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Kulturgespräch 22.5.2013 Pointierte Wagner-Welt

Graphic Novel-Autor Andreas Völlinger über Wagners Leben als Comic

Richard Wagner als Comicfigur? Warum nicht. Andreas Völlinger hat das Leben Wagners in Sprechblasen gepackt. Illustriert hat das Ganze Flavia Scuderi. Die Graphic Novel über Wagners Leben und Werk soll am 10. Juni erscheinen. Der Comic-Roman ist Teil eines Cross Media Events, zu dem auch der Dokumentarfilm "Wagnerwahn" gehört, der heute Abend, 22.5.13, in ARTE und am 29. Mai im SWR Fernsehen läuft. Eine interaktive Version des Wagner-Comics gibt es als Multimedia-App, die heute, am Geburtstag Wagners, den ganzen Tag lang kostenlos zum Download bereitsteht.

Herr Völlinger, als Sie das Angebot für diesen Comic bekommen haben, was hatten Sie da für ein Verhältnis zu Wagner?

Ich muss es gestehen, ich war vorher weder Wagnerianer noch sonst besonders interessiert an ihm. Ich hatte eher ein oberflächliches Allgemeinwissen. Als das Angebot kam, habe ich sehr schnell zugesagt. Als mir klar wurde, worauf ich mich da eingelassen hatte, hatte ich auch ein bisschen Angst vor der eigenen Courage. Dass ich diese unglaublich umstrittene Musikikone jetzt in Form eine Comic Biografie wieder aufleben lassen sollte. Aber ich fand es auch unglaublich spannend. Besonders die Zeit, in der Wagner gelebt hat. Was da alles im Hintergrund politisch lief, was er selbst erlebt hat. Er hat ein sehr dramatisches Leben geführt.

Sie haben sich also erstmals intensiv in das Leben und Werk Wagners eingearbeitet. Sind Sie denn jetzt zum Wagnerianer geworden?

Zum Fan vielleicht nicht, aber ich sehe ihn jetzt natürlich von einer ganz anderen Seite. Und ich finde ihn als Person und als Künstler immer noch unglaublich interessant -  vielleicht sogar noch mehr als früher. Ich werde aber nicht nach Bayreuth pilgern.

Die Comic-Form erfordert kurze Texte, schnelle Wortwechsel und treffsichere Pointen. War das bei Wagner, der selbst zu epischen Überlängen neigt, nicht besonders schwierig?

Das war durchaus schwierig, denn Wagner neigte nicht nur in seiner Musik zum Bombastischen, sondern auch in seiner Sprache. Das kann man an den erhaltenen Briefen von ihm sehr gut erkennen. Oder auch an Zitaten. Ich glaube, ein Zeitgenosse Wagners schrieb, dass Wagner ohne Pause und Unterlass unglaublich schnell sprach  - und nur über sich selbst. Es war wirklich eine Herausforderung, das überzeugend im Comic rüberzubringen, ohne die Leser mit den Texten zu erschlagen. Denn wir haben ja ganz wunderbare Bilder, die nicht hinter Sprechblasen versteckt werden sollen. Ich musste sehr viele Dialoge im Nachhinein streichen. Es war nicht einfach.

Wie wichtig war Ihnen die historische Wahrheit?

asdfRelativ wichtig. Der Film "Wagnerwahn", der heute Abend auf ARTE läuft, beschäftigt sich mit den Tatsachen auf eine sehr künstlerische, relativ freie Art. Im Comic hatten wir die Chance, ohne viel Geld in die Hand nehmen zu müssen, die historische Kulisse und Wagners Zeitgenossen wieder auferstehen zu lassen. Wagners Leben an sich ist schon unglaublich spannend und dramatisch. Da musste man gar nicht viel dramatisieren oder dazu erfinden, was Kollegen gerne machen, wenn es um historische Figuren geht, die in dem Sinne kein druckreifes Leben geführt haben. Bei Wagner ging es eher darum, dass man viele Ereignisse, die auch interessant gewesen wären, rausschneiden musste, weil es eine Flut von spannenden und dramatischen Momenten gab.

