleichzeitig bedeutete es das Ende für seine Karriere als Radrennfahrer. „Hinter den Kulissen wird trotzdem nach wie vor gedopt“, meint Jaksche.
Der Yoga-Lehrer Patrick Broome ist davon überzeugt, dass man nur Höchstleistung erbringen kann, wenn man seinen Körper erst fordert und sich anschließend ausreichend entspannt. Zu seinen prominentesten Schüler zählen die Fußballer der Deutschen Nationalmannschaft. Zusammen mit Patrick Broome machen sich die Kicker fit für die WM in Südafrika.
Karriere und Kinder zu vereinbaren, war für Katja Kamphans immer wichtig. Sie ist Leiterin Sales & Marketing Unternehmenskommunikation bei Marsh GmbH, einem weltweiten Konzern für Risiko- und Strategieberatung. Obwohl sie zwei Kinder hat, arbeitete sie in ihrer gesamten Karriere immer in Vollzeit, genauso wie ihr Mann. Beide wollen beruflich erfolgreich sein, aber dabei trotzdem Zeit für die Familie haben: „Es ist alles ein bisschen eine Gratwanderung, denn man möchte ja den Kindern auch immer gerecht werden.“
Von Karriere hält Rolf „Ketan“ Tepel überhaupt nichts. Der Lebenskünstler hat sich der Leistungsgesellschaft verweigert: „Ich besitze kein Bankkonto, bin in keiner Krankenkasse versichert.“ Er lebt derzeit auf einem brachliegenden Grundstück mitten in Köln. In seiner Werkstatt arbeitet er an Kunst- und Musikprojekten. Das könnte bald vorbei sein, denn auf dem Grundstück soll in drei Jahren das neue Kölner Stadtarchiv gebaut werden.
„Gerade junge Menschen wollen Leistung bringen“, sagt Mario Lehmann. Er ist der Gründer des privaten Internatgymnasiums Schloss Torgelow. Auf Grund seiner schlechten Erfahrungen mit „normalen“ Schulen, hat er das Elite-Internat gegründet. Dort können sich extrem leistungsstarke und leistungswillige Schüler beweisen. Ihre Ergebnisse werden in der Schule ausgehangen, gleich neben einer Liste mit den besten 100 Abiturienten.
Die Schriftstellerin Kathrin Passig bringt ihr Gehirn künstlich auf Trab, mit Hirndoping. Das Medikament „Ritalin“ hilft ihr, sich besser und länger auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Für Passig ist das vergleichbar „mit der morgendlichen Tasse Kaffee“. Doch das Medikament ist in der Öffentlichkeit umstritten, denn es ist verschreibungspflichtig und zieht einige Nebenwirkungen nach sich.
Für Professor Sighard Neckel ist der Begriff Leistung nicht negativ besetzt. Leistung zu zeigen, bedeutet für ihn, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, sich zu vergleichen und dafür Anerkennung zu bekommen. Allerdings bemängelt er, dass sich Leistung immer mehr von Erfolg abkoppelt. Der zunehmende Leistungsdruck im Beruf wird nicht mehr ausreichend honoriert: „Für immer mehr Arbeit, gibt es nicht gleichzeitig mehr Geld.“
Harald Daunheimer hat den Preis für zu viel Leistung bezahlt. Neun Wochen lang litt er unter Lähmungserscheinungen. Die Diagnose: Burnout. Regelmäßige 16-Stunden-Tage im Familienbetrieb, ständige Erreichbarkeit, verschleppte Krankheiten – sein Körper konnte nicht mehr. Die innere Balance hat er durch einen Personal Coach wiedergefunden. Seitdem arbeitet er sehr viel weniger und konzentriert sich mehr auf seine Frau, seine fünf Kinder und sich selbst.
Letzte Änderung am: 05.12.2009, 00.43 Uhr
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