Sendung vom Freitag, 25.9.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Ob quakende Frösche in Nachbars Gartenteich, lärmende Kinder auf dem Spielplatz oder das penetrante Schnarchen des Partners: 80 Prozent der Deutschen fühlen sich durch Lärm belästigt – und der lauert an jeder Ecke: Nicht nur der Straßenverkehr zerrt an den Nerven, selbst beim Einkaufen ist Kaufhausmusik als liebliche Dauerberieselung nicht mehr wegzudenken.
Mit Erfolg: Versuche haben gezeigt, dass beispielsweise in der Weinhandlung bei sanfter Klaviermusik teurere Weine gekauft werden. Doch Lärm führt langfristig zu psychischen und physischen Schäden. Jeder fünfte Deutsche hört dauerhaft Töne, die im eigenen Hörsystem entstehen: Sie leiden unter Tinnitus.
Für die Betroffenen werden Pfeiftöne, Brummen und Rauschen zur unendlichen Qual. Was tun, wenn Lärm das Leben zur Hölle macht? Wo ist die akustische Schmerzgrenze im täglichen Miteinander? Oder sind wir alle viel zu lärmempfindlich?
Für Frank Gross ist jede Nacht die Hölle: Der Inhaber einer Werbeagentur wohnt im idyllischen Rheintal, doch donnern an seinem Haus im Dreiminutentakt Züge vorbei. Nach jahrelangem Lärmterror leidet er an massiven Gesundheitsbeschwerden. Gross engagiert sich für den bisher verweigerten Lärmschutz und klagt: „Eine der schönsten Regionen Deutschlands, sogar Weltkulturerbe, wird durch den Schienenlärm kaputt gemacht!“
Verkehrslärm und Dauerbeschallung in Kaufhäusern sind für Schlagersängerin Kristina Bach die Hölle. Als Ausgleich zum stressigen Show-Alltag sucht die Grand Dame des deutschen Schlagers deshalb die Ruhe in der Schweizer Dorfidylle. „Der plätschernde Dorfbrunnen, das ist Balsam in meinen Ohren“, sagt Bach, die in ihrer Wahlheimat Kraft für ihr „lautes“ Leben als erfolgreiche Sängerin und Produzentin junger Popstars tankt.
Kann Kinderlärm einem Nachbarn tatsächlich den allerletzten Nerv rauben? „Ja, mir raubt diese Kindertagesstätte die Konzentration für meine Arbeit“, sagt der erfolgreiche Fotograf Peter Hönnemann, der vis-à-vis einer Kindertagesstätte lebt und arbeitet. Hönnemann sieht die Schuld jedoch nicht bei den Kindern, vielmehr in einer mangelhaften Erziehung. Zudem fordert der Hamburger verbesserten Schallschutz in Kindergärten.
„Kinder müssen sich austoben dürfen!“, sagt Leila Moysich. Doch immer öfter muss sich die Geschäftsführerin von mehreren Kindertagesstätten vor Gericht gegen lärmempfindliche Nachbarn wehren. Ein Kindergarten musste unlängst sogar geschlossen werden und durfte nur unter strengsten Auflagen wiedereröffnen. „Der Garten ist jetzt als Spielfläche gesperrt, das ist ein Skandal“, beklagt Mosyich eine zunehmende Lärmempfindlichkeit.
Als Kopf der Hardrock-Band „Ohrenfeindt“ kann es Chris Laut nicht laut genug sein. „Im Bauch muss es wummern, Lautstärke verschafft mir ein drogenähnliches Wohlgefühl“, sagt der Sänger und Gitarrist. Dass sich andere Menschen über Kinder-, Verkehrs oder eben auch Partylärm beklagen, kann der Mitvierziger nicht verstehen. Er empfiehlt den Lärmgegnern größere Gelassenheit und notfalls einen Umzug.
Prof. Rainer Guski weiß, wie massiv Lärm die körperliche und seelische Gesundheit schädigen kann. Deshalb fordert der Umweltpsychologe aus Bochum eine Verschärfung der Lärmschutzmaßnahmen. Warum wir bestimmte Geräusche als Lärm empfinden und andere, obwohl genauso laut und intensiv, aber als angenehme Hintergrund-Geräuschkulisse wahrnehmen, damit beschäftigt sich der Psychoakustiker.
Ein schriller Pfeifton ist Volker Alberts ständiger Begleiter, der ihn beinahe in den Wahnsinn treibt: Bei der Bundeswehr ruinierte sich der ehemalige Berufssoldat bei Schießübungen sein Gehör, seit 22 Jahren plagt ihn dazu ein Tinnitus. Doch der 69-Jährige gibt nicht auf: Er engagiert sich als Vorsitzender der Deutschen Tinnitus-Liga und hat gelernt, nicht mehr ständig auf seinen grellen Ton im Ohr zu hören: „Mein Tinnitus gibt nie Ruhe, ich kann mich nur ablenken!“
Der eine spricht von „nächtlichem Glockenterror“, die anderen pochen auf die Tradition und wollen von einem Glockenverbot nichts wissen. „Kirchturmglocken sind nicht zeitgemäß und stören nur die Nachtruhe“, sagt der genervte Anwohner Norberto Harlacher. Das sieht indes Kirchengemeinderatsmitglied Jochem Weiß völlig anders: „Bislang hat sich noch nie jemand über den Glockenschlag beschwert, wir halten an einem durchgängigen Nachtschlag unserer Kirchenglocke fest.“ Demnächst wird ein Richter im Glockenstreit von Memprechtshofen entscheiden, wann und wie laut die Glocke der evangelischen Dorfkirche auch künftig läuten darf.
Letzte Änderung am: 14.08.2009, 22.47 Uhr
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