Sie erzählen Wagners Geschichte aus der Sicht Hans von Bülows. Komponist, Pianist, Dirigent und ein glühender Verehrer Wagners, der allerdings seine Frau Cosima an sein Idol verloren hat. Warum gerade Hans von Bülow als Erzähler?

Die Idee war, eine Figur zu haben, die uns nahe bringt, warum Wagner schon zu Lebzeiten diese kultartige Verehrung ausgelöst hat, die ja bis in die Gegenwart existiert. Wagner hatte als Künstler, aber auch als Mensch etwas unglaublich Anziehendes, Einnehmendes, obwohl er auch damals schon die Menschen in Verehrer und Feinde gespalten hat. Hans von Bülow ist vielleicht das exponierteste Beispiel eines Wagnerianers in der damaligen Zeit, der unglaublich viel von Wagner angenommen hat. Der von ihm zum Dirigenten ausgebildet wurde. Selbst später, als er seine Frau Cosima an seinen künstlerischen Ziehvater verloren hatte, hat er ihm immer noch eine ganze Weile die Treue gehalten, hat für ihn dirigiert und sogar später den Bau des Bayreuther Festspielhauses mit Benefizkonzerten unterstützt. Hans von Bülow ist ein unglaubliches Beispiel künstlerischer Hingabe an jemanden, der menschlich durchaus zweifelhaft war und auch seine Freunde teilweise gnadenlos ausgenutzt hat.

Kommt Wagner in Ihrem Comic denn auch so zwiespältig rüber? Arbeiten Sie diese Gegensätzlichkeit Wagners heraus, also auch den Charakter des Menschen Wagner?

Ich habe es versucht. Auf dem begrenzten Platz, der mir zur Verfügung stand, spreche ich natürlich auch die negativen Seiten Wagners an. Seinen Antisemitismus, seine Verschwendungssucht, seinen Opportunismus. Es lag uns am Herzen, Wagner als greifbaren Menschen zu zeigen und nicht als Ikone, zu der er später gemacht wurde.

Für wen haben Sie diesen Comic geschrieben? Muss ich Leben und Werk Wagners kennen? Oder kann ich da auch als junger Mensch rangehen und denken: Wagner? Hab ich noch nie was von gehört. Guck ich mir jetzt mal an?

Der Anspruch lag wirklich darin, den Comic für eine breite Leserschaft zu schreiben. Dass sowohl der Wagnerianer seine Freude an vielen kleinen Details, am Auftauchen verschiedener Figuren haben kann als auch derjenige, der Wagner nur vom Hörensagen kennt oder vielleicht gar nicht - was ich mir gar nicht vorstellen kann. Man soll den Comic lesen und verstehen können und danach wenigstens einen groben Eindruck haben, was für eine Figur, was für eine Persönlichkeit dieser Mann eigentlich war.

Die Veröffentlichung hat sich etwas verzögert. Das Buch war zunächst für Mai angekündigt, jetzt wird es erst zum 10. Juni fertig. Im Moment liegt erst die halbe Geschichte vor. War der Wagner-Comic aufwendiger, als Sie gedacht haben?

Der Zeitraum, der uns gesteckt wurde, war doch etwas knapp. Während der Produktionszeit stellte sich auch heraus, dass gerade die historischen Szenen sehr viel Recherche benötigen und auch unglaublich viel Arbeit seitens der Zeichnerin, um alles historisch korrekt darzustellen. Wir haben das Glück, dass wir mit Flavia Scuderi eine unglaublich detailverliebte Zeichnerin gewonnen haben, die ganz darin aufgeht, Wagners Lebensorte nachzuzeichnen. Und da muss man in den sauren Apfel beißen und noch ein paar Wochen draufschlagen. Dafür bekommen wir dann aber auch wirklich tolle Bilder zu sehen.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Comic-Autor Andreas Völlinger führte Ulla Zierau am 22.5.2013 um 7.45 Uhr.

Wagner. Die Graphic Novel
Andreas Völlinger, Flavia Scuderi
Erscheint im Juni 2013

Büste von Richard Wagner

Schwerpunkt

Wagner 200

Richard Wagners Geburtstag jährt sich am 22. Mai zum 200. Mal.

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