Vor allem für ältere, kranke oder behinderte Menschen kann das ein Weg sein, um am sozialen Leben teilzunehmen. Doch mit dem Medium verändert sich die Art, wie wir in unserer Gesellschaft miteinander kommunizieren, und Stimmen werden lauter, die skeptisch gegenüber der „Internetisierung“ unseres Alltags sind. Denn die wirft Fragen auf, nicht nur bei Datenschützern:
Wie beständig und wie wertvoll sind denn die online entstandenen Kontakte und Freundschaften? Was passiert mit persönlichen sensiblen Daten, wenn man sie einmal ins Netz gestellt hat? Verrohen Jugendliche, die online ungehindert Zugang zu Pornos und Gewaltvideos haben?

v.li.: Christoph Hirte, Roland Ott, Friedhelm Weidelich, Marianne Koch, Wieland Backes, Matthias Mattussek, Hannelore Bauersfeld, Sascha Lobo.
Die Gäste:
Die langjährige Schauspielerin und prominente Ärztin Marianne Koch hat eine gespaltene Haltung dem Internet gegenüber. Sie sieht die Gefahr, dass die menschliche Kommunikationsfähigkeit unter dem Internet leidet. Zudem warnt die Medizinerin vor eigenständig gesuchten Diagnosen und Therapien aus dem Netz. Persönlich greift der frühere Weltstar jedoch gerne auf das Internet zurück: „Das Internet ist praktisch, es vereinfacht unseren Alltag. Aber die Nachteile sind nicht zu unterschätzen.“
Der Publizist Matthias Matussek nutzt die Vorteile des Internets nach Kräften. Vor wenigen Wochen erschien die 100. Folge seines satirischen Videoblogs „Matusseks Kulturtipp“, in der der 54-jährige den Zuschauern näher bringt, was ihn gerade umtreibt. Der Provokateur trägt seit Anfang des Jahres den Titel „Online-Journalist 2008“. Die Grenzen des Internets sieht er noch lange nicht erreicht: „Die Entwicklungsmöglichkeiten sind bei weitem nicht ausgeschöpft. In Zukunft wird noch stärker visuell über Kameras kommuniziert.“
Der Düsseldorfer Journalist Friedhelm Weidelich hält Weblogs und viele andere Erscheinungsformen des Internets für gnadenlos überschätzt. Der 56-jährige hat verschiedene, überwiegend negative Erfahrungen mit digitalen Netzwerken, Internet-Foren und Internet-Partnerbörsen gemacht. Sein Fazit: „Viele Internet-Phänomene sind ein Tummelplatz für Selbstdarsteller und Möchtegern-Professionalisten – abgesehen von den zum Teil gefährlichen Folgen wie Datenmissbrauch.“
Das sieht Sascha Lobo ganz anders: der 33-jährige Autor und Werbetexter ist der Wortführer einer Gruppe junger Menschen, die – gestützt auf das Internet – als freischaffende Kreative ihr Geld verdienen. Lobo führt diese „Einzelkämpfer“ durch das Internet zusammen und vernetzt sie. Der so entstandenen „digitalen Bohème“ gehört seiner Meinung nach die Zukunft: „Wer dabei sein will, muss online sein. Denn ein großer Teil der Kommunikation findet heute im Internet statt!“
Das Leben von Hannelore Bauersfeld hat durch das Internet eine enorme Bereicherung erfahren. Die 67-jährige lebenslustige Berlinerin drohte zu vereinsamen, nachdem eine Hüfterkrankung sie vor Jahren zum Leben im Rollstuhl zwang. In Internetforen für ältere Menschen fand die alleinstehende Frau neue Kontakte und einige echte Freunde. „Seit ich im Internet unterwegs bin, tobt bei mir wieder das Leben!“
Roland Ott aus dem Schweizer Kanton Graubünden kommuniziert lieber ganz persönlich. Er lehnt das Internet vollkommen ab. Auch auf die Vielzahl an Informationen, die er im Internet bekommen könnte, legt er keinen Wert; er glaubt, dass diese Informationsflut die Menschen überfordert und sie ihrer Umgebung entfremdet. „Im Internet bin ich nicht in der Realität. Was ist noch real um mich herum, wenn ich nur noch in der ganzen Welt unterwegs bin?“, fragt der 45-jährige Älpler und Käsemacher, der ohne Strom, Telefon- und Internetanschluss lebt.
Welche Gefahren das Internet birgt, hat der 52-jährige Familienvater Christoph Hirte schmerzlich erfahren. Sein 24-jähriger Sohn wurde vor einigen Jahren onlinespielsüchtig, nachdem er immer mehr in das größte bekannte Computer-Rollenspiel „World of Warcraft“ eingetaucht war. „Wir haben unseren Sohn an das Internet verloren“ sagt Hirte, der sich ganz dem öffentlichen Kampf gegen die Onlinespiel-Sucht verschrieben hat.
An der Bar:
Der 25-jährige Marcel Kotzur führt seit über einem Jahr ein öffentliches Leben im Internet. Dort kann man den Alltag des Berliners beobachten – wie er isst, duscht oder Freunde trifft. Die Besonderheit: Die Zuschauer können in Kontakt zu Kotzur treten, indem sie Mails schreiben oder im Chat-Room mit ihm und anderen Usern diskutieren. Mit diesem Experiment will Kotzur herausfinden, wie sich eine solche Dauerbeobachtung auf einen Menschen und sein Umfeld auswirkt.
Letzte Änderung am: 28.10.2008, 13.01 Uhr