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Fernsehen im SWR

Nachtcafé am 23. Oktober Wohlstand ade - geht es jetzt ans Eingemachte?

Sendung vom Freitag, 23.10.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen

Nun rüttelt die Angst an der Mittelschicht, mit teils verheerenden Folgen, die schon bald in vielen Haushalten spürbar sein werden. Und es trifft genau diejenigen, die sich ihre Existenz mühevoll aufgebaut hatten und sich eigentlich abgesichert fühlten - Zukunftsperspektive ungewiss.

Sei es der arbeitslose Familienvater, der nun sein vom Mund abgespartes Reihenhaus versteigern lassen muss, weil er die Raten nicht mehr zahlen kann. Oder die Alleinerziehende, die Dauergast im Pfandleihhaus ist, weil sie am Monatsende ihren Kindern kein Essen mehr auf den Tisch stellen kann.

Wieland Backes und Beate Seitz auf dem Sofa während der Aufzeichnung

Wieland Backes und Beate Seitz

Da ist der Rentner, der sein Leben lang hart dafür gearbeitet hat, dass Deutschland überhaupt zu dem Wohlstandsland wurde, das es einmal war. Heute muss er seine mickrige Rente durch frühmorgendliches Zeitungsaustragen aufbessern, weil sonst nicht mal ein Paar neue Winterschuhe drin wären.

Ist der Wohlstand, den wir uns über Jahrzehnte erarbeitet haben, dahin? Rettet uns der Verzicht? Was muss auf dem Beipackzettel einer wirksamen Entlastungskur stehen? Wie viel Wohlstand brauchen wir überhaupt?

Die Gäste:

70 Prozent Umsatzminus - die Krise zerstörte sein Lebenswerk! 200.000 Euro Überbrückungskredit hätten dem Mittelständler Fridolin Mannuss aus Sternenfels gereicht, damit er seinen Kunststoffmaschinenbetrieb retten kann. Doch seine Hausbank zeigte ihm die rote Karte. „Ich habe 20 Jahre lang Tag und Nacht geschuftet, jetzt habe ich nichts mehr.“  Nach dem Verlust der Firma droht nun der ganzen Familie die Privatinsolvenz.

Ihr ganzes Leben hat Barbara Gebhardt hart gearbeitet, zahlte 35 Jahre in die Rentenkasse ein - und  trotzdem reicht ihre Rente nicht! 6 Tage in der Woche steht sie mitten in der Nacht auf und trägt Zeitungen aus, damit sie überhaupt überleben kann. Jeder Euro wird zwei Mal umgedreht; im Theater war die 76-Jährige schon ewig nicht mehr. „Diese kulturellen Aktivitäten fehlen mir so. Altersarmut macht einsam und ist entwürdigend“.

In seinem aktuellen Buch kritisiert der Ex-Wirtschaftsboss Utz Claassen das gierige Verhalten von Bankern und Managern. Nach einem Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Arbeitgeber EnBW verzichtet der 46-Jährige nun - gegen eine Einmalzahlung von 2,5 Millionen Euro - auf ein jährliches Ruhegehalt von rund 400.000 Euro, das bis zu seinem 63. Lebensjahr erfolgen sollte. Nachdem Claassen nach seinem Ausscheiden bei EnBW eine Beratertätigkeit bei einem Finanzinvestor angenommen hatte, zog der Energiekonzern das Ruhegehalt in Zweifel.

„Menschen suchen in der Wirtschaftskrise nach Kompetenz, vielleicht hat die FDP gerade deswegen Zulauf“, sagt  FDP-Bundesvorstandsmitglied Alexander Graf Lambsdorff . Für ihn ist es höchste Zeit für Reformen. Der zweifache Vater warnt: „Die Liberalen dürfen sich nicht vom allgemeinen Pessimismus anstecken lassen, dem auch die Bundeskanzlerin erlegen ist.“ Sein politisches Vorbild ist sein Onkel, Otto Graf Lambsdorff.

„Ich erhole mich erst allmählich von meiner tiefen Verwunderung darüber, dass 15 Prozent eine Partei gewählt haben, die als geistiger Urheber für die Weltfinanzkrise steht“, sagt Peter Zudeick. In seinem Buch „Tschüss, ihr da oben: Vom baldigen Ende des Kapitalismus“ fordert der Publizist und Satiriker einen grundlegenden Wechsel hin zu gemeinwirtschaftlichen und genossenschaftlichen Systemen.

Aufregen, Polarisieren, sozialkritisch Stellung beziehen – Ein Anliegen von Skandal-Theaterregisseur Volker Lösch. So nimmt sich „Deutschlands zähester Provokateur“ in seiner aktuellen Inszenierung „Nachtasyl Stuttgart“ dem Thema Armut an und lässt im Stuttgarter Staatstheater gleich Dutzende von Brotlaibe auf die Schauspieler prasseln. „Mein Theater ist politisch. Egal, ob das Widerspruch hervorruft oder Zustimmung. Es soll etwas hängen bleiben“.

Was es bedeutet, wenn die eigenen Kinder nur das Minimum zum Leben haben, erfährt Beate Seitz täglich. Damit die Hartz-IV-Empfängerin mit ihren sieben Kindern überhaupt über die Runden kommt, durchforstet sie Kleidersäcke und nimmt dankbar das geschenkte Brot vom Bäcker an. Die Reutlingerin sagt: „Das Second-Hand-Leben ist ein Lernprozess, daran mussten wir uns erst gewöhnen.“

Ein sechsstelliges Jahresgehalt gewohnt, dann plötzlich arbeitslos! Die Krise schlug bei Armin Hierstetter bitter zu, als Verlagsleiter eines bekannten Herrenmagazins wurde ihm von heute auf morgen gekündigt. Doch der Münchner hatte schnell Plan B parat und gründete Deutschlands erstes Internet-Portal für Profi-Sprecher. Heute sagt er: „Die Kündigung war die größte Chance meines Lebens!“

Letzte Änderung am: 25.09.2009, 23.27 Uhr

Nachtcafé am 23. Oktober

Sendezeit Freitags, 22.00 Uhr

im SWR Fernsehen

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