Sendung vom Freitag, 18.9.2009 | 22.00 Uhr | SWR Fernsehen
Und in der modernen Reproduktionsmedizin scheint heutzutage fast alles möglich zu sein: Neben den neuen Techniken wie der Eizellspende und der Leihmutterschaft erscheint die Samenspende fast wie ein alter Hut.
Längst können Paare in den USA im Katalog den Spender nach Maß aussuchen: gestaffelt nach Größe, Haarfarbe und IQ. Aber wie gehen die erwachsenen Wunschkinder, die aus anonymen Spenden gezeugt werden damit um, niemals ihre genetischen Eltern kennen lernen zu können? Und ist ein Kind aus fremder Ei- und Samenzelle wirklich noch das eigene Kind?
Sollte alles was medizinisch möglich ist auch wirklich getan werden? Wie weit gehen Paare um sich den Kinderwunsch zu erfüllen? Was ist, wenn sich das geplante Wunschkind im Bauch nicht gesund entwickelt oder bei der Geburt der Wunsch auf die Wirklichkeit trifft? Darüber spricht Wieland Backes mit seinen Gästen.
Der Weg zum Familienglück hat den Spiegel-Journalisten Dieter Bednarz gemeinsam mit seiner Frau durch die Labore der modernen Reproduktionsmedizin geführt. Nach Jahren in der Hand führender Mediziner war das Paar mit den Nerven am Ende und hatte die Trennung schon vor Augen. Ein letzter Versuch erfüllte dem Paar dann den ersehnten Kinderwunsch gleich doppelt – Zwillinge. Als „Gottesgeschenk“ folgte Tochter Rosa kurz darauf. Dieter Bednarz berichtet vom „Überleben an der Wickelfront“ und der Spanne zwischen Wunsch und kraftaufreibender Kinder-Wirklichkeit.
Paare mit Kinderwunsch behandelt auch der tschechische Arzt Prof. Zdenek Maly in seiner Privatklinik im tschechischen Brünn. Zum Standardprogramm der Kinderwunschbehandlung gehören in seiner Praxis neben den konventionellen Methoden auch Eizellspenden, Embryonentransfers und Samencocktails. Denn was hierzulande verboten ist, ist nur wenige Kilometer hinter der Grenze erlaubt. Von „Kinderwunschindustrie“ und „Fruchtbarkeits-Tourismus“ sprechen die einen. „Eine Freiheit für die Paare“, argumentiert dagegen Prof. Zdenek Maly.
Sylvia Malkmus’ zweite Schwangerschaft gleicht einer Lotterie: Die Agraringenieurin hat bei Prof. Maly in Tschechien zwei Embryonenspenden bekommen, d.h. sowohl die Eizelle als auch der Samen waren gespendet. Zusätzlich zu den fremden Embryos ist ihr eine eigene, mit Fremdsamen befruchtete Eizelle eingesetzt worden. Welcher der Embryonen sich bei der im vierten Monat Schwangeren eingenistet hat, interessiert sie nicht: „Ich nenne das ohnehin frühe Adoption“, sagt die Agraringenieurin.
Mechthild Löhr lehnt jede Form der künstlichen Befruchtung strikt ab. Die Vorsitzende des Vereins „Christdemokraten für das Leben“ argumentiert auch aus eigener Betroffenheit – sie hat sich vor Jahren selbst mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit abgefunden und sich bewusst gegen ärztliche Hilfe entschieden. „Man muss lernen mit unerfüllten Wünschen zu leben. Das ist wahre menschliche Größe.“ Heute konzentriert sich Mechthild Löhr auf den Kontakt zu ihren zehn Patenkinder in aller Welt.
Julian war ein absolutes Wunschkind. Doch nach einer routinemäßigen Ultraschall-Untersuchung teilten die Ärzte Brigitte Berkhoff die Diagnose „mehrfach schwerst-behindert“ mit. Für die Schwangere begann eine tränenreiche Zeit voller Zweifel und Ängste. Nach langem Ringen entschied sich das Paar für den Sohn. Der mittlerweile sechs Jahre alte Julian ist ein wahres Energiebündel und kann viel mehr als die Ärzte ihm je zutrauten. Ihre Entscheidung haben die Berkhoffs keine Sekunde bereut.
Antonija Macan wird ihren genetischen Vater nie kennen lernen. Mit 22 Jahren brach für die junge Frau eine Welt zusammen als sie feststellte, dass sie mittels einer Samenspende gezeugt wurde. Seither treibt sie die Suche nach den Wurzeln um. Doch die Suche blieb bisher erfolglos, denn der Arzt behauptete alle Unterlagen vernichtet zu haben. „Anonyme Samenspenden geschehen auf Kosten des Kindes“, sagt sie heute. „Man muss wissen woher man kommt um zu wissen wohin man geht.“
Der Moralethiker Dr. Rainer Erlinger beantwortet in seiner wöchentlichen Kolumne „Die Gewissensfrage“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung seit Jahren Moral- und Grenzfragen des täglichen Lebens. „Die Freiheit sich fortzupflanzen ist ein ungeschriebenes Grundrecht für alle“, schreibt er dort. Dennoch zeigt der promovierte Mediziner und Jurist auch Grenzen in der modernen Reproduktionsmedizin auf.
Ed Houben ist der Star unter den Samenspendern: Mittlerweile ist Houben 52-facher Vater und sein Nachwuchs lebt in ganz Europa verteilt. Neun weitere Kinder sind gerade unterwegs. Auch die deutsche Bärbel Albietz und ihre Lebensgefährtin entschieden sich für Ed als Vater ihres Wunschkindes. „Uns war es wichtig, dass unser Sohn seinen Vater später kennen lernen kann“, sagt die Mutter des mittlerweile dreijährigen Nicholas, „und bei Ed hatten wir ein gutes Gefühl.“
Letzte Änderung am: 07.08.2009, 22.42 Uhr
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