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Nachtcafé Mehr Schein als Heiligkeit - wie glaubwürdig ist die Kirche?

Auslöser waren so umstrittene Entscheidungen wie die Rehabilitation des Holocaust-Leugners und Traditionalistenbischofs Williamson oder die Exkommunikation eines neunjährigen brasilianischen Mädchens, das nach Vergewaltigung durch ihren Stiefvater mit Zwillingen schwanger war und abgetrieben hatte.

Das Echo kam prompt: Als Rückmeldung an die Kirche gab es in den ersten Wochen dieses Jahres deutlich mehr Kirchenaustritte als im Vorjahreszeitraum.

Doch nicht nur die katholische, auch die evangelische Kirche musste sich der Kritik der Glaubhaftigkeit aussetzen: Ein Beispiel war die Scheidung von Landesbischöfin Margot Käßmann, die in den eigenen Reihen massive innere Spannungen auslöste.

Keine Wiederholung am Samstag, den 16. Mai 2009

Die Gäste:

Pfarrer Ernst Cran rockte mit seiner Band „Die Groben Popen“ im Talar über den Altar, er probte als ständiger Kritiker den Aufstand gegen die verkrusteten Strukturen der Kirche. Bis die evangelische Kirche genug hatte von den Eskapaden des Pfarrers und forderte ihn auf, sein Amt niederzulegen. Seither arbeitet der 52-jährige als konfessionsfreier Theologe auf eigene Rechnung – und hat mit seiner lebendigen Art von Seelsorge bei Gläubigen großen Erfolg.

Trotz Anfeindungen bewahrt Pater Steiner von den Piusbrüdern in Stuttgart die Ruhe. Sei es die Leugnung des Holocausts seines englischen Mitbruders Williamson, die einen Vatikan-Eklat auslöste oder umstrittene Demonstrationen auf Schwulenparaden mit Plakaten wie „Rettet Kinder vor Perversion“ - Pater Steiner bezieht deutlich Stellung zu seinem erzkonservativen Weltbild, dazu passen weder Patchworkfamilien noch Scheidungen. „Homosexualität ist eine Sünde, schon Apostel Paulus hat geschrieben, dass kein Knabenschänder das Himmelreich erreichen wird“.

Solche Aussagen sind ein Skandal für Axel Hochrein. Dass selbst die großen Amtskirchen christliche Splittergruppen wie die evangelikale Organisation Wüstenstrom unterstützen, die Homosexuellen eine vermeintliche „Heilung hin zur Heterosexualität“ versprechen, kann der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes nicht fassen. „Die Kirche muss sich von solch menschenfeindlichen Angeboten und angeblichen Homoheilern in ihren Reihen schleunigst distanzieren.“

Die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche Deutschland, Petra Bahr, sieht die Defizite auch in der eigenen Kirche. Und doch nimmt sie ein gestiegenes Interesse am Glauben wahr: „Die Menschen sind offen für diese 2000 Jahre alte Botschaft, weil sie spüren, dass es mehr geben muss als Materielles!“ Den stärker werdenden Atheismus versteht sie als eine Bewegung, die in ihrem Auftreten stark dem religiösen Fundamentalismus ähnele. Trotz der umstrittenen Papstäußerungen plädiert Bahr dafür, dass Katholiken und Protestanten in Zukunft an einen Tisch kommen.

Jahrelang baute Ilona Baumgärtner in ehrenamtlicher Arbeit einen kirchlichen Kleider- und Tafelladen in Trossingen auf. Von Anfang an war den Betreibern klar, dass sie keiner Amtskirche angehört. Doch als der Tafelladen lief und Baumgärtner fest angestellt werden sollte, kam es zum Eklat: Als sie ihren Eintritt in die Kirche verweigerte, verlor die 50-Jährige ihren Job und ist seitdem arbeitslos. Noch heute ist Ilona Baumgärtner entsetzt: „Das war mein Traumjob! Ich habe das für die Bedürftigen getan, nicht für die Kirche.“

Heute studiert Benedikt Treimer weit weg von seinem Heimatort, doch die Erinnerung ist stets präsent: Der ehemalige Ministrant wurde im Alter von zwölf Jahren massiv von einem katholischen Priester sexuell belästigt. Statt den Täter künftig von Kindern und Jugendlichen fernzuhalten, setzte die Kirche ihn schon ein Jahr später in einer anderen ahnungslosen Gemeinde ein. Dort missbrauchte der Pfarrer jahrelang weitere Kinder. Zwar wurde der Priester diesmal rechtskräftig verurteilt und saß im Gefängnis. Doch noch heute wartet die fassungslose Gemeinde auf eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche.

Straftaten wie sexuelle Belästigungen werden von der Kirche konsequent aufgedeckt. Daran hat der katholische Weihbischof Franz-Josef Overbeck keine Zweifel. Ebenso fordert Overbeck aber auch mehr Fairness etwa von den Medien. „Der Papst hat sich zu Pius-Bruder Williamson und dessen Holocaust-Leugnung eindeutig geäußert, das aber wurde nur unzureichend übermittelt“, sagt der Titularbischof, der angesichts der Niederlage von Pro-Reli in Berlin derzeit in Deutschland einen aufkeimenden „aggressiven Atheismus“ erkennt.

„Es gibt keinen Gott“ – mit solchen Werbesprüchen möchte Philipp Möller seine atheistische Überzeugung auf Bussen und Bahnen publizieren. Obwohl vielerorts christliche Sinnsprüche auf öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen sind, haben die Verkehrsbetriebe die atheistische Kampagne in allen deutschen Städten abgelehnt. Für Möller eine Ungerechtigkeit und ein Indiz dafür, wie weit der lange Arm der Kirchen reicht. Doch der 28jährige Lehrer gibt nicht auf, denn: „Nichtgläubige sollen sich in der Öffentlichkeit genauso repräsentiert sehen wie Kirchenmitglieder!“

Alle Sendetermine:
15.05.2009, 22.00 Uhr, Nachtcafé, SWR Fernsehen

Letzte Änderung am: 04.04.2009, 00.02 Uhr

Nachtcafé

Sendung zum SehenGesprächsrunde

SendezeitWieland Backes moderiert die Sendung Ich trage einen großen NamenFreitags, 22.00 Uhr

im SWR Fernsehen

